Noch bevor sich die Flugzeugtür schloss, fiel mir die unruhige Frau auf dem Nachbarsitz auf. Immer wieder erhob sie sich und spähte nach vorn und hinten. Zweimal ließ sie eine Flugbegleiterin kommen und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Zunächst dachte ich, sie hätte Flugangst. Doch die Vertrautheit zwischen ihr und dem Kabinenpersonal sprach dagegen. Dann bemerkte ich ein kleines Mikrofon in ihrer Tasche. Sicherheitspersonal in Zivil? Eher unwahrscheinlich. Die treten gewöhnlich als Männer in unauffälligen dunklen Windbreaker-Jacken auf.
Der Flug FM 802 der Shanghai Airlines von Taipeh nach Shanghai ist, wie die meisten Verbindungen zwischen Taiwan und China, ausgebucht. Zwischen 11.30 und 12.30 Uhr zählte ich auf der Anzeigetafel am Flughafen Taipeh-Songshan sieben Flüge nach Shanghai – angeboten von drei verschiedenen Gesellschaften: Shanghai Airlines (FM), China Eastern (MU) und China Airlines (CI) aus Taiwan. Zusammen mit dem internationalen Flughafen Taoyuan, 40 Kilometer entfernt, gibt es heute wieder mehr als 50 tägliche Direktverbindungen mit dem Festland. Vor der Pandemie waren es allerdings doppelt so viele.
Die reine Flugzeit beträgt weniger als 70 Minuten. Dennoch wird eine warme Mahlzeit serviert – eine angenehme Überraschung für Reisende aus Europa, die sich dort längst an die Kargheit der Services gewöhnt haben. Meine Sitznachbarin verzichtet darauf. Stattdessen zieht sie eine Arbeitsmappe aus ihrem Rucksack hervor. Eine Namensliste mit zahlreichen handschriftlichen Notizen. Dann ein Programmheft. Auf dem Deckblatt: „Yunnan“, in kaligraphischen Schriftzeichen. Die Frau ist also eine Taiwan-Reisebegleiterin, die sich aber solange nicht als solche zu erkennen geben darf, bis sie Shanghai erreicht.
Im Gesamtjahr 2025 unternahmen Taiwaner offiziellen Angaben zufolge 3,24 Millionen Reisen nach Festlandchina – ein Anstieg um knapp 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nicht eingerechnet sind die indirekten Einreisen, vor allem über Hongkong oder Macau. Taiwanische Medien schätzen die tatsächliche Zahl deshalb bereits auf rund vier Millionen. Damit wäre das Niveau von 2019 nahezu wieder erreicht. Auch 2026 setzt sich der Trend fort. Im ersten Quartal stieg die Besucherzahl nochmals um 27,6 Prozent. Selbst die Zahl der Erstbesucher nahm um 4,5 Prozent zu – darunter viele junge Menschen aus Taiwan.
Dabei ist organisierter Gruppen-Tourismus nach Festlandchina in Taiwan seit Juni 2024 offiziell untersagt. Seitdem gilt auch die Reisewarnstufe Orange unverändert bis heute. Übersetzt: Auf nicht zwingend notwendige Reisen soll verzichtet werden. Erlaubt sind dagegen individuelle Buchungen von China-Flug sowie Hotel. Die Politik verfehlt aber bislang ihre beabsichtigte Wirkung. Das Interesse am Festland bleibt ungebrochen. Immer mehr Reiseveranstalter drängen in das Geschäft und schaffen so einen florierenden Graumarkt.
Kaum hat die Maschine am Gate angedockt, springt die diskrete Organisatorin als Erste auf. Nun lächelt sie. Ohne Namensschild und ohne offizielle Vorstellung beginnt sie, gezielt Passagiere in bestimmten Reihen zu begrüßen. Zuvor hat sie die Teilnehmerliste genau studiert. Ein Paar eine Reihe hinter uns erwidert ihre Begrüßung freundlich. Sie sagt: „Warten Sie bitte nach der Passkontrolle am Gepäckband. Dort sammle ich alle ein. Benutzen Sie bei der Einreise Ihren Taibao Zheng.“
Die offizielle Bezeichnung für „Taibao Zheng“ lautet „Mainland Travel Permit for Taiwan Residents“. Da sich die Volksrepublik und Republic of China auf Taiwan gegenseitig nicht als souveräne Staaten anerkennen, reisen die Menschen auf beiden Seiten der Taiwanstraße seit Jahrzehnten mit besonderen Reisedokumenten. Festlandchinesen benötigen ihrerseits eine „Permit for Travelling to and from Taiwan“ sowie zusätzlich die von Taiwan ausgestellte Einreisegenehmigung, den sogenannten „Rutai Zheng“. Dazu später mehr.
Der Mann, vielleicht Anfang sechzig, nickt. „Das weiß ich. Vor Covid war ich regelmäßig auf dem Festland. Jetzt ist es das erste Mal seit der Pandemie.“ Sie fragt: „Dann waren Sie bestimmt auch schon einmal in Yunnan?“ er erwidert: „Nein. Früher ging es immer nur um Geschäfte. Das Festland verändert sich so schnell. Ich bin gespannt.“
„Das Festland verändert sich so schnell.“ Kaum ein Satz fällt in Taiwan häufiger, sobald ein Gespräch auf China – oder, wie viele hier sagen, auf „Da Lu“, das Festland – kommt.
Wan Hua Zhen notiert sich den Namen der Agentur und schaut später auf deren Internetseite nach. Dort werden 16 verschiedene Reiserouten angeboten. Die Schwerpunkte liegen auf Yunnan, Sichuan und Xinjiang. Zwar prangt auf der Startseite der Begriff „Individualreise“ (Zi You Xing), doch der Veranstalter macht keinen ernsthaften Versuch, den Gruppencharakter seiner Angebote zu verbergen.
Für eine achttägige Yunnan-Reise im September werden, ohne Flug aber dafür in den besten Unterkünften, ungerechnet 3 600 Euro verlangt. Direkt daneben steht der Hinweis: „Die Durchführung der Reisegruppe ist garantiert.“
„Oben gibt es Politik, unten gibt es Taktik (d.h. Gegenmaßnahmen)“ (上有政策,下有对策) lautet ein in China weitverbreitetes Sprichwort. Offenbar gilt es auch in Taiwan.
3 600 Euro für gut eine Woche können sich die Durchschnittstouristen leisten. Wan Hua Zhen ist zufällig auf einen Anbieter im oberen Preissegment gestoßen. Vergleichbare Reisen werden in Taiwan für deutlich unter 1 000 Euro angeboten.
Die öffentlichen Diskussionen drehten sich auch gar nicht um die Kosten, sondern um die fehlende Absicherung der Reisenden, die sich auf diesen Graumarkt begeben. Erst im März kam es in schwierigem Gelände der Provinz Gansu zu einem schweren Verkehrsunfall. Betroffen war eine Reisegruppe mit mehr als 30 Taiwanern. Es gab Tote und Verletzte. Da solche Reisegruppen offiziell gar nicht existieren dürfen, konnten Fragen nach Versicherungsschutz und Haftung lange nicht geklärt werden. Und es war nicht die erste Tragödie dieser Art in den letzten Jahren gewesen.
Chinesische Touristen haben dieses Problem nicht. Denn sie dürfen kaum noch nach Taiwan reisen. Den drei bis vier Millionen Taiwanern, die 2025 das Festland besuchten, standen lediglich rund 600 000 aus China gegenüber, die nach Taiwan einreisen durften. Die meisten von ihnen kamen aus geschäftlichen Gründen, wegen einer Familienzusammenführung oder waren Festlandchinesen mit dauerhaftem Wohnsitz außerhalb der Volksrepublik. Für alle übrigen gelten doppelte Blockaden: Die chinesischen Behörden stellen seit 2019 keine Reisedokumente aus, die taiwanischen Behörden keine Einreisegenehmigungen.
Einen kleinen Hoffnungsschimmer bietet die vorgelagerte Insel Jinmen (Kinmen). Sie, neben der Insel Mazu, gehört zu Taiwan, liegt jedoch nur etwa 30 Fährminuten von Xiamen entfernt. Seit Ende April dürfen auch Einwohner Shanghais dorthin reisen – sowohl individuell als auch in Gruppen. Nach dem Ende der Pandemie war diese Möglichkeit zunächst ausschließlich Bewohnern der Provinz Fujian vorbehalten.
Die Taiwaner nutzen die Verbindung Jinmen – Xiamen intensiv – allein 2025 waren es rund 1,8 Millionen Reisende. Die Mehrheit reiste weiter ins chinesische Festland hinein. Der Weg in die andere Richtung blieb und bleibt versperrt. Die rund 190 000 Besucher vom Festland, die im gleichen Zeitraum nach Jinmen kamen – Jinmen ist kleiner als Fehmarn – mussten umkehren und nach China zurückkehren. Es ist also nicht damit zu rechnen, dass viele Shanghaier demnächst an den Seafood Stände von Jinmen auftauchen werden.
Dennoch, jede versöhnliche Geste, und sei sie noch so klein, ist willkommen in Zeiten wie diesen.
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Hier erfahren Sie mehr über den Autor und warum die Kolumne Wan Hua Zhen heißt: https://www.chinahirn.de/2024/07/08/was-bedeutet-wan-hua-zhen-der-kolumnist-erklaert-und-stellt-sich-vor/