„Look only at the Ugly Sides, and You Won´t See China”
(Manya Koetse, niederländische Sinologin, What’s on Weibo, 1. Juni)
„Wer (in China) nur das Gute sehen will, sieht zu wenig“
(China-Korrespondent Martin Benninghoff, Handelsblatt, 5. Juni))
Das sind zwei Aussagen, die zufällig innerhalb weniger Tage gemacht wurden, aber das gleiche bedeuten: Man darf und kann dieses riesige, vielfältige und auch widersprüchliche Land nicht nur aus einem Blickwinkel betrachten.
Manya Koetse ist in der globalen Szene der China-Watcher eine bekannte Größe. Die niederländische Sinologin gibt seit 20xy den viel beachteten und gelesenen Newsletter What‘s on Weibo heraus. Weibo ist ein wichtiges meinungsbildendes soziales Medium in China. Dort finden viele Debatten statt, dort kann man Volkes Stimmen vernehmen. Koetse lässt durch ihren englischsprachigen Newsletter das nicht Chinesisch-sprechende Publikum an diesen Debatten teilnehmen.
Martin Benninghoff ist seit Februar 2024 Korrespondent der Wirtschaftszeitung Handelsblatt in Shanghai. Davor war er unter anderem Politikchef bei der Frankfurter Rundschau.
Manya Koetse schrieb ihren Artikel „Look only at the ugly sides, and you won‘t see China” als eine Replik auf einen publizistischen Angriff auf ihre Person. In der Wirtschaftszeitung Het Financieele Dagblad attackierte sie der niederländische Philosoph Sebastian Valkenberg, der ihr vorwarf, eine chinesische Propagandistin zu sein, weil sie in einem Interview über eine sexuelle Belästigung in einem niederländischen Zug berichteteund darauf hingewiesen hat, dass das in China nicht passiert wäre. Wer Manya Koetse und ihre Arbeit kennt, weiß, dass der Vorwurf lächerlich ist und ihre Selbsteinschätzung stimmt: „I am not a mouthpiece of Beijing.“ Sie beklagt in ihrem Artikel: „Anyone who says something positive about China nowadays quickly runs the risk of being dismissed as a propagandist.” Und sie stört sich an der Debatte in den Niederlanden, aber auch im übrigen Europa: „We live in a time when debates about China are increasingly dominated by extremes. Some see the country as a miracle state; others see it only as a dystopian nightmare. Both views feel short.”
Ähnlich wie Koetse argumentiert Martin Benninghoff. In seinem zweiseitigen Essay im Handelsblatt kritisiert er das Schwarz-Weiß-Denken in der China-Diskussion: „Das Land ist weder das wirtschaftliche Vorbild, als das es manche sehen, noch der Feind, den andere heraufbeschwören. China ist mächtig und widersprüchlich – und verdient eine nüchterne Debatte.“ Doch diese finde nicht statt, weil sich zwei Echokammern gebildet hätten: In der einen werde das Businessnarrativ (“China kann alles besser“) verbreitet, in der anderen das Sicherheitsnarrativ („China ist überall Rivale, mitunter sogar Feind“). Nötig wäre jedoch Differenzierung, doch diese gelte als langweilig, Abwägung als Relativierung. Grautöne seien blass. Rhetorisch fragt Benninghoff: „Aber was ist, wenn die Realität einmal so ist?“
Selbstkritisch räumt Benninghoff ein, dass auch die Medien zu dieser Polarisierung beigetragen haben: „Auch die mediale Dynamik und die polarisierende Logik sozialer Netzwerke begünstigt die Schwarz-Weiß-Einteilung.“ Wer die schärfsten Thesen aufstelle, bekomme die meisten Reaktionen. Aktuell ist das hierzulande am Fall Andreas Fulda zu beobachten. Der bis dato eher zweitklassige Sinologe und Politikwissenschaftler an der University of Nottingham hat ein Buch mit einer steilen These über den bevorstehenden Angriff Chinas auf Taiwan geschrieben und haut auch sonst munter auf China ein. China-Bashing as its best. Ein solch Vereinfacher wird derzeit in den Medien hofiert und herumgereicht. „Wer (aber) nur das Schlechte sehen will, sieht zu wenig“, schreibt Benninghoff und plädiert für eine differenzierte Sichtweise, die sowohl das Negative als auch das Positive im Auge hat: „Repression benennen, aber Fortschritt anerkennen.“ China sei ein Land voller Widersprüche („innovativ und repressiv, dynamisch und erstarrt“), das in dieser Widersprüchlichkeit auch beschrieben werden muss. Doch dies geschieht hierzulande meist nicht. Es stehen sich die zwei Lager in den oben beschriebenen Echokammern gegenüber, derzeit unversöhnlicher denn je.
„So geht die China-Debatte nicht weiter!“ fordert deshalb Benninghoff. Und er hat Recht – ebenso wie Manya Koetse.
Sie sind aber nicht die einzigen, die eine andere, eine ausgewogenere China-Diskussion fordern. Auch in der Wissenschaft, die ja qua Selbstverständnis zur Differenzierung verpflichtet ist, regt sich Unmut. Vor ein paar Monaten hat Marina Rudyak, Sinologin an der Uni Heidelberg, dazu ein kluges und empfehlenswertes Buch geschrieben: „Dialog mit dem Drachen“. In der Analyse stimmt sie mit Benninghoff und Koetse überein: „Unser China-Bild ist häufig von Vereinfachungen, Stereotypen und geopolitischen Projektionen geprägt.“
Als Ausweg fordert Rudyak strategische Empathie ein. Das sei die Fähigkeit, sich in das Denken eines Gegners hineinzuversetzen und zu erkennen, was ihn antreibt. Rudyak: „Ziel ist es, die Positionen des anderen nachzuvollziehen und zu verstehen, ohne sie deswegen teilen zu müssen.“
Danke Marina Rudyak, Danke Maya Koetse, Danke Martin Benninghoff – sie haben eine wichtige Debatte losgetreten.
Info:
Der Artikel von Martin Benninghoff ist hinter der Bezahlschranke: https://www.handelsblatt.com/politik/international/essay-so-geht-die-china-debatte-nicht-weiter-zwischenruf-aus-shanghai/100229379.html
Manya Koetse hat ihren Artikel aus dem Niederländischen ins Englische übersetzt und auf ihre Homepage gestellt: https://www.whatsonweibo.com/look-only-at-the-ugly-sides-and-you-wont-see-china/
Hinweis auf das Buch von Marina Rudyak: Dialog mit dem Drachen, Campus Verlag, 240 Seiten, 28 Euro.