Wie Europa China sieht, ist bekannt – zumindest für die Leser dieses Newsletters. Regelmäßig – in den vergangenen Monaten in nahezu jeder Ausgabe – berichtete ich über das immer schwieriger werdende Verhältnis zwischen der EU und China. Bis vor kurzem galt noch die seit 2019 von der EU offiziell festgeschriebene Betrachtung Chinas als Partner, Wettbewerber und Rivale. Doch dieser Dreiklang ist inzwischen geschrumpft. Derzeit ist von China nur noch als Wettbewerber und Rivale, oft auch als systemischer Rivale die Rede. In den vergangenen Monaten ist der Ton noch rauer geworden. Berlin und Brüssel werfen China vor, mit seinen Überkapazitäten und Subventionen sowie einer Unterbewertung des Yuan die europäische Wirtschaft massiv zu schädigen.
So düster sieht Europa inzwischen auf China. Wie betrachtet aber China die Europäische Union?
Dazu habe ich drei Quellen ausgewertet, die das nicht Chinesisch-sprechende Publikum regelmäßig durch englische Übersetzungen an Debatten in China teilnehmen lässt: der (werk-)tägliche Newsletter des indischen Sinologen Manoj Kewalramani, der jeden Morgen das Parteiblatt People‘s Daily auswertet; der Newsletter Sinification (siehe dazu weiter unten mehr) und der Blog Cross Purposes des Sinologen Matthias Hackler, der in Brüssel europäischen Abgeordneten zuarbeitet.
Fast alle Kommentatoren sehen Europa im Abstieg. Su Qingyi (Institute of World Economics and Politics der CASS) schreibt, “Europe has to accept its ongoing decline” und “to realize it is becoming a second-rate power”. Jin Canrong (Renmin Universität) sieht Europa ebenfalls “in trouble”. In vielen fortgeschrittenen Industrien hinke Europe hinterher. Beispiel KI: „in this field, the US is leading, with China closely pursuing behind. Europe has actually fallen behind and barely ranks third.” Europa sei mal Chinas Lehrer gewesen, aber das gelte nicht mehr. Zhong Sheng (anonymer Leitartikler in People‘s Daily) nennt drei Gründe für Europas mangelnde Wettbewerbsfähigkeit: „high energy costs, vacillating industrial policy and insufficient innovation momentum.“ Vor allem die hohen Energiepreise in Europa führen viele Kommentatoren als einen Hauptgrund für die Misere an. Ein Xinhua-Papier von drei Wissenschaftlern nennt noch einen weiteren Grund: die hohen Sozialausgaben. Sie sehen die EU-Staaten in einem „welfare gap“, den sie so beschreiben: „Fiscal spaces locked up by high social welfare and pension spending, with little left for strategic industrial policy.“
Weil Europa viele Probleme habe, befinde es sich in einem Teufelskreis, schreibt Yunyuan Tantian, das Online-Portal des Staatssenders CCTV: „The more difficulties internally, the more protection; the more protection, the less impetus for transformation.“ Aufgrund ihrer internen Schwierigkeiten flüchte die EU in den Protektionismus, vor allem gegenüber China – das ist ein immer wiederkehrender Vorwurf. Sun Yanchung (Institute of European Studies bei der CASS) schreibt: “Because Europe is lagging behind China in critical areas, it is regarding China as a primary economic competitor.” Jian Junbo (Fudan Universität) analysiert: „The EU has introduced a series of restrictive policies, attempting to contain the growth momentum of China’s high-end manufacturing to a certain extent.” Zhou Xiaoming (ehemaliger Vertreter Chinas bei der UN in Genf) stellt fest, dass inzwischen der Begriff systemischer Rivale „the dominant framework of the EU´s policy toward China“ sei. Das habe Folgen: „The ideologization of Europe´s policy toward China will ensure that China-EU economic and trade frictions persist.” Eine Meinung, die Jian Junbo (Fudan Universität) teilt: “Economic and trade frictions will not disappear in the foreseeable future, and may even escalate.”
Kommt es gar zu einem Handelskrieg? Su Qingyi warnt schon mal vor den Folgen für Europa: „A trade war will severely weaken the EU’s already fragile competitiveness, disrupt its reliance on Chinese supply chains during its green and digital transition.” In Europa wird gerne argumentiert, dass China auf den europäischen (Absatz-)Markt angewiesen sei, es deswegen nicht zu einer Eskalation käme. Doch dieses Argument sticht nach Ansicht von Yunyuan Tantian nicht mehr: „Europe is not indispensable. Many Chinese firms no longer see any single country or region as a necessary market.” Südostasien, der Nahe Osten und Lateinamerika seien im Vergleich zu Europa „easier-entry alternatives.“ So würde China inzwischen mehr nach SO-Asien (665 Milliarden $) als in die EU (650 Milliarden $) exportieren.
Diese Meinung teilt Zhou Xiaoming nicht. Er nennt zwei Gründe, warum China nicht an einem Handelskrieg interessiert sei. Erstens: „EU is an extremely important market for China.“ Und zweitens: „The EU is a key factor in preventing a Third World War. If the EU truly becomes an independent and autonomous pole, rather than colluding with the United States, the probability of a Third World War breaking out, would be significant low.”
Dazu muss sich aber Europa ändern, seine Abhängigkeit von den USA reduzieren, was viele Kommentatoren wünschen. Ebenso fordern sie von der EU mehr Selbstkritik: „Europe must reconfigure its self-perception“, schreibt Su Qingyi. Wenn der EU das gelinge, sei sie auch zu mehr Kooperation mit China fähig, folgert Su. Aber von einer solchen selbstkritischen Analyse ist Europa derzeit weit entfernt.
Info:
Hier der Link zum Blog Cross Purposes von Matthias Hackler: https://crosspurposes.substack.com/
Und hier zu Manoj Kewalramanis Tracking Peoples Daily: https://trackingpeoplesdaily.substack.com/