POLITIK I Siegen ohne Schießen – Ist China der Gewinner im Iran-Krieg?

Derzeit erlebt ein Zitat von Napoleon Bonaparte eine überraschende Aktualität: „Störe Deinen Feind nicht, wenn er einen Fehler macht“. In der englischen Version schaffte der Ausspruch es sogar auf die Titelseite des Wochenblattes The Economist. Dort sind zwei Herren abgebildet – im Vordergrund Donald Trump, im Hintergrund ein leicht grinsender Xi Jinping. Man braucht nicht viel Phantasie, um dieses Titelbild samt Zitat folgendermaßen zu interpretieren: Xi kann genüsslich zusehen, wie sein Großmachtrivale sich ohne Sinn und Verstand in einen Krieg mit dem Iran begeben hat und nur schwer aus diesem wieder herauskommt. Zwar hat Trump mehrmals den Sieg über den Iran verkündet, um sich freilich danach immer tiefer in das Schlammasel zu begeben.

Nein, Sieger sind die USA nicht. Der wahre Sieger in diesem Krieg der USA gegen Iran ist China – und das ohne auch nur einen einzigen Schuss abgeben zu müssen. Über diese Einschätzung sind sich die Beobachter – wenn sie nicht gerade im Dunstkreis des irrlichternden Trump sitzen – nahezu einig. China-Experte Andrew Small (European Council on Foreign Relations) hat seinen Gastbeitrag im Tagesspiegel mit der Überschrift versehen: „Nur China ist der Gewinner.“ Die Beijing-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung Lea Sahay überschreibt ihren Kommentar: „Der Gewinner ist China“. Der renommierte Strategie-Berater Ian Bremmer, Gründer der Eurasia Group Foundation, schreibt in Hindustan Times: „A rare winner in the war on Iran is China.“ Und im britischen The Independent erklärt Chris Blackhurst „How Chan became the big winner from Trump’s war in Iran.“ Blackhurst schreibt: “Diplomatically, China is strengthened. Economically, too.”

Während die USA ihre Verbündeten – ob in Nahost, Fernost und auch in Europa verprellen- schafft sich China neue Freunde. „China präsentiert sich als pragmatischer Stabilitätsanker und als Gegenentwurf zu den USA“, urteilt Lea Sahay. Während die USA jeden Tag Munition im Wert von vielen Millionen Dollar verballerte und verpulverte, agiert China als nahezu stiller Vermittler und profitiert dabei von seinen jahrelang aufgebauten Beziehungen zum Iran, aber auch zu den Golfstaaten (wo China Milliarden investiert hat) und zu Pakistan (wo China gewaltige Infrastrukturinvestitionen getätigt hat). Zwar werden immer wieder Pakistans Regierungschef Shahbaz Sharif und vor allem Militärchef General Syed Asim Munir als die großen Vermittler der Friedensgespräche genannt, aber ohne Chinas Wirken im Hintergrund wären diese Gespräche in Islamabad wohl nicht zustande gekommen. Das hat auch Trump in einem kurzen Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP bestätigt. China selbst macht nicht viel Aufhebens um seine diplomatischen Aktivitäten und gönnt Pakistans Führung das Rampenlicht. Immerhin rutschte der Außenamts-Sprecherin bei einer der täglichen Pressekonferenzen aber heraus, dass Außenminister Wang Yi im Vorfeld der Islamabad-Gespräche 26 Gespräche mit Kollegen führte. China punktet also als Friedensvermittler, was auch in der Dritten Welt bzw. im Globalen Süden gut ankommt. Denn viele dieser Staaten leiden wirtschaftlich unter dem Krieg und den daraus resultierenden hohen Energie – und Lebensmittelpreisen. Fabriken müssen dort schließen, Menschen müssen hungern, weil Öl und Gas zum Kochen fehlen. In den Ländern des Globalen Südens weiß man, wem man das zu „verdanken“ hat. Diese Staaten – von denen die meisten ohnehin schon China zugeneigt sind – werden jetzt noch näher an China rücken.

Angesichts des Öl- und Gaspreisschocks werden diese Länder, aber auch viele Industriestaaten ihre Bemühungen verstärken, um sich von den fossilen Energieträgern unabhängiger zu machen. Das heißt im Umkehrschluss: Mehr Investitionen in Solar- und Windanlagen, mehr Elektroautos. Wer wird davon profitieren? China. So titelt das Wall Street Journal völlig zu Recht: „An Iran War Winner: China’s Green Industrial Complex”. China produziert fast 80 Prozent der weltweit verkauften Solarzellen. Bei Elektroautos hat China einen globalen Marktanteil von 70 Prozent. In beiden Branchen herrschen in China Überkapazitäten. China kann also schnell und günstig liefern. Die Frage ist nur, ob die Staaten im Globalen Süden sich das derzeit leisten können. Und die Frage ist auch, ob sich die Länder in eine neue Abhängigkeit – diesmal von China – begeben. Aber das Wall Street Journal weist auf einen wichtigen Unterschied hin: „A crucial difference between renewables and fossil fuels is that buyers only have to pay for a solar panel or wind turbine once. Those buying oil and gas have to constantly import more.”

Und es gibt noch einen entscheidenden Vorteil: Die Sonne kann nicht blockiert werden – auch nicht von den USA.

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