POLITIK I Gipfelnachlese (I): Ein neuer Begriff und seine Folgen

Kaum war das Gipfeltreffen zwischen Xi Jinping und Donald Trump beendet, ging die Diskussion unter den Politikwissenschaftlern und Thinktankern beider Staaten los: Was hat der Gipfel gebracht? Es wurde aber nicht über die (mageren) Deals des Donald Trump diskutiert, sondern über die Worte des Xi Jinping. Dabei ging es eigentlich nur um vier Worte, die er gleich zu Beginn des Gipfels in seinem Eingangsstatement formuliert hatt. Dort bezeichnete er die chinesisch-amerikanischen Beziehungen erstmals als eine „constructive relationship of strategic stability“.

Das war eine neue Wortwahl, ein neuer Slogan, ein neues Narrativ oder – wie man im Chinesischen sagt – ein neues tifa (提法).

In der chinesischen Politik haben solche Narrative oder Schlagworte Tradition. Sie werden im Apparat sorgfältig vorbereitet und dann in den Staatsmedien und Reden gnadenlos penetriert. Bislang wurden die Beziehungen zu den USA als „new type of major-power relations bezeichnet“. Diesen Begriff prägte Xi Jinping 2012 – damals noch Vizepräsident – bei einem USA-Besuch. Das war eine ziemlich vage Formulierung. Da ist der neue Slogan doch etwas konkreter. Außenminister Wang Yi war es vorbehalten, in der Pressekonferenz am 17. Mai diese neue Worthülse mit Inhalt zu füllen.Unter anderem sagte er: It should be positive stability where cooperation is the mainstay and the relationship gets more resilient through exchange and cooperation. As the world’s top two economies, China and the United States, share deep ties. Neither can cut the other out, nor prosper without the other.“

Wichtig war für Xi Jinping, dass die USA das neue chinesische Wording übernommen haben. Im Statement des Weißen Hauses zum Gipfel wurde es allerdings um einen Zusatz ergänzt. Dort heißt es: “President Trump and President Xi agreed that the United States and China should build a constructive relationship of strategic stability on the basis of fairness and reciprocity“.

War der US-Führung klar, was sie da veröffentlicht hat? Mareike Ohlberg (German Marshall Fund) bezweifelt das. In ihrem Kommentar „Beijing Wrote the Script“ behauptet sie, dass „China slipped a loaded phrase into a White House statement”.

Zichen Wang vom Thinktank Center and Globalization (CCG) widerspricht Ohlberg: „Beijing did not simply write the script”. Er schreibt, dass der Begriff ´strategic stability´ “did not suddenly appear as a Chinese phrase smuggled into the summit statement”. US-Außenminister Marco Rubio hätte schon Monate zuvor von strategischer Stabilität gesprochen.

Was bedeutet nun diese neue Formulierung? Wie ist sie zu bewerten?

“I think this new phrase is better than previous phrases”, sagt David Shambaugh, der an der Georgetown University in Washington unterrichtet und einer der erfahrensten China-Kenner der USA ist. Er hielt am 25. Mai beim CCG Global Dialogue in Beijing eine Keynote Speech, wo er sehr ausführlich auf den Gipfel einging. Positiv sei, dass zum ersten Mal die drei Begriffe konstruktiv, strategisch und stabil in einem Zusammenhang genannt werden. Shambaugh weiter: “Let us be clear about why the narratives are important, because they set the general direction and they produce guardrails and a road map. That is all very positive. We did not have guardrails and a road map before last week.”

Zongyuan Zoe Liu (Council on Foreign Relations/CFR) kommentiert den Gipfel und die neue Bezeichnung so: „The United States and China did not bridge their differences. They agreed to manage them – and to call that management stability.” Aber sie warnt davor, dies als eine Rückkehr zu Chimerica oder gar zu einer G2 zu verstehen: „The summit was not a grand bargain in which Washington and Beijing agreed to govern the world together.”

Zheng Wang, Professor für Diplomatie und Internationale Beziehungen an der Seton Hall University, sieht hingegen in seinem Beitrag „The G-2 Reality“ in Foreign Affairs (26. Mai) eine neue Nüchternheit in den Beziehungen der beiden Großmächte: „Washington and Beijing are beginning to accept that neither side can force the other into submission. After years of trade wars, technology controls, and military competition, the two countries are discovering the limits of coercion.” Er spricht deshalb vom “beginning of a new G-2 world – a world in which the United States and China can restrict, punish, and disrupt each other, but they cannot dominate or exclude each other.”

Interessant ist, dass auch einige chinesische Wissenschaftler diese Ansicht einer neuen G-2 teilen.Überhaupt wurden der Gipfel und die neue Formulierung in chinesischen Kreisen heftig diskutiert. Jacob Mardell (Sinification) analysierte die Reaktionen von 50 Wissenschaftlern und Intellektuellen. 17 glauben an eine anhaltende Entspannungsphase, 16 nehmen eine abwartende Haltung ein, 11 rechnen zumindest mit einer dreijährigen Dauer des Tauwetters, sechs sehen eher eine fragile Stabilität in den Beziehungen.

Aber die Mehrheit glaubt, dass der Gipfel gezeigt habe, dass sich die Machtverhältnisse zwischen den beiden Weltmächten verschoben haben, und zwar zugunsten Chinas. Das Treffen sei eines auf Augenhöhe gewesen. Diese Einschätzung wird auch von vielen Beobachtern im Westen geteilt.

Info:

Die Rede von Xi Jinping: https://www.mfa.gov.cn/eng/xw/zyxw/202605/t20260514_11910330.html

Das Statement des Weißen Hauses: https://www.whitehouse.gov/fact-sheets/2026/05/fact-sheet-president-donald-j-trump-secures-historic-deals-with-china-delivering-for-american-workers-farmers-and-industry/

Pressekonferenz Wang Yi vom 17. Mai: https://english.www.gov.cn/news/202605/17/content_WS6a0912c5c6d00ca5f9a0b020.html?utm_source=substack&utm_medium=email

Kommentar von Mareike Ohlberg: https://www.gmfus.org/news/beijing-wrote-script

Widerrede von Zichen Wang: https://www.pekingnology.com/p/beijing-did-not-simply-write-the

Key Note von David Shambaugh: https://www.ccgupdate.org/p/transcript-david-shambaugh-at-ccg

Kommentar von Zongyuan Zoe Liu: https://www.cfr.org/articles/china-and-the-u-s-agreed-to-strategic-stability-in-beijing-they-dont-define-it-the-same-way

Artikel von Zheng Wang in Foreign Affairs: https://www.foreignaffairs.com/united-states/g-2-reality

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