Am 25. Mai betrat eine Frau in dunkelblauem Hosenanzug die Bühne beim International Symposium on Circuits and Systems (ISCAS) und hielt eine revolutionäre Rede. In der Keynote mit dem harmlos klingenden Titel „New Semiconductor Path in Practice“ verkündete sie nichts anderes als das Ende eines über 60 Jahre alten Gesetzes in der Halbleiterindustrie – das Ende von Moore‘s Law, nach dem sich die Chipkomplexität etwa alle zwei Jahre verdoppelt, vor allem durch immer feinere Fertigungsprozesse mit mehr Transistoren pro Quadratmillimeter Chipfläche. An dessen Stelle verkündete sie ein neues Gesetz: das Tau Scaling Law. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Die Chips sollen nicht – wie bisher – stetig kleiner, sondern schneller werden.
Wer ist diese Frau, die mit ihrer Rede die gesamte Chipwelt aufgerüttelt hat?
Sie heißt He Tingbo und ist 57 Jahre alt. Sie stammt aus Changsha, Hauptstadt der Provinz Hunan. Studiert hat sie in Beijing an der University of Posts and Telecommunications. Dort erwarb sie einen doppelten Bachelor in Semiconductor Physics sowie Communications Engineering und schloss noch ihren Master an. Danach ging sie zu Huawei, dem High-Techkonzern mit Sitz in Shenzhen. Das war 1996. Damals war Huawei noch eine relativ kleine Nummer. Der Konzern baute Schalteinrichtungen für Telekomunternehmen, später kamen Router und Server hinzu. Für all diese Geräte brauchte das Unternehmen Chips, die damals problemlos in den USA, in Taiwan und Korea zu kaufen waren. Trotzdem gefiel Huawei-Gründer Ren Zhengfei diese Abhängigkeit bei einem zentralen Baustein seiner Produkte nicht. Ihn beschlich Anfang der 2000er Jahre eine Ahnung, dass irgendwann mal jemand sein Unternehmen von dieser Zufuhr abschneiden könnte. Er entschied sich deshalb, Chips inhouse zu entwickeln und zu produzieren. Er suchte eine Person, die das Chip-Business bei Huawei aufbauen konnte und fand sie im eigenen Unternehmen: Es war He Tingbo.
2004 wurde HiSilicon, die Chip-Tochter von Huawei, gegründet. Und He Tingbo wurde deren Chefin. Ren startete das junge Unternehmen sehr ordentlich aus, spendierte einen Jahresetat von 400 Millionen Euro und 20 000 Mitarbeiter. Es waren keine einfachen Anfangsjahre, aber Ren zweifelte nicht an der Notwendigkeit dieses Schrittes. Im Laufe der Jahre entwickelte He Tingbo mit ihrem Unternehmen leistungsfähige Chips unter dem Namen Kirin, die aber gegenüber den Top-Modellen der Konkurrenz aus den USA, Taiwan und Korea jedoch einige Jahre hinterherhinkten.
2019 trat dann ein, was Ren Zhengfei 16 Jahre zuvor befürchtet hatte: Die USA schnitten Huawei aus geostrategischen Gründen von der Zufuhr hochwertiger amerikanischer Chips ab. Aber nicht nur das. Sie sorgten mit ihrem langen Arm auch dafür, dass die Taiwanesen keine dieser Chips mehr an Huawei lieferten. Viele Beobachter sahen deshalb Huawei in einer existentiellen Krise. Nichts so aber He Tingbo. Sie forderte damals in einen berühmten Brief alle HiSilicon-Mitarbeiter auf, noch schneller zu entwickeln und appellierte an deren nationale Verantwortung: „The unit will build a backup lifeline for Huawei and for the whole country.“ Die Chips von Huawei wurden in den Folgejahren immer besser, der Vorsprung der Taiwanesen (TSCM) und Koreaner (Samsung) schrumpfte.
Reuters schrieb deshalb über He Tingbo, die im Huawei-Konzern neben der Gründer-Tochter Meng Wanzhou die einzige Frau im 17köpfigen Board ist: “She is one of the company‘s most important executives and a symbol for determination to survive U. S. sanctions and build a self-reliant semiconductor business.”
Öffentlich trat sie in all den Jahren eher selten auf – bis zu dem Montag vor etwas mehr als einer Woche, als sie das Ende von Moore‘s Law verkündete. Laut einer Huawei-Pressemitteilung sagte sie dort: “In recent years, Moore’s Law – which has guided the semiconductor industry for more than five decades – has faced severe physical limits and diminishing economic returns. The global industry has been increasingly constrained by the slowdown in the geometric scaling of transistors and the erosion of cost-per-transistor benefits. The industry must now tackle the urgent and common challenge of overcoming the physical constraints of traditional processes and finding a new, sustainable evolution path that can match surging computing demands. This is where the τ Scaling Law comes into play. This law proposes replacing geometric scaling with time (τ) scaling as a new guiding principle for the evolution of both semiconductors and electronic systems.”
Info:
Hier die Pressemitteilung von Huawei zur Rede von He Tingbo in Shanghai: https://www.huawei.com/en/news/2026/5/ieee-iscas-tau-scaling
Und hier ein Videoausschnitt der Rede von He Tingbo: https://de.video.search.yahoo.com/yhs/search;_ylt=AwrLBxFmthpq1lAwgSFfCwx.;_ylu=Y29sbwMEcG9zAzEEdnRpZAMEc2VjA3BpdnM-?p=huawei+He+tingbo&type=Y143_F163_225899_091823&hsimp=yhs-018&hspart=trp&ei=UTF-8&fr=yhs-trp-018#id=5&vid=890925ee932537b8c1856f6951010be6&action=view