WAN HUA ZHEN I Tauziehen um die Chip-Dominanz / Von Liu Zhengrong*

Wenn man im Google KI-Modus „τ“ eingibt, fängt die Erklärung an mit „Tau ist der 19. Buchstabe des griechischen Alphabets.“ Und weiter: „Je nach Kontext steht er in der Mathematik für …, in der Physik für … und in der Halbleiterindustrie für das zeitbasierte Tau-Skalierungsgesetz. …“

WAN HUA ZHEN fragte am 27. Mai nach: „Tau-Skalierungsgesetz? Gab es diesen Begriff auch schon vor Huawei’s gleichnamiger Ankündigung am 25. Mai?“

Daraufhin die Antwort: „Ich habe diesen Begriff tatsächlich ganz gezielt wegen Huaweis Ankündigung am 25. Mai in Shanghai mit aufgenommen, da er brandaktuell die Halbleiterwelt beschäftigt.“

Was präsentiert wurde und was seitdem passierte, ist tatsächlich ein neues Kapitel chinesisch-amerikanisches Wettkampfs um fundamentale technologische Standards und um die Deutungshoheit von Innovation – wie aus dem Lehrbuch.

Einen Tag nach der Präsentation von Huawei-Vorständin He Tingbo schossen die Aktienkurse des chinesischen Halbleitersektors zweistellig nach oben. He Tingbo und ihr Team veröffentlichten zeitgleich den wissenschaftlichen Aufsatz „A Time Scaling Theory for Multi-Layer Electronic Systems“. Flankierend setzte die People’s Daily ein Interview mit ihr ins Netz – ein perfektes Timing für eine konzertierte Aktion. (Ein Porträt von He Tingbo gibt es unter „Hu ist Hu“ in Anschluss zu diesem Text).

Die unmittelbaren Reaktionen auf dem Festland schwankten zwischen „Durchbruch“ und „Revolution“. Drüben in Taiwan schaffte es „Tau“ noch am selben Abend in die ersten Talkshows. „Holt Huawei jetzt TSMC ein?“, lautete die zentrale Frage. Taiwan befindet sich ohnehin gerade im Aktienfieber, nachdem die Börse in Taipeh jüngst Indien überholt hat und zur neuen Nummer Fünf der Welt aufgestiegen ist. Die Marktkapitalisierung von TSMC war am 1. Juni höher als die aller 40 DAX-Unternehmen zusammen. So sehr hat sich das Gewicht der globalen Wirtschaft verschoben – sehr zu Ungunsten von Deutschland.

War die Rede von He Tingbo also schon wieder so ein „Deepseek-Moment“?

Nein. Das Kursfeuerwerk an der chinesischen Börse war nur von kurzer Dauer. Ein vergleichbares Beben an den internationalen Märkten wie damals im Januar 2025, als Deepseek urplötzlich auftauchte, blieb diesmal aus. Die ersten Zweifel und Kritik kamen aus China selbst. Chinesische Tech-Influencer sind bekannt dafür, schnell, leidenschaftlich und gnadenlos zu sein.

Die Huawei-Kritiker unter ihnen bekamen unerwartete Schützenhilfe von Nvidia-Chef Jensen Huang persönlich. Er reiste just in der Woche vom Festland nach Taipeh – unter anderem zur Baustelle von Nvidia Asien-Zentrale im Bezirk Beitou. Am 28. Mai nahm er vor Journalisten Stellung: Für Huawei sei das Tau-Gesetz ein „sehr beeindruckender Ansatz“. Damit stellte Huang ganz beiläufig erneut unter Beweis, warum er als inoffizieller Nachfolger von Tim Cook gilt, nämlich in der Rolle des „CEO als Chefdiplomat“. Selbst Seitenhieb verpackt er elegant als Lob. Aber, so Huang weiter, TSMC experimentiere mit „Zeitskalierung und 3D-Packaging“ schon seit ungefähr einer Dekade. Eine Gefahr für TSMC – und damit implizit auch für Nvidia – vermag er nicht zu erkennen.

Jensen Huang hat also gesprochen. Und was er sagt, gilt. Scheinbar hat man aus der kollektiven Sprachlosigkeit in den ersten Tagen nach dem Deepseek-Schock gelernt. Jensen Huang beruhigte also alle – die Kleinanleger in Taiwan ebenso wie die Märkte im Westen. Alles, was er sagte, war sachlich korrekt. Aber er hatte eben auch nicht alles gesagt.

Zur Wahrheit gehört, dass es längst bekannt war, dass Moore’s Law im Kontext der Halbleiterherstellung an die Grenzen der Physik stößt. Schon im Mai 2015 widmete The Economist – nicht gerade ein Fachjournal für Halbleiter-Experten – diesem Thema ausführlich: „Beyond Moore’s Law“. Als Fortsetzung schrieb das Wirtschaftsblatt zehn Jahre später, am 16. September 2024: „The End of Moore’s Law will not slow the pace of change“ und zeichnete dabei diverse technologische Wege auf, wie moderne Chips über die reine physikalische Verkleinerung hinaus ihre Rechenleistung weiter deutlich steigern können.

Was Huawei jetzt unter dem „Tau-Skalierungsgesetz“ zusammenfasst – ob „Zeitgewinn statt Platzgewinn“ oder „3D-Faltung“ –, existiert bereits in der industriellen Massenfertigung. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Pionierarbeit von Samsung mit ihrer GAA-Technologie („Gate-All-Around“).

Wo Jensen Huang ebenfalls recht hatte: Die Vormachtstellung von TSMC, damit meinte er auch die gesamte Lieferkette der westlichen Chipindustrie, ist auf absehbare Zeit nicht durch „Tau“ in Gefahr. Huawei sucht nach Alternativen, weil dem Unternehmen der etablierte Weg versperrt bleibt. Zudem benannte Huawei selbst etliche technologische Hürden, die auch unter dem Primat der „Zeitskalierung“ erst gelöst werden müssen. Huawei nannte das Jahr 2031 als Zielmarke, aber nicht, weil sie bis dahin in der Lage wäre, 1,4-Nanometer-Chips selbst herzustellen, sondern eigene Chips, „die von Leistung her damit vergleichbar sein werden“. TSMC hat den Produktionsstart des „A14“, die hausinterne Bezeichnung für 1,4-NM, schon für 2028 anvisiert.

„Ein guter Versuch von Huawei. Aber was bleibt ihnen auch anderes übrig?“, so wollte Jensen Huang Huaweis Vorstoß einordnen, „was sie jetzt versuchen, können meine Partner TSMC aber schon längst.“ Selten hat Jensen Huang so deutlich versucht, einen Marktteilnehmer aus China auf Distanz zu halten. Bislang fiel er stets mit ausgesprochen positiven Kommentaren auf.

Lob oder Tadel zu verteilen ist so eine feine Sache. Das kennt man schon von der Bundesliga. Solange ein Wettbewerber weit abgeschlagen ist, überschüttet man ihm gern mit Lob. Offene Nadelstiche bleiben der ernsthaftesten Konkurrenz vorbehalten. Jensen Huang beherrscht dieselbe Kunst stets mit Leichtigkeit. Und doch offenbarte er eine offene Flanke seines fast in jeder Hinsicht übermächtigen Imperiums.  

Die heute extrem teuren und begehrten Grafikprozessoren (GPUs) aus dem Hause Nvidia wurden einst für Videospiele entwickelt, mit den dafür erforderlichen Matrizen- und Vektorberechnungen. Es war und ist ein glücklicher Zufall, dass dieses parallele Berechnen von Pixeln und Polygonen bei Computer-Games auf denselben mathematischen Operationen basiert wie neuronale Netze für Deep Learning, also künstliche Intelligenz. Die heutigen KI-Chips entstanden also durch eine ebenso geschickte wie folgenschwere „Zweckentfremdung“.

Ihre Zementierung als weltweiter Industriestandard verdankt Nvidia jedoch vor allem CUDA. Dieses proprietäre Software-Ökosystem bindet heute die gesamte westliche Tech-Welt an den Konzern – ganz ähnlich wie sich der Markt im Westen beim Betriebssystem nicht mehr aus dem Duopol von Android und iOS lösen kann, völlig egal in welchem Business oder bei welcher Applikation. Ein radikales Re-Design der KI-Basis-Hardware, das aufgrund der Entstehungsbiografie der GPUs eigentlich geboten wäre, grenzt für etablierte Akteure an wirtschaftlichen Selbstmord. Im Westen redet deshalb kaum jemand über dieses „Optimierungsdilemma“. Ferner ist es auch gar nicht nötig, solange es weltweit keinen echten Herausforderer gibt.

Oder sollte man jetzt besser schreiben: gab?

Das Ersatzrad in der Not aufmontieren zu müssen, um es dann nach und nach doch zu den hochwertigen Haupträdern weiterzuentwickeln – damit hat Huawei bereits beträchtliche Erfahrungen gesammelt. Über ein Beispiel schrieb Wan Hua Zhen bereits vor zwei Jahren (https://www.chinahirn.de/2024/07/08/wan-hua-zhen-i-das-technologische-schisma-die-kolumne-von-liu-zhengrong/). Nun scheint sich dieses Muster bei den Chips zu wiederholen.

Sollte Huawei es schaffen, die 3D-Architektur nicht nur für seine Kirin-Prozessoren (in den Smartphones), sondern auch für die Ascend-Reihe (u.a. für KI) von Grund auf für die physikalischen Gesetze der Datenübertragung vollständig optimieren – und eben nicht für das Rendern von Pixeln wie einst die GPUs –, dann entstünde in China eine völlig neue Chip-Generation, die dem Westen – zumindest – ebenbürtig wäre, ohne das neuste EUV-System von ASML.

Etwas überzeichnet ausgedrückt: Nvidia – und mit ihr die wertvollsten Unternehmen des Westens vom Zulieferer bis zur Anwendung – optimiert eine ursprünglich fremde Architektur mit unvorstellbarem finanziellem Aufwand bis an die absolute physikalische Grenze. Huawei versucht dagegen, ebenfalls mit immensen Ressourcen und starken Partnern, die Architekturregeln für KI-Chips grundlegend neu zu schreiben. He Tingbos Aufruf dazu war in Shanghai unüberhörbar.

Natürlich haben die Markt- und Technologieführer im Westen längst selbst erkannt, dass der heilige „Nanometer“ lediglich Mittel zum Zweck ist. Für den Kunden zählen am Ende zwei Faktoren: Geschwindigkeit (Zeit) und Kosten (was wiederum Zeit bedeutet). Samsung, Intel und TSMC basteln längst an der übernächsten Generation mit 3D-Struktur, bekannt unter dem Begriff „CFET“, als Nachfolger von GAA. 3D bedeutet hier, sehr vereinfacht gesagt, das vertikale Aufeinanderstapeln von Transistoren anstatt des bisherigen zweidimensionalen Nebeneinanderliegens.

Auf den ersten Blick scheint Huawei mit Begriffen wie „Tau“ und „Logic Folding“ aus Marketinggründen geschickt zu verpacken, was in der Praxis eigentlich schon existiert. Darauf bezogen sich auch zahlreiche Huawei-Kritiker – darunter einige, die es eigentlich besser wissen müssten, wie etwa Jensen Huang.

Huawei selbst betonte über chinesische Medien vor allem die gemeinsame Optimierung von Design und Technologie (DTCO) als das wahre Wesen der neuen Methode. Bereits bei der Definition der Systemanforderungen an große KI-Modelle müssten Systemhersteller die Chip-Designer, Halbleiter-Packaging-Firmen sowie Equipment-Hersteller an einen Tisch bringen. So lassen sich grundlegende physikalische und thermische Parameter offenlegen und ein echtes „Co-Design“ realisieren, beginnend in der tiefsten Hardware-Struktur.

Noch ist das Ganze erst ein Zwischenfazit von Huawei für die Arbeit der letzten sechs Jahre, verbunden mit einem Fünfjahresplan bis 2031. Bereits im kommenden Herbst sollen die ersten Kirin-Chips mit der kompletten Logic-Folding-Technologie auf den Markt kommen. Ihre technischen Daten und Leistungskennzahlen werden weit über die Branche hinaus mit großer Spannung erwartet.

Unabhängig davon passiert in den Augen des Nvidia-Chefs gerade das, wovor er seit mehr als ein Jahr auf allen Medienkanälen gewarnt hatte: Nvidia verliert durch die Exportverbote der US-Regierung „nur“ sein komplettes China-Geschäft. Die USA als Ganzes hingegen könnten dadurch ihren KI-Vorsprung gegenüber China einbüßen. Er hat höchstwahrscheinlich recht damit. Die Nvidia-Bestseller (wie der H200) hätten das Potenzial gehabt, Tencent, Alibaba oder Deepseek genauso von sich abhängig zu machen, wie es bei Meta, Amazon oder Microsoft bereits länger der Fall ist. Nun aber geht China, angeführt von Huawei, endgültig den Weg der umfassenden Eigenentwicklung – und zwar konsequent von der Pike auf.

Es ist dokumentiert, dass Donald Trump für einen Deal grünes Licht gegeben hätte, selbst gegen den Widerstand aus dem Kongress. Es ist bloß nicht überliefert, ob er damit seinem „best and great friend Jensen“ einen Gefallen tun wollte oder ob er die tech-politische Tragweite in der Sache einfach besser verstanden hatte. Aber es kam bekanntlich gar nicht so weit: China ließ sich nicht mehr auf einen Chip-Deal ein. Und wer die jüngsten Entwicklungen im Blick hat, weiß auch, warum.

Das Rennen um die KI-Chips der Zukunft ist längst eröffnet. Nun geht es mit der sorgfältig vorbereiteten, offenen Ankündigung von Huawei in eine entscheidende Phase von vielleicht weiteren fünf Jahren, eventuell kürzer noch. Nvidia und Co. haben den technologischen Vorsprung. Sie haben nicht zwingend den strategischen Vorteil dadurch. Denn ein großer Vorsprung, eingeleitet durch Ausschaltung unliebsamer Wettbewerber, verleitet zu rein betriebswirtschaftlicher Optimierung und Trägheit – eine Haltung, die schon viele einstmals unangefochtene Platzhirsche der Weltwirtschaft vom Thron gestoßen hatte.

Huawei dagegen ist zur Revolution gezwungen. Das Unternehmen muss dabei massive technologische Unwägbarkeiten überwinden, von thermischen Problemen (Überhitzung) bis hin zu eigener EDA-Software (Chip-Design-Software). Zudem wird der 81jährige Gründer Ren Zhengfei, der geistige Übervater dieses extremen Langzeitdenkens („Longtermism“, Changqi Zhuyi auf Chinesisch), nicht jünger. Und die weltweit wohl einmalige, riesige Liste an direkten Huawei-Wettbewerbern veranschaulicht die enorme Komplexität, in die sich das Unternehmen inzwischen begeben hat.

Wie auch immer dieses Rennen ausgeht: Das technologische Schisma, die fundamentale Spaltung der Tech-Welt in ein amerikanisches und ein chinesisches Ökosystem, ist noch ein ganzes Stück wahrscheinlicher geworden. Und es trägt den Buchstaben τ.

* Hier erfahren Sie mehr über den Autor und warum die Kolumne Wan Hua Zhen heißt: https://www.chinahirn.de/2024/07/08/was-bedeutet-wan-hua-zhen-der-kolumnist-erklaert-und-stellt-sich-vor/

No Comments Yet

Comments are closed