Kürzlich wurde in einem Shanghaier Restaurant eine Portion Haifischflossensuppe für 4800 Yuan angeboten. Das sind stolze 643 Euro für einen Teller Suppe. Der Besitzer verteidigte den Preis damit, indem er verkündete, die Suppe würde bereits seit 100 Jahren vor sich hinköcheln. In den sozialen Medien machte dieses Angebot schnell die Runde. Die meisten Kommentare verurteilten den Konsum dieser exotischen Speise.
Und wieder einmal stellt sich die Frage: Warum essen Chinesen Haifischflossensuppe, die eigentlich nach nichts schmeckt? Eines schon mal vorweg: Es sind nicht DIE Chinesen. Es ist nur eine elitäre Minderheit, die sich diese sündhaft teure Spezialität leisten kann und will. So war es schon immer. Nur die Herrschenden griffen zu den exotischen Speisen. Für sie waren sie ein Symbol der Macht und des Reichtums. Dass Haifischflossen noch irgendwelche heilende Wirkungen (Stärkung der Knochen über gesunde, straffe Haut bis hin zur Verlangsamung des Alterungsprozesses) haben sollten, wurde gerne erzählt, aber wissenschaftliche Beweise gab es hierfür nie.
Haifischflossen kamen bereits in der Song-Dynastie (960-1127) in Mode, aber so richtig populär wurden sie erst in der späten Ming-Dynastie (1368-1644). Bis vor wenigen Jahren waren sie eine Delikatesse, die vor allem bei Banketten, Feierlichkeiten wie Hochzeiten oder Frühlingsfest, verzehrt wurden. In vielen Fischgeschäften gab es getrocknete Haifischflossen, die aber unter Verschluss waren, weil sie so teuer waren. Doch Xi Jinpings Anti-Korruptionskampagne, das zunehmende Öko-Bewusstsein und die Sorge um das Tierwohl haben den Konsum von Haifischflossen inzwischen reduziert.
Überhaupt sind aus diesen Gründen viele exotische Speisen in China auf dem Rückzug. Schlagen wir nach im Buch „Invitation to a Banquet – The Story of Chinese Food” von Fuchsia Dunlop. Dort hat sie den exotischen Speisen Chinas ein ganzes Kapitel gewidmet: „The Lure of the Exotic.“ Dort tauchen Körperteile von Tieren auf, bei denen sich dem durchschnittlichen Mitteleuropäer möglicherweise schon beim Lesen der Magen umdreht. Nur eine kleine Auswahl: Bärentatzen, Tigerfleisch, Vogelnester, Schildkröten, Affenhirn und natürlich Haifischflossen. Dunlop gibt allerdings einen wichtigen Hinweis: „What outsiders may not realize is that eating exotica has always been controversial in China too.“
Inzwischen – so Dunlop – seien viele exotische Speisen Chinas durch andere (mehr westliche) kulinarische Statussymbole ersetzt worden: „On modern China, privilege may be reflected in the consumption of fine Bordeaux wines, foie gras and Japanese Wagyu beef.” Alles auch teuer, aber wesentlich schmackhafter als eine noch so teure Haifischflossensuppe.