Die Rationalisierung in den Fabriken und das Ende des Baubooms kostete vielen Arbeitern den Job. Sie müssen sich nun in prekären, schlecht bezahlten Jobs verdingen. Das habe Auswirkungen auf die soziale Stabilität, meint Stanford-Experte Scott Rozelle.
Der amerikanische China-Experte Scott Rozelle treibt sich nicht nur in den chinesischen Glitzerstädten herum. Der Forscher am Stanford Center on China´s Economy and Institutions (SCCEI) kennt auch die Schattenseiten Chinas, die vor allem im ländlichen China zu sehen sind. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der 71-jährige Rozelle mit Chinas ländlicher und einkommensschwacher Bevölkerung. Berühmt ist sein Buch: „Invisible China: How the Urban-Rural Divide Threatens China’s Rise.” Er beklagt, dass zu viel über die wachsende Mittelschicht Chinas geredet und geschrieben wird, ebenso zu viel über das moderne High-Tech China, aber viel zu wenig über die Abgehängten der chinesischen Gesellschaft: “I think one of the things people outside China often don‘t appreciate is just how many people are struggling economically.” In der ersten Ausgabe einer neuen Q&A-Serie des SCCEI gibt Rozelle Antworten auf Fragen nach Ursachen der Misere.
Wer sind diese Leute, die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind? Es sind laut Rozelle diejenigen, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in den Fabriken und am Bau geschuftet und das chinesische Wirtschaftswunder ermöglicht haben. Doch nun würden viele von ihnen nicht mehr gebraucht. Seit Mitte der 2010er Jahre sei die Zahl der Fabrikarbeiter gesunken. Zwar sei die Produktion in den Fabriken weiter gestiegen, aber das wurde infolge von Rationalisierungen mit weniger Arbeitern erreicht. Zudem habe die Immobilienkrise vielen Bauarbeitern den Job gekostet: „Construction was an enormous source of employment for workers with relatively little education“. Rozelle verweist auf offizielle Zahlen, wonach allein 2022 und 2023 über zehn Millionen Bauarbeiter auf der Straße landeten.
Wohin sollen die Entlassenen gehen? fragt Rozelle. Zurück aufs Land, wo die meisten Wanderarbeiter herkommen? Nein, das sei für sie keine Alternative, denn „nearly 80 percent of rural workers under 40 have never farmed”. Sie bleiben in den Städten und verdingen sich als delivery men, Taxifahrer oder was auch immer. Aber in diesen prekären Gewerben herrscht brutaler Wettbewerb, weshalb dort die Löhne nach unten gehen.
Aber es entstehen doch überall neue Industrien. Finden sie dort nicht einen Arbeitsplatz? Rozelle: „The new industries – electric vehicles, semiconductors, biotech – need relatively few workers, and specialized skills.” Rozelle spricht von einem “huge mismatch”. China investiere viel Geld in die Branchen der Zukunft, aber diese Industrien böten nicht genügend Arbeitsplätze für die Entlassenen.
Welche Folgen hat das Entstehen dieses Arbeitslosenheers? Rozelle: „If hundreds of millions of people see their incomes stagnate or decline, that’s going to affect consumption, economic growth, and potentially social stability.” Also müsste die Regierung etwas dagegen tun – aber was? Zum einen müsste die chinesische Regierung eine Umverteilungspolitik über Steuern starten. Nur zu hoffen, dass der Technologieboom irgendwann auch den unteren Schichten zugutekomme, reiche nicht: „I don‘t think that China can simply innovate its way out of this problem. It also have to improve the education, skills and economic opportunities of the hundreds of millions of people who aren’t participating in the high-tech boom.”
Info:
Hier das Q&A mit Scott Rozelle: https://sccei.fsi.stanford.edu/news/what-chinas-high-tech-success-story-leaves-out