Bereits 1995 starb die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin Eileen Chang. Im Westen nahezu unbekannt, erlebt sie seit Jahren in China eine Renaissance.
Jedes Jahr werden Hunderttausende ihrer Bücher verkauft, obwohl sie schon seit fast 30 Jahren tot ist. Eileen Chang ist populärer denn je – in der Volksrepublik, in Hongkong und auf Taiwan. „Chang´s posthumous fame in China has evolved into a mythology perhaps comparable to that of Ernest Hemingway in the United States”, schreibt David Frazier in einem umfangreichen Porträt über Eileen Chang in der aktuellen China Books Review.
Eileen Chang wurde als Zhang Ying 1920 in einer Shanghaier Aristokratenfamilie geboren. Ihr Vater war opiumabhängig und gewalttätig, auch gegenüber seiner Tochter. Als Eileen zehn Jahre alt war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Mit elf kam sie ins englischsprachige Gymnasium St. Mary´s Hall. Von da an pendelte sie für den Rest ihres Lebens zwischen zwei Sprachen – Chinesisch und Englisch. Sie hatte bereits eine Zulassung fürs Studium an der University of London, doch dann kam der Krieg dazwischen. Und statt London begann sie ein Studium der englisschen Literatur in Hongkong. Im Sommer 1942 kam sie zurück nach Shanghai, schrieb dort erste Filmkritiken und Essays. Die Jahre zwischen 1943 und 1945 waren ihre produktivsten Jahre. Die ersten Kurzgeschichten erschienen. Ein Sammelband mit dem Titel Chuanqi im September 1944 (später ins Englische mit „Romances“ übersetzt) wurde zu einem Bestseller. Nach Ende des Kriegs wurde es still um Eileen Chang. Im Sommer 1952 ging sie wieder nach Hongkong und übersetzte dort amerikanische Literatur ins Chinesische. Doch davon konnte sie nicht leben. 1955 übersiedelte sie in die USA, erst nach New York. Ein Jahr später heiratete sie den viel älteren Drehbuchautor Ferdinand Reyher, nahm dessen Namen an und zog zu ihm nach Kalifornien.
Sie schrieb zwar weiter, doch in den USA gab es wenig Interesse an ihren Werken. Auch im maoistischen China nicht, wo sie als zu feudal abgestempelt war. Nur in Taiwan wurde sie zu einem Star. Das hatte sie C. T. Hsia zu verdanken, der in seinem Werk „A History of Modern Chinese Fiction: 1917 to 1957“ Eileen Zhang als „the best and most important writer in Chinese today“ bezeichnete. In Taiwan war sie sehr populär, aber sie war nur 1961 einmal dort und nahm später keine Einladungen mehr an.
Als sie 1995 in Los Angeles starb, war sie „still basically unknown in the West“, schreibt Frazier. Aber in China sei in den späten 90er Jahren „a sudden Eileen Chang fever“ ausgebrochen. Roland Soong, der den Nachlass von Eileen Chang verwaltete, war überrascht, als er in Beijing den berühmten Buchlanden in der Wangfujing aufsuchte und dort Hunderte Bücher von ihr sah – alles Raubdrucke von insgesamt 30 Verlagen. Es gelang ihm, das zu unterbinden und nur dem Verlag Thinkingdom die Rechte zu übertragen. Bis Ende 2011 wurden so knapp vier Millionen Exemplare ihrer Werke verkauft. Auch heute noch ist Eileen Chang in China populär, obwohl ihre Bücher in keinen Bildungskanons stehen und auch in Schulen nicht erwähnt werden. „Her popularity is largely a grassrotts phenomen“, schreibt Frazier. Warum das so ist erklärt Nicole Huang, Literaturwissenschaftlerin an der University of Hongkong: Für die heutige chinesische Jugend sei das Lesen von Eileen Chang “part of the literacy of growing up“.
Info:
Hier das Eileen-Chang-Porträt von David Frazier in China Books Review: https://chinabooksreview.com/2026/10/22/eileen-chang/