Innerhalb weniger Jahre hat sich China zu einer Pharma-Weltmacht entwickelt. Immer mehr Blockbuster stammen von dort. Inzwischen zahlen westliche Konzerne Milliarden für Lizenzen. Wie ist es zu diesem Wandel gekommen?
Wenn man von der Exportoffensive Chinas redet, denkt man in erster Linie an Autos, Solarpanels und Konsumgüter. Arzneimittel fehlen bislang in dieser Auflistung. Aber das wird sich ändern bzw. hat sich bereits geändert. Die chinesische Pharmaindustrie wird immer besser und innovativer und kommt mit sehr wirksamen Produkten zunehmend auf den Weltmarkt. Noch beherrschen amerikanische und europäische Konzerne diesen Markt – wie zum Beispiel Novartis oder Pfizer.
Doch just der CEO von Pfizer, Albert Bourla, sagte im März folgenden Satz: „US dominance in biotech technology is being challenged by a competitor – and that´s China.” Der ehemalige Chef der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA), Scott Gottlieb wurde sogar noch deutlicher: „If we are not careful, every drug could be made in China.”
Innerhalb weniger Jahre hat sich Chinas Biopharma-Industrie vom Nachahmer zum Innovator entwickelt. Lag früher der Schwerpunkt auf der Produktion von Generikas (Medikamenten, deren Patentschutz ausgelaufen ist), so glänzt China inzwischen mit innovativen Produkten.
Wie ist es zu diesem Wandel gekommen? Ruby Wang, Ärztin und Beraterin in Großbritannien, hat darüber ein Buch geschrieben, das soeben erschienen ist: „China Cure: The Rise of a Biotech, AI Medicine and Global Health Superpower“. In einem Interview mit Rest of World erklärt sie den Aufstieg Chinas so: „It took decades of waste, mistakes, waiting for talent to come back, slowly building capacity and synergy through all of the things like tax incentives, office space, and capital investments. Now China has really good scientists building really good drugs at an incredible scale, boosted by China’s massive patient population, where no disease is rare. There are also low running costs, cheaper labor, and more hardworking people.”
Es floss viel staatliches und privates Kapital in die Branche. Zwischen 2019 und 2024 bekamen chinesische Unternehmen rund 26 Milliarden Dollar an Risikokapital. Über 80 meist junge Firmen gingen an die Börsen in Hongkong und Shanghai. Die Branche wurde von der Regierung als strategisch wichtig eingestuft und entsprechend unterstützt. Zulassungsverfahren wurden vereinfacht. Kang Xiaoqiang, Gründer des Biotechunternehmens Leads Biolabs in Nanjing sagt gegenüber Think China, dass die Entwicklung von neuen Medikamenten in China zweimal so schnell sei wie in den USA – und das zu einem Drittel der Kosten. Ein weiterer großer Vorteil Chinas ist seine große Patientenzahl. Klinische Trials können dadurch schneller und effizienter durchgeführt werden.
All das hat dazu beigetragen, dass in China in den vergangenen Jahren immer mehr neue Medikamente entwickelt wurden. Lag Chinas Anteil an der weltweiten Entwicklung neuer Medikamente 2021 noch bei 18 Prozent, so betrug er Anfang 2026 bereits 31 Prozent. Insbesondere in der Onkologie (Krebsforschung) ist China stark. 2025 fanden 55 Prozent aller weltweit gestarteten Krebsstudien in China statt. Die in China entwickelten Krebsmittel Ivonescimab undZanubrutinib sind die hoffnungsvollsten Medikamente.
Immer mehr westliche Pharmakonzerne schließen Lizenzabkommen mit chinesischen Firmen. Sie zahlen Milliardenbeträge, um die in China entwickelten Medikamente außerhalb Chinas vertreiben zu können. Im vergangenen Jahr wurden Lizenzverträge über insgesamt 137 Milliarden Dollar abgeschlossen. So hat zum Beispiel der britische Pharmakonzern AstraZeneca ein Lizenzabkommen mit der CSPC Pharmaceutical Group (Hebei) abgeschlossen. CSPC arbeitet gerade an einem Mittel gegen Fettleibigkeit. Sollte es erfolgreich sein, wird AstraZeneca es vermarkten und dafür bis zu 18,5 Milliarden Dollar an CSPC überweisen.
Noch nutzen also chinesische Pharmafirmen die ausländische Konkurrenz, um ihre Produkte weltweit zu vertreiben. Denn diese haben das Marketing- und Vertriebs-Know-How, das den Chinesen noch fehlt. Aber auf Dauer wollen die chinesischen Pharmakonzerne ihre Produkte weltweit selbst vermarkten. Am weitesten dabei ist das Unternehmen BeOne Medicines (früher BeiGene). Das in Beijing gegründete Unternehmen hat inzwischen sein globales Headquarter in Basel installiert und verkauft zum Beispiel seine Krebsmittel direkt in den USA.
Allerdings versuchen die USA sich gegen die chinesischen Importe zu wehren. Der Kongress hat schon einige Gesetzeauf den Weg gebracht, zuletzt im Juni den Biotech Investment National Security Act (BINSA). Es kann also durchaus sein, dass der Pharmamarkt der nächste Kampfplatz im amerikanisch-chinesischen Techkrieg sein wird. Leidtragende werden dann die amerikanischen Patienten sein, denen chinesische Medikamente verwehrt bleiben.
Info:
Artikel in ThinkChina: https://www.thinkchina.sg/economy/big-read-china-has-drugs-can-it-build-next-pfizer
Interview mit Ruby Wang in Rest of World: https://restofworld.org/2026/china-ai-healthcare-biotech-drugs/
Das Buch von Ruby Wang: China Cure: The Rise of a Biotech, AI Medicine and Global Health Superpower, Agenda Publishing, 176 Seiten, rund 31 Euro.