Rein ökonomisch würde es Sinn machen: Deutsche bzw. europäische Autobauer haben Fabriken, die mangels Nachfrage nicht ausgelastet sind. Chinesische Autobauer wollen nach Europa und dort ihre Autos herstellen, auch um Strafzölle zu vermeiden.
Doch politisch ist die Sache heikel. In diesen Zirkeln diskutiert man die Frage: Soll man einen Wettbewerber (und für viele auch systemischen Rivalen) quasi in unsere „heiligen“ Fabrikhallen einladen?
In Deutschland hat die Diskussion über diese Frage gerade erst angefangen. Im Mittelpunkt steht der Volkswagen-Konzern, der seine Kapazitäten in Europa reduzieren muss. Das Werk in Brüssel hat er schon dicht gemacht. Weitere Werke stehen zur Disposition. Eine Lösung ist, Werke wie zum Beispiel jenes in Osnabrück auf Rüstungsproduktion umzurüsten. Eine andere ist, eben die Fabriken für andere Hersteller zu öffnen.
Vorsichtig bereiten die VW-Offiziellen die Öffentlichkeit mit ersten Äußerungen über eine mögliche Produktion chinesischer Herstellerin ihren Fabriken vor. VW-Chef Oliver Blume deutete eine solche Möglichkeit an. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), Aufsichtsrat der Volkswagen AG, äußerte sich kurz nach seiner China-Reise. Bei The Pioneer schrieb er einen Gastbeitrag. Später legte er in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) nach. Dort sagte er, dass chinesische Autobauer zunehmend auf den europäischen Markt drängten. Das lasse sich nicht verhindern. Deshalb sei es besser, mit ihnen zu kooperieren. Die Bild-Zeitung produzierte daraufhin gleich eine große Schlagzeile: „Laufen bei VW in Wolfsburg bald China-Autos vom Band?“
Erste konkrete Gerüchte gab es bereits um die gläserne VW-Fabrik in Dresden. Dort wurde einst der Phaeton hergestellt, später das Elektroauto ID.3. Jetzt steht das Werk leer. Anfang Mai tauchte das Gerücht auf, dass chinesische Autobauer in die gläserne Fabrik einziehen könnten. Der Branchendienst Car News China berichtete, dass es Gespräche zwischen BYD und VW über eine Teilübernahme der Gläsernen Fabrik gebe. Prompt kam das Dementi eines VW-Sprechers: „Wir weisen diese Spekulation entschieden zurück.“ Das war aber das Dementi eines regionalen Sprechers in Dresden. Aus Wolfsburg war keines zu hören.
Aber es gibt wohl Gespräche mit Xpeng. Während in Wolfsburg noch diskutiert wird, macht der europäische Konkurrent Stellantis (Marken: Citroen, Peugeot, Fiat und Opel) bereits Nägel mit Köpfen. Wie VW leidet auch der französisch-italienische Konzern unter Überkapazitäten. Mehrere Standorte stehen offenbar zur Disposition: Genannt werden immer wieder Rennes, Madrid und Werke in Mittelitalien. Die Fachwelt wartet gespannt auf den 21. Mai. An dem Tag wird Stellantis-Chef Antonio Filosa beim Investor Day in Auburn Hills seine neue Strategie verkünden. Gerüchte sagen, dass Stellantis eine Partnerschaft mit dem staatlichen Autokonzern Dongfeng plane. Vertreter von Dongfeng hätten schon Werke in Italien und auch Deutschland (Opel) besichtigt. Doch während die Gerüchte noch um Dongfeng kreisen, wurde mit einem anderen chinesischen Hersteller bereits Nägel mit Köpfen gemacht: Am 8. Mai verkündete Stellantis, dass man künftig zusammen mit Leapmotor Autos in Europa produzieren wolle. So werde Leapmotor ab 2028 Autos im Madrider Werk von Stellantis bauen.
Auch der japanische Hersteller Nissan denkt in diese Richtung. Der Konzern plant nach Angaben von Reuters und Financial Times das Werk in Sunderland mit dem chinesischen Konkurrenten Chery zu teilen. Ausgerechnet Sunderland – welche Ironie der Geschichte! Das Werk im englischen Sunderland diente in den 80er Jahren den Japanern als Einfallstor in den europäischen Markt. Nun müssen sie den Chinesen ihre Fabrikhallen öffnen, damit diese dasselbe tun können.