CHINA ABSEITS I Eine große chinesische Schriftstellerin mitten in Berlin / Von Nan Haifen*

Während Deutschland über China meist in Kategorien wie Autos, Häfen oder Geopolitik spricht, lebt in Berlin seit Jahren eine der bedeutendsten chinesischen Schriftstellerinnen der Gegenwart — Yan Geling, nahezu unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit.

Seit den frühen 1980er Jahren hat sie mehr als vierzig Bücher veröffentlicht, über 30 Literatur- und Filmpreise gewonnen. Ihre Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt – darunter auch ins Deutsche. Die größten Namen des chinesischen Kinos aus Festlandchina, Taiwan und den USA standen über Jahrzehnte Schlange, um ihre Stoffe verfilmen zu dürfen: Zhang Yimou, Chen Kaige, Ang Lee, dazu Schauspielerinnen wie Joan Chen, Zhang Ziyi, Sylvia Chang oder Rene Liu.

Und doch: Obwohl sie seit 2009 dauerhaft in Berlin lebt, findet man über sie in deutschen Leitmedien kaum eine einzige ausführliche Reportage.

Wenn der letzte China-Abseits-Artikel über Jin Yong und die Welt der Wuxia-Romane den Versuch unternahm, deutschen Lesern über Heldenfiguren und Jianghu-Erzählungen einen Zugang zur chinesischen Geschichts- und Gesellschaftsvorstellung zu eröffnen, dann öffnet Yan Gelings Werk eine andere Tür: jene zur inneren Geschichte des modernen China, insbesondere der Volksrepublik nach 1949.

Ihre Romane handeln von Krieg, Erinnerung, Schuld, Angst, Liebe, Anpassung und Würde – vor allem aber von den Schicksalen einzelner Menschen in Zeiten nationaler Krisen und politischer Extreme. Besonders die Kulturrevolution, lange eines der größten Tabuthemen Chinas, dient häufig als Hintergrund ihrer Werke. Diese besondere historische Erfahrung ist zugleich eine moderne chinesische Tragödie – und die tief verletzte Jugendgeneration der Autorin selbst.

Geboren 1958 in Shanghai, stammt Yan Geling aus einer klassischen chinesischen Bildungsbürgerfamilie. Ihr Großvater promovierte in den USA und war der erste chinesische Übersetzer von Thomas Hardys Tess of the d’Urbervilles. Ihr Vater war Schriftsteller und Maler, ihre Mutter Schauspielerin.

Doch mit dem Ausbruch der Kulturrevolution zerbrach diese Welt. Ihr Vater wurde aufs Land geschickt, die Familie auseinandergerissen. Mit zwölf Jahren trat Yan Geling der Kulturtruppe der Volksbefreiungsarmee bei – in der Hoffnung, Balletttänzerin zu werden.

Später, während des chinesisch-vietnamesischen Krieges 1979, wurde sie als Reporterin in Feldlazarette an der Front entsandt. Dort sah sie nicht nur die Brutalität des Krieges, sondern auch die Zerbrechlichkeit menschlicher Existenz. Diese Erfahrungen wurden zum eigentlichen Beginn ihres literarischen Lebens.

1986 wurde sie in Chinas prestigeträchtigstes Autorenausbildungsprogramm aufgenommen – gemeinsam mit den später weltbekannten Schriftstellern wie Mo Yan, Yu Hua und Liu Zhenyun.

1989 reiste sie in die USA. Nach den Ereignissen rund um den 4. Juni entschied sie sich, nicht nach China zurückzukehren. Stattdessen begann sie in den Vereinigten Staaten ein neues Leben und studierte Kreatives Schreiben am Columbia College Chicago.

Für eine Schriftstellerin bedeutete das einen radikalen Bruch: Mit über dreißig Jahren ein neues Land, eine neue Sprache, eine neue kulturelle Umgebung. Später beschrieb sie diese Zeit als „einen langen und schmerzhaften Migrationsprozess“.

Und dennoch gelang ihr gerade dort der internationale Durchbruch.

Mit feinem Gespür für menschliche Zwischentöne und einer fast filmischen Fähigkeit zur Detailbeobachtung schrieb sie Geschichten über chinesische Migranten. Ihre Novelle 少女小渔 (Siao Yu) wurde früh von Ang Lee entdeckt und verfilmt.

Von außen betrachtet wirkte Yan Geling lange wie eine außergewöhnlich produktive Bestsellerautorin. Doch viele ihrer Bücher entstanden über einen Zeitraum von zehn oder zwanzig Jahre hinweg.

Besonders deutlich wird das in ihrem wohl bedeutendsten Roman: 陆犯焉识 (Criminal Lu Yanshi). Inspiriert von ihrer eigenen Familiengeschichte erzählt der Roman vor dem Hintergrund der Kulturrevolution die Geschichte eines chinesischen Intellektuellen zwischen Liebe, Freiheit und politischer Gewalt – und damit zugleich die Geschichte einer ganzen Generation.

Yan Geling schreibt dabei nie primär „über Politik“. Ihre Romane sind keine ideologischen Abrechnungen. Vielmehr interessiert sie der einzelne Mensch innerhalb der großen Geschichte. Besonders Frauen, gesellschaftliche Außenseiter und von der Geschichte Vergessene stehen im Zentrum ihrer Werke.

Gerade deshalb konnten Millionen chinesischer Leser in ihren Romanen etwas finden, das in offiziellen Geschichtserzählungen oft keinen Platz hat: eine stille, persönliche Reflexion über die tiefsten Wunden der chinesischen Gesellschaft.

Als amerikanische Staatsbürgerin konnte Yan Geling über Jahrzehnte hinweg mit einer bemerkenswerten inneren Freiheit schreiben – weder vollständig innerhalb des chinesischen Systems noch vollständig außerhalb davon. Ihre transkulturelle Biografie zwischen China, Amerika und Europa ermöglichte ihr einen seltenen Blick auf chinesische Geschichte: zugleich nah und distanziert, empathisch und kritisch.

Doch diese fragile Balance zerbrach 2020.

Während der Corona-Pandemie veröffentlichte sie aus Berlin heraus einen Artikel, in dem sie die anfängliche Informationspolitik der chinesischen Behörden offen kritisierte. Später äußerte sie sich öffentlich zum sogenannten „Kettenfrauen“-Fall von Xuzhou und kritisierte direkt die politische Führung unter Xi Jinping.

Die Konsequenzen waren drastisch.

Ihr Name verschwand zeitweise aus chinesischen Suchmaschinen und Datenbanken. Bücher wurden aus dem Handel genommen. Besonders symbolträchtig war die Entscheidung, ihren Namen aus dem von Zhang Yimou inszenierten Film One Second zu entfernen – obwohl der Film auf ihrem Roman 陆犯焉识 (Criminal Lu Yanshi) beruhte.

Diese Erfahrung brachte sie zu einer grundlegenden Entscheidung: Sie wollte fortan vollständig nach ihren eigenen Vorstellungen schreiben.

2023 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann in Berlin den Verlag New Song Media. Dort veröffentlicht sie inzwischen unzensierte Fassungen älterer Werke sowie neue Romane, die in China nicht erscheinen dürfen.

Im selben Jahr erschien ihr neuer Roman Milati, eine Art Fortsetzung des 2017 veröffentlichten Romans 芳华 (Youth). Die Geschichte spannt einen Bogen von der Kulturrevolution über die „Rustication“-Bewegung, Arbeitslager und politische Kampagnen bis zu den Ereignissen von 1989. Im Zentrum steht die geistige „Erweckung“ und spätere Ernüchterung einer chinesischen Intellektuellengeneration der 1980er Jahre. Der im Exil lebende chinesische Dichter Yang Lian schrieb über den Roman: „Wer dieses Buch von Yan Geling versteht, versteht auch einen Teil des gegenwärtigen China.“

Befreit von klassischen Verlagsstrukturen veröffentlicht Yan Geling heute viele Inhalte auf unkonventionellen Wegen. Teile ihrer Werke können chinesischsprachige Leser inzwischen kostenlos über ihren YouTube-Kanal hören – eingesprochen mit KI-generierter Stimme.

Am 27. Mai wird Yan Geling in Hamburg über ihr Schreiben und über chinesische Frauenbilder sprechen – eingeladen von engagierten Ehrenamtlichen, die deutschen Lesern gemeinsam mit dem Literaturzentrum Hamburg und der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft einen differenzierteren Blick auf China ermöglichen wollen.

Es dürfte eine seltene Gelegenheit sein, eine der bedeutendsten literarischen Stimmen Chinas in Deutschland live zu erleben.

Info:

Hier die Daten zur Veranstaltung am 27. Mai:
https://lit-hamburg.de/event/yan-geling-frauen-in-china-zwischen-tradition-und-ambition/

* Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

No Comments Yet

Comments are closed