GESELLSCHAFT I Fabriken statt Tempel – der Boom des Industrie-Tourismus

Beijing hat eine neue Sehenswürdigkeit. Sie steht im Nordwesten der Stadt – und ist eine Fabrik. Nicht irgendeine, sondern die supermoderne Produktionsstätte von Xiaomi. Dort produziert das Unternehmen am laufenden Band sein Elektroauto SU7. Alle 76 Sekunden rollt ein Auto vom Band. Fast kein Mensch ist zu sehen. Nur rund 100 Arbeiter sind in der Fabrik, dafür aber über 700 Roboter. Seit Januar 2024 dürfen Besucher zuschauen, wie Mensch und Roboter in dieser Fabrik der Zukunft arbeiten.

Seit diesem Datum bietet Xiaomi sogenannte Factory Tours an. In 40 Minuten wird man durch eine Ausstellungshalle und anschließend 20 Minuten durch die Fabrik geschleust.

Xiaomi ist freilich kein Einzelfall. Viele Firmen – ob in der High-Tech-Industrie oder in der Konsumgüterbranche tätig – bieten solche Factory Tours an. Ja, es ist in den vergangenen Jahren und Monaten ein regelrechter Boom entstanden. Private Autofirmen wie Nio oder Xpeng, aber auch staatliche Hersteller wie FAW in Changchun bieten Einblicke in ihre Fabriken an. Ebenso das Robotikunternehmen Unitree in Hangzhou. In der Stadt Wuhan werden Führungen durch das Optics Valley angeboten. Für 25 Yuan darf man die Produktion beim Sprudelwasserhersteller Genki Forest besichtigen. Der Milchproduzent Yili hat an seinem Stammsitz in Hohhot in der Inneren Mongolei eine health valley scenic area eingerichtet, um den Besuchern – wie ein Manager sagt – „the journey from a grass seed to a drop of milk“ zu zeigen. Auf dem Besichtigungsprogramm stehen auch ein menschenleeres „dark warehouse“ und eine von KI betriebene Produktion.

Warum dieser Boom der factory tours? Vor allem die Generation Z hat keine Lust mehr auf Tempel und Museen. Statt Bauwerke aus vergangenen Jahrhunderten wollen sie Projekte der Zukunft besichtigen. „Industry tourism is a new form of travel that combines industrial aesthetics with science education”, sagt Liu Boying, Architektur-Professor an der Tsinghua Universität in Beijing. So schleppen viele Eltern ihre Kinder auf solche Touren, um sie für die neuen Technologien zu begeistern. In den beiden wichtigsten Urlaubsperioden – Anfang Mai und Anfang Oktober – fahren Familien nicht mehr aufs Land, sondern in die High-Tech-Städte Shenzhen, Hangzhou, Guangzhou, Shanghai und Beijing. Fabriken werden zu High-Tech-Klassenzimmern.

Die Unternehmen öffnen offenbar gerne ihre Tore, denn sie haben auch einen Vorteil. Wer einmal eine solche Fabrik gesehen hat, entscheidet sich eher für Produkte dieses Unternehmens. Xiaomi-Chef Lei Jun betrachtet den Industrie-Tourismus als „eine vertrauensbildende Maßnahme“. Der Boom wird von den staatlichen Stellen unterstützt. Das Ministerium für Kultur und Tourismus hat den Industrie-Tourismus in seine nationale Entwicklungsstrategie aufgenommen. Ende 2024 wurden 122 nationale Projekte ausgezeichnet, die diese neue Form des Tourismus fördern.

Allerdings hat die große Nachfrage nach diesen Factory Tours einen Nachteil. Ein Ticket zu bekommen ist fast wie ein Lottogewinn. Auf dem Schwarzmarkt werden horrende Preise verlangt. Für ein Ticket der besonders beliebten Xiaomi-Tour kann es schon mal vorkommen, dass man dort 400 Dollar hinblättern muss.

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