Am 9. Mai 1986 trat Cui Jian beim Year of International Peace Concert im Beijinger Arbeiterstadion auf und sang das Lied: „Nothing to My Name“. In Chinesisch: 一无所有; yī wú suǒ yǒu. Es ist bis heute einer der erfolgreichsten Songs in der Volksrepublik und Cui Jian ist der bekanntestes Rockstar Chinas. Er gilt als Vater des chinesischen Rock and Roll, obwohl man heute eher sagen muss: der heute 64jährige ist wohl der Großvater des chinesischen Rock´n Roll. In China ist er der „lao Cui“, der alte Cui.
Exakt 40 Jahre nach diesem Auftritt gab just am 9. Mai 2026 Cui Jian wieder ein Konzert, diesmal in der Capital Indoor Halle in Beijing. Selbstredend war dieses ausverkauft, so dass er am nächsten Tag ein zweites Konzert dranhängte.
Cui Jian ist ein Phänomen. Er ist beliebt bei den Massen und toleriert von der politischen Führung, obwohl er eine nicht unwesentliche Rolle 1989 bei den Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens gespielt hat. Fast jeden Tag kam er damals zu den Studenten auf dem Platz: „It was like a huge party“, sagte er vor zwei Jahren in einem Interview mit Sciott Savitt, dem Korrespondenten der Los Angeles Times. Er sang dort Lieder wie „Rock and Roll on the New Long March“ und “It´s Not That I Don´t Understand”. Und natürlich seinen Hit “Nothing to My Name”. Das Lied war die offizielle Hymne der Protestbewegung. In dem Lied beklagt ein Mann, dass seine Freundin ihn womöglich ignorieren wird, weil er nichts hat, dass er ihr geben kann. Cui Jian beteuerte immer wieder, dass er es als ein Liebeslied verstanden haben will. 2010 sagte er gegenüber der BBC: es sei „simply a love song“. Ansonsten wolle er nicht mehr über die Ereignisse auf dem Tiananmen reden. „It´s a closed history“, erklärte er in dem Interview mit Scott Savitt.
Doch daraus zu schließen, dass er sich angepasst und gefügt hätte, wäre falsch. Er sagt klipp und klar: „Censorship is very, very strong here.“ Bei einer Tournee Anfang der 90er Jahre trug er auf einem Konzert eine rote Augenbinde. Danach musste er die Tournee abbrechen. 2014 sollte er bei der berühmten Neujahrsgala des Staatsfernsehens CCTV auftreten. Als er dort das Lied „Nothing to My Name“ singen wollte, wurde ihm das verwehrt. Er sagte daraufhin seine Teilnahme ab.
Cui Jian stammt aus einer künstlerischen Familie mit koreanischen Wurzeln. Die Mutter Tänzerin des China National Ethnic Song & Dance Ensembles, sein Vater Trompeter in einer Band der Luftwaffe. Er spielte zunächst wie sein Vater Trompete und war bereits mit 20 Jahren Mitglied im Ensemble des Beijing Symphonie-Orchesters. Doch seine große Liebe gehörte einem anderen Instrument: der Gitarre. 1984 gründete er zusammen mit Liu Yuan (er starb Ende 2025) seine erste Band „Qi He Ban“ (七合板), eine siebenköpfige Truppe, die eher einem Softrock huldigte und in Beijinger Hotels und Bars auftrat. Während dieser Zeit war er nach wie vor Mitglied des Symphonie-Orchesters, denn er musste ja irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen. Erst 1986 quittierte er diesen Job und gründete eine neue Band namens ADO, ein afrikanisches Wort für Freundschaft. Mit ihr gelang ihm der Durchbruch.
Cui Jian wurde oft als der chinesische Bob Dylan bezeichnet. Der Barde aus New York war auch eines seiner Vorbilder, aber auch erst Simon & Garfunkel und John Denver, sowie später dann die Beatles und die Rolling Stones. Zusammen mit den Rolling Stones trat er 2006 auch in Shanghai auf. Musikalisch war er diesen nahe, aber nicht im alltäglichen Umgang: „I am totally different – I don‘t even smoke, I don’t trink much.“
Info:
Hier ein Video von seinem Auftritt am 9.Mai 1986: https://de.video.search.yahoo.com/yhs/search?fr=yhs-trp-018&ei=UTF-8&hsimp=yhs018&hspart=trp&p=cui+jian+9.+mai+1986+song&type=Y143_F163_225899_091823#id=1&vid=0f72f7e2b113e571c16aa1a32a9a8569&action=click
Hier ein Ton-Aufnahme von einem seiner Auftritte im Mai 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens: https://de.video.search.yahoo.com/yhs/search?fr=yhs-trp-018&ei=UTF-8&hsimp=yhs-018&hspart=trp&p=cui+jian+9.+mai+1986+song&type=Y143_F163_225899_091823#id=17&vid=6f6a0b6f7ddfcf4529d3e62d36428ad6&action=view
Und hier das Interview mit Scott Savitt: https://www.thewirechina.com/2024/02/11/cui-jian-on-the-power-of-rock-n-roll/