WIRTSCHAFT I Die Lehrjahre eines Mittelständlers in China (1) / Von Marco Schaible

Marco Schaible war gerade mal Anfang 30 als ihn sein Unternehmen, ein schwäbischer Mittelständler aus Freudenstadt, nach China schickte, um das dortige Tochterunternehmen wieder auf Vordermann zu bringen. Insgesamt acht Jahre verbrachte Schaible in China, darunter auch die herausfordernden Corona-Jahre. Was er in dieser Zeit erlebt hat, wie er den Turnaround schaffte und dadurch auch letztendlich dem Mutterhaus zum Überleben verhalf, beschreibt Schaible in einer Serie. Es ist ein Lehrstück über das Leben und Überleben eines Mittelständlers in China.

Vor etwas mehr als zehn Jahren – im März 2016 – fragte mich mein Chef an meinem ersten Arbeitstag, was ich von China halte. Ich hielt gar nichts davon. Das war kein Vorstellungsgespräch. Es war ein Satz zwischen Tür und Angel. Beiläufig. Als hätte er nach dem Wetter gefragt. Ich war gerade als Assistent der Geschäftsführung eingestiegen. Ein deutsches Maschinenbauunternehmen in der Krise. Mein Job: den Turnaround am Hauptstandort begleiten. Das lief gut. Wir haben gemeinsam restrukturiert, Vertrauen aufgebaut, Ergebnisse geliefert. Aber parallel wuchs ein Problem, das niemand anfassen wollte. Das Werk in China. Songjiang, eine Stunde südwestlich von Shanghai. Chaotische Strukturen, chronische Qualitätsprobleme. Die Anlagen aus diesem Werk passten nicht zu einem deutschen Maschinenbauer. Nicht mal annähernd. Die Banken drängten auf Sanierung. Und dann dieser Satz meines Chefs: „Du hast die Möglichkeit, all dein Wissen einfließen zu lassen. Das wird dein eigenes Baby.“

China stand nicht auf meiner Liste. Nicht mal unter ferner liefen. Ich kam aus dem Schwarzwald, hatte in Brasilien gelebt, mochte fremde Kulturen. Aber in China leben? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Nicht für zwei Jahre. Nicht für zwei Monate. Trotzdem sagte ich Ja. Nicht weil ich überzeugt war. Sondern weil die Aufgabe größer war als mein Unbehagen. Es war der logische nächste Schritt. Und tief in mir wusste ich: Wenn ich Nein sage, werde ich mich fragen, was gewesen wäre.

Im September 2017 saß ich im Flieger. Zwei-Jahres-Vertrag. Operations Manager. Heute, zehn Jahre nach diesem beiläufigen Satz meines Chefs, ist aus einer Fabrik am Rande der Insolvenz der führenden Hersteller von Anlagen für die Produktion von Leiterplatten für die KI-Industrie geworden. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis meiner gesamten persönlichen Entwicklung: Der Mensch gewöhnt sich an alles. An Smog, an Sprachbarrieren, an ein Leben 9 000 Kilometer von zu Hause. Es klingt banal. Aber wenn du es einmal erlebt hast, macht es dich frei. Weil du weißt: Du kommst überall zurecht. Egal wo. Egal unter welchen Bedingungen. Was ich damals noch nicht wusste: Das Ja zu China war nur der Anfang. Die wirklich schwierigen Situationen lagen noch vor mir.

Nach meiner Ankunft in Shanghai wartete niemand am Gate. Der lokale Manager wollte sich um die Abholung kümmern. Niemand da. Den Manager kann ich nicht erreichen. Deutschland anrufen? Alle schlafen. Zeitverschiebung. Ich stehe allein in einer der größten Städte der Welt und habe keinen Plan B. Gut, dann Google Maps. Kurzer Blick aufs Handy: kein Google. Kein WhatsApp. Kein Übersetzer. Nichts funktioniert. Willkommen in China. Also: Geldautomat, Cash ziehen, Taxi. Ich hatte die Hoteladresse auf Englisch ausgedruckt. Die Fahrerin sah den Zettel an, sah mich an, zuckte die Schultern. Wir fuhren trotzdem los. Eineinhalb Stunden durch Smog und Stadtautobahn. In Songjiang angekommen, fragten wir uns durch. Ohne Erfolg. Keiner konnte mit der englischen Adresse etwas anfangen. Ich saß auf dem Rücksitz und dachte: Das fängt ja großartig an. Und dann sah ich es. In weiter Ferne. Das Holiday Inn. Ich erkannte das Gebäude vom Buchungsfoto. Ich war überglücklich. Dann lotste ich die Fahrerin mit ihrem VW Santana in Richtung Hotel.

Was für ein erster Tag. Ich war komplett fertig. Aber ich war da. China hat mich schon am ersten Tag getestet. Kein Handbuch, kein Ansprechpartner, kein Plan. Nur du und die Situation. Mach was draus. Es war mein Einstieg in eine Kultur, die ich lieben lernte. Nicht wegen der Ordnung. Sondern wegen des Pragmatismus. In China wird nicht lange diskutiert. Es wird gelöst.

Am nächsten Tag sollte es losgehen. Endlich in die Fabrik. Ich bin gespannt. Diesmal war ich schlauer. Ich ließ das Hotel ein Taxi organisieren und hatte die Visitenkarte des lokalen Managers dabei. Der Fahrer nickt, wir fahren los. Raus aus der Stadt. Immer weiter raus. Irgendwann hält er an. Eine staubige Piste. Felder, ein paar Läden. Nichts, was nach Industriegebiet aussieht. Er redet auf mich ein. Ich verstehe kein Wort. Er zeigt nach draußen. Ich soll aussteigen. Hier?

Ich stehe am Straßenrand mit meiner Tasche und der Visitenkarte. Die zeige ich jedem, der mir begegnet. Ein Dumpling-Laden schickt mich die Piste runter. Das kann nicht stimmen. Doch. Es stimmt. Die Straße, an der unser Werk lag, existierte offiziell nicht. Nicht registriert. Kein Name. Keine Adresse. Und von hier aus lieferten wir Anlagen mit bis zu 100 Tonnen Gewicht nach ganz China?

Dann das Werk. Schlaglöcher auf dem Hof. Überall herumliegendes Material. Rostende Maschinen vor der Halle. Im Büro Schimmel an den Wänden. Es war eiskalt, es gab keine Heizung. Ich saß im Wintermantel am Schreibtisch.
Das lokale Management empfing mich mit Schweigen. Sie hatten zu viele kommen und gehen sehen. Zu viele Versprechen gehört, die niemand gehalten hat. Ich saß in diesem kalten Büro und dachte: Das ist schlimmer als alles, was man mir erzählt hat. Aber genau in diesem Moment wusste ich auch: Das hier wird meine Aufgabe. Nicht trotz des Chaos. Wegen des Chaos. Wer saniert, muss zuerst verstehen. Nicht analysieren. Verstehen.

Info:

Hier geht es zum Linkedin-Account von Marco Schaible: https://www.linkedin.com/in/marco-schaible-931b27a2/

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