Drei Bücher sind im vergangenen Jahr über Xi Jinping erschienen, und zwar vom ehemaligen Politiker Kevin Rudd, dem Wissenschaftler Joseph Torigian (Stanford) und dem Ex-China-Korrespondenten Michael Sheridan. Tom Stevenson, Redakteur des London Review of Books (LRB), hat die insgesamt rund 1300 Seiten dieser drei Werke gelesen und danach den Versuch unternommen, dem KP-Chef und Staatspräsidenten Chinas etwas näher zu kommen. Das Ergebnis ist im London Review of Books (22. Januar) nachzulesen. Es ist eine Mischung aus Rezension und dem Porträt eines der mächtigsten Männer der Welt.
Der 1953 geborene Xi Jinping wuchs gut behütet im Beijinger Regierungsviertel Zhongnanhai auf. Dort ging er in die Schule des 1. August. Sein Vater war Xi Zhongxun, ein revolutionärer Mitstreiter Mao Zedongs. Der junge Xi Jinping war also ein hong er dai (红 二 代), ein Kind der Revolution. „Xi was raised in stories of the revolution“, schreibt Stevenson. Doch 1962 fiel sein Vater bei Mao in Ungnade und wurde kaltgestellt. Die Folge war, dass Xi Jinping 1969 während Maos Kulturrevolution aufs Land verschickt wurde – nach Liangjiahe in der Provinz Shaanxi. Während dieser Zeit soll er abends Marx gelesen und mehrere Anläufe unternommen haben, Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden. Beim zehnten Anlauf hat es schließlich geklappt. 1975 durfte Xi das Land verlassen und an der Tsinghua in Beijing Chemie-Ingenieurwesen studieren. Nach dem Studium kam er unter die Fittiche von Geng Biao, damals Generalsekretär der Zentralen Militärkommission. Diese Verbindung hatte wohl sein Vater hergestellt. Stevenson: „There´s little doubt that his father secure that position.” Geng Biao sollte bis zu dessen Tod im Jahre 2000 sein Mentor bleiben. 1982 verließ Xi aber Geng Biao und Beijing und startete in Hebei seine Parteikarriere als lokaler Funktionär. Stevenson kommentiert: „Xi was a skilled if cautious bureaucrat but his real talent was a climber of the gargantuan ziggurat that is the Chinese state system.” (Ziggurat…). Dies zeigte sich nach seinem Wechsel 1985 in die Provinz Fujian. Dort stieg er innerhalb von 17 Jahren vom ersten Sekretär in der Hauptstadt Fuzhou zum Governor der Provinz auf. Damit war er auf einer Ebene angelangt, wo es fast nur noch nach oben gehen konnte. 2002 wechselte er als Parteichef in die Provinz Zhejiang, wirtschaftlich eine der besten in China. Dort haben viele erfolgreiche Unternehmen ihren Sitz, unter anderem Alibaba und Geely. Sheridan schreibt in seinem Buch: „Xi inherited success. He just had to manage it.“ Von Hangzhou, der Hauptstadt Zhejiangs, war es nicht mehr weit nach Shanghai, wo er 2007 Parteichef wurde. Danach ging es Schlag auf Schlag, Er wurde ins Politbüro gewählt, wurde 2008 Vize-Premier und 2012 Vizechef der Zentralen Militärkommission. Sheridan schreibt über diesen steilen Karriereweg: „Xi´s ascent is simply evidence of family favour and the emergence of a dynastic tendency in the party.” Stevenson widerspricht dieser Einschätzung: “Xi is an exception among the princelings (Princelings werden die Kinder hoher Funktionäre genannt). Die meisten seien in die Wirtschaft gegangen oder bereits in den 90er Jahren kaltgestellt worden. Xi Jinping hingegen überlebte und stieg 2012 zum Parteichef auf. Amüsiert zitiert Stevenson damalige Kommentare im Westen, die Xi als Reformer dargestellt hatten. Der damalige BBC-Korrespondent John Simpson hätte gar ein gewähltes Parlament für möglich gehalten. Wie wir wissen, kam es anders. Xi wurde immer mächtiger. Deshalb lautete Sheridans zentrale These: „Xi´s China is best seen as a kingdom and Xi himself best regarded as an emperor.” Ein Kaiser, der seine Getreuen um sich schare. So seien im Ständigen Ausschuss des Politbüros – dem höchsten Parteigremium – die meisten Mitglieder alte Freunde aus seiner Zeit in den Provinzen Fujian und Zhejiang: Li Qiang, Cai Qi, Ding Xuexiang, Zhao Leji und Li Xi. Einzige Ausnahme: Wang Huning. Während seiner bisherigen Amtszeit hat Xi Jinping in der Partei gewaltig aufgeräumt. In den ersten zwei Jahren hat er rund 700 Top-Offizielle aus der Partei entfernt und in den ersten fünf Jahren über zwei Millionen Parteimitglieder wegen Korruption angeklagt. Immerhin sieht Autor Sheridan auch Erfolge unter Xi. Vielleicht der wichtigste: Xi habe China zu einem „powerhouse of next generation technology“ gemacht.
Im Gegensatz zu Sheridan hat Kevin Rudd nicht die Lebensgeschichte des Xi Jinping nachgezeichnet, sondern sich mit Xi´s Gedankenwelt beschäftigt. Der ehemalige australische Premier Rudd, als Sinologe Chinesisch sprechend, kennt Xi persönlich.
Er hat für sein Buch viele Artikel, Kommuniqués und Reden ausgewertet, um Xi zu verstehen. Er kommt dabei zu dem Schluss: „Xi is a committed ideologue.“ Er vereine einen sinozentrischen Nationalismus mit marxistischen Kampfbegriffen. Seine Ideologie sei “a fusion of Leninist politics, Marxist economics and national foreign policy.” Xi sei auch kein Reformer. Im Gegenteil: Er sieht unter XI “a rejection of Reform and Opening Up“.
Wie lange wird Xi Jinping noch herrschen? Das wissen natürlich die Autoren nicht. Das wissen nur Xi Jinping und vielleicht noch seine Getreuen. 2018 hat der Nationale Volkskongress die Regel abgeschafft, dass Parteichefs nur zwei Perioden herrschen dürfen. Inzwischen ist Xi Jinping in seiner dritten Amtszeit, die bis 2027 läuft. Werden weitere folgen?
Xi Jinping hat offenbar gute Gene: Sein Vater starb mit 88 Jahren. Seine 99 Jahre alte Mutter lebt noch in Shenzhen. Zudem habe er „access to excellent healthcare“, schreibt Stevenson. Will sagen: Wir können oder müssen noch länger mit Xi Jinping leben.
Info:
Hier der Artikel von Tom Stevenson in London Review of Book vom 22. Januar: https://www.lrb.co.uk/the-paper/v48/n01/tom-stevenson/climbing-the-ziggurat
Und hier die Links zu den besprochenen Büchern:
Kevin Rudd: On Xi Jinping: How Xi´s Marxist Nationalism Is Shaping China and the World, Oxford University Press, 604 Seiten, 26,99 Pfund.
Joseph Torigian: The Party´s Interests come first: The Life of Xi Zhongxun, Father of Xi Jinping, Stanford University Press, 704 Seiten, 40 Pfund.
Michael Sheridan: The Red Emperor: Xi Jinping and His New China, Headline, 345 Seiten, 12,99 Pfund.