POLITIK I Wo ist Qin Gang? Nicht mehr im Amt.

Es war ein Schauspiel, das einer Weltmacht unwürdig war. In der Hauptrolle: Qin Gang, (ehemaliger) Außenminister der Volksrepublik China. Zuletzt war er am 24. Juni aufgetreten, als er dem Amtskollegen aus Sri Lanka die Hand schüttelte. Danach wurden alle seine Auftritte abgesagt, Heimspiele wie Gastspiele. Weder bei den Besuchen von US-Außenminister Antony Blinken noch beim Asean-Meeting in Indonesien war Qin Gang anwesend. Und auch EU-Außenbeauftragter Josep Borrell wurde mangels Gesprächspartner zwei Tage vor der Reise ausgeladen. Erst hieß es, Qin Gang sei krank. Später sagte die Sprecherin des Ministeriums nichtssagend, dass ihr keine Informationen über den Verbleib ihres Chefs vorlägen. Wer nichts sagt, muss allerdings mit Gerüchten und Spekulationen leben. Und davon gab es in den Wochen von Qins mysteriöser Abwesenheit einige. Zum Beispiel: Ist er an Post-Covid erkrankt? Das wäre schlecht, denn China hat doch Covid besiegt. Hat er eine sonstige schwere Krankheit? Was auch in dem Alter – Qing Gang ist 57 Jahre alt – schon mal passieren kann. Ist er gar tot, wie ein paar wenig pietätvolle Beobachter orakelten und gleich auch den Ort des Ablebens (PLA 301 Hospital in Beijing) mitlieferten? Oder hat er sich irgendeine Form von Korruption geleistet? Oder lag er mit Xi Jinping – eigentlich sein großer Förderer – inhaltlich über Kreuz? Oder stolperte er am Schluss doch über diese außereheliche Affäre mit einer chinesischen TV-Journalisten, die er während seiner Zeit als US-Botschafter kennengelernt haben soll und mit der er ein in den USA geborenes Kind haben soll? Fragen über Fragen. Am 25. Juli dann endlich eine erste Antwort auf die Frage: Wo ist Qin Gang? Nicht mehr im Amt. Nach einer außerplanmäßigen Sitzung des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses wurde in dürren Worten – hier deren inoffizielle englische Übersetzung – mitgeteilt: „After voting, the meeting decided to remove Qin Gang from the post of Minister of Foreign Affairs he concurrently held and appointed Wang Yi as Minister of Foreign Affairs.”

Sein Nachfolger ist also sein Vorgänger: Wang Yi (69). Wangs Vorteil: Er war eigentlich nie weg. Als Qin Gang Anfang des Jahres Außenminister wurde, wechselte Wang in die Funktion des Vorsitzenden  der außenpolitischen Kommission des ZK. In diesem Parteiamt stand Wang hierarchisch über Qin. Wang, der seit 2013 Außenminister war, steht für Kontinuität in der chinesischen Außenpolitik. Ob er nur als Statthalter dient oder bald einem jüngeren Nachfolger Platz machen wird, ist unklar. Ebenso offen ist die Frage, was geschieht mit Qin Gang. Die Zhongnanhai-Astrologen versuchen sich an Deutungen. Bill Bishop (Sinocism) zum Beispiel sezierte die Mitteilung über Qins Abgang und stieß dabei auf das Wort „remove“ (免去). Es hätte stattdessen auch „dismissed“ ( 撤销) stehen können. Der feine Unterschied – so Bishop: “Dismissal usually comes when a disciplinary investigation is complete, while removal occurs when one is underway.“ Also laufe gegen Qin Gang – aus welchen Gründen auch immer – ein Verfahren, das noch nicht abgeschlossen sei. Bishop betont aber, das sei nur eine Vermutung. Aber warum darf dann Qin Gang sein hohes Amt als Staatsrat offenbar behalten, wenn gegen ihn ermittelt wird? Die Fragen bleiben. Und das Warten auf Antworten auch.

Info:

Wer gerne Klatsch und Tratsch mag, dem empfehle ich diese Ausgabe des „China Talk“ von Jordan Schneider: https://www.chinatalk.media/p/qin-gone-what-really-happened-to?utm_source=post-email-title&publication_id=4220&post_id=135457905&isFreemail=true&utm_medium=email

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