Es gibt Pendler, die fahren morgens und abends ein paar Kilometer zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. Es gibt jene, die in Grenznähe wohnen und täglich zur Arbeit ins Nachbarland pendeln – etwa nach Frankreich oder in die Schweiz. Und es gibt Thilo Ketterer (59), der zwischen Kontinenten pendelt – zwischen Europa und Asien. Oder – um genauer zu sein – zwischen Kirchheim/Teck und Shanghai.
Thilo Ketterer ist als Managing Director verantwortlich für die Geschäfte von Rödl & Partner in China und Ostasien. Seit 2003 ist er für das Beratungsunternehmen vor Ort. Er bekennt: „Ich bin absoluter China-Fan.“ Er mag das Land, die Leute und das Essen. Dabei wusste er von diesem Land herzlich wenig, als er sich Ende 2003 auf eine Anzeige in der Fachzeitschrift „Der Betrieb“ bewarb. Damals suchte Rödl & Partner einen Leiter für die Niederlassung in Shanghai. Der gebürtige Albstädter hatte bis dato BWL an der Uni Tübingen studiert, an der Ruhr-Uni Bochum über ein Steuer-Thema promoviert, sein Examen zum Wirtschaftsprüfer in Nordrhein-Westfalen abgelegt und anschließend bei Carl Zeiss in Oberkochen gearbeitet. Dort wurde ihm schnell klar: „Ich bin kein Konzernmensch. Ich brauche täglich neue Herausforderungen. Ich bin ein Berater-Typ.“ Deshalb die Bewerbung bei Rödl & Partner – einem interdisziplinären Beratungsunternehmen mit den Schwerpunkten Abschlussprüfung, Rechts-, Transaktions- und Steuerberatung sowie Outsourcing.
Ende 2003 reiste Ketterer mit seiner Frau und dem damals vierjährigen Sohn zum üblichen Look-and-See-Trip nach Shanghai. Er kam mit der Erkenntnis zurück: “Ja, das ist eine interessante Stadt. Diese Herausforderung nehme ich an.“
Anfang 2004 zogen die Ketterers nach Shanghai. „Damals war alles noch in großer Aufbruchstimmung“, erinnert sich Ketterer; auch bei seinem neuen Arbeitgeber Rödl & Partner. Neben der seit 1995 existierenden Niederlassung in Shanghai wurden in rascher Folge Niederlassungen in Peking (2004), Guangzhou (2005), Hongkong (2007) und schließlich, mit etwas zeitlicher Versetzung, in Taicang (2016) eröffnet. Heute hat das Unternehmen in China über 200 Mitarbeiter, davon rund 110 in Shanghai, die vorwiegend deutsche Unternehmen mit Geschäftsaktivitäten in China beraten.
Die Beratungsschwerpunkte haben sich in den über 20 Jahren, die Ketterer nun in China unterwegs ist, geändert. „Wir haben hier inzwischen ein geregelteres rechtliches Umfeld“, sagt Ketterer, „Compliance ist daher ein großes Thema“. Auch die Rolle der Ausländer sei inzwischen eine andere: „Damals waren wir nicht nur Lehrende – wir wurden auch als Vorbilder wahrgenommen.“ Heute begegnet man sich aber mindestens auf Augenhöhe – ja, man könnte sogar sagen: aus den Lehrenden wurden Lernende.
Auch privat veränderte sich einiges: 2005 wurde in Shanghai die Tochter geboren, die Familie lebte nun zu viert in der chinesischen Metropole. 2011 folgte ein weiterer Umzug – diesmal nach Peking. Doch schon ein Jahr später kehrten die Ketterers nach Deutschland zurück und ließen sich in Kirchheim unter Teck nieder.
Warum der familiäre Rückzug? Dafür nennt Ketterer zwei zentrale Gründe: Zum einen sei die Umweltbelastung in der damaligen Zeit enorm gewesen. Zum anderen überwog der Wunsch, den Kindern mehr Nähe zur Familie in Deutschland zu ermöglichen – insbesondere zu den Großeltern.
Seit dem Umzug ins Ländle pendelt Thilo Ketterer zwischen Shanghai und Stuttgart / Kirchheim. Bis zum Ausbruch von Corona hielt er sich diszipliniert an seinen Fahrplan: zwei Wochen China, zwei Wochen Deutschland. Selbst noch in der Corona-Zeit verbrachte er einen Großteil seiner Zeit in Shanghai (einschließlich des Lockdowns) – auch um den Kollegen vor Ort zu zeigen: „Wir stehen als deutsches Unternehmen zu euch und zu China.“ Nach Corona hat er seine Pendelei etwas reduziert, dafür bleibt er aber jeweils länger in Shanghai.
Die Stadt sei seit seinem Start vor über 20 Jahren deutlich internationaler geworden. Auch kulturell werde heute viel geboten. Nur die zu süße Küche Shanghais sei nicht so nach seinem Geschmack. Stattdessen bevorzugt er die scharfen Hunan-Speisen und die aromatisch-würzige Yunnan-Küche mit ihren köstlichen Pilzgerichten. Abschließend unterstreicht Ketterer nochmals, dass China damals wie heute – sowohl geschäftlich als auch privat – ein attraktives Land ist: „Es war, ist und bleibt der place to be.“