BUCH I Thomas Heberer – ein Forscherleben in und mit China

Im August 1975 stieg der 27jährige Thomas Heberer in ein Flugzeug der Pakistan International Airways (PIA). Erstes Zwischenziel war Rawalpindi, wo er mehrere Tage auf den Weiterflug warten musste, ehe es dann nach Beijing weiterging (Direktflüge zwischen Deutschland und China gab es zu der Zeit noch nicht). Dort wurden er und seine Mitreisenden im besten Hause am Platz, dem Beijing-Hotel, einquartiert. Dreieinhalb Wochen verbrachte der junge Doktorand Heberer in Beijing und Umgebung. Dann ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn wieder zurück nach Europa.

Es war eine Reise, die das Leben von Heberer veränderte. China ließ ihn danach nicht mehr los. Er arbeitete in China, er heiratete eine Chinesin, er forschte in und lehrte über China. Und er reist bis heute jedes Jahr mehrmals nach China. Er hat also über 50 Jahre China-Erfahrung. Wer kann das in Deutschland sonst noch vorweisen?

Es war also höchste Zeit, dass der 78jährige Heberer seine Erfahrungen niederschrieb, was er in dem in diesen Tagen erschienen Buch „China neu denken“ getan hat. Es ist keine Autobiographie, es ist auch kein Sach- oder gar Lehrbuch, es ist auch kein langes politisches Essay – es ist von jedem etwas. Ein Buch, das sich deshalb schwer kategorisieren lässt. Es ist aber auf jeden Fall ein gedruckter Schatz an Erfahrung und Wissen über ein Land, das immer noch vielen hierzulande fremd ist oder ziemlich einseitig dargestellt wird. Heberer beklagt denn auch in seiner Einführung die Dämonisierung Chinas als „Schurkenstaat“ und kritisiert die „wenig differenzierte Medienberichterstattung“ über China.

Diesem China der Medien setzt er sein China gegenüber. Ein China, das – so Heberer – „seit dem 19. Jahrhundert einen eigenen Weg der Modernisierung gehen will, was aber im Westen nicht verstanden wurde und nach wie vor nicht wird“. Er versteht dieses China, sagt aber gleichzeitig einen banalen Satz: „Verstehen bedeutet nicht akzeptieren“. Heberer weiß, dass er als China-Versteher verschrien ist. Es bestehe in Deutschland eine Tendenz, Chinawissenschaftler mit jahrzehntelanger Erfahrung als „China-Versteher“ zu disqualifizieren, schreibt er ganz allgemein ziemlich weit hinten in seinem 440-Seiten-Buch – und meint wohl sich selbst.

Dabei gibt es kaum einen deutschen Sozialwissenschaftler, der so viel Feldforschung in China betrieben hat wie Heberer, der studierter Ethnologe und Politikwissenschaftler ist und sich Chinesisch im Selbststudium beigebracht hat. Seit Ende der 70 er Jahre betreibt er Feldforschung in China. In seinem ersten Projekt untersuchte er die Nationalitätenpolitik Chinas. Viele weitere Projekte sollten folgen – von der Entwicklung des ländlichen Raumes bis zum politischen und gesellschaftlichen Verhalten von Privatunternehmen. „Ich versuchte alle drei Jahre meine Forschungsthematik zu wechseln“, schreibt Heberer. Seine Forschungstätigkeit führte ihn ín 31 der 32 chinesischen Provinzen.

Er kritisiert, dass „unter westlichen Sozial -und Geisteswissenschaftlern die Tendenz gewachsen ist, erst gar nicht mehr nach China zu reisen und vor Ort zu forschen, sondern Erkenntnisse über die chinesischen sozialen Medien zu gewinnen“. „Verandasoziologie“ nennt er das. Er konzidiert, dass Feldforschung inzwischen deutlich schwieriger geworden sei, aber nicht unmöglich. Seiner geliebten Feldforschung widmet er das zweite Kapitel in diesem Buch. 

Im ersten Kapitel – dem autobiographischen Teil – beschreibt er die Zeit zwischen August 1977 und September 1981. In dieser spannenden Zeit des beginnenden Reform- und Öffnungsprozesses war er vor Ort in Beijing, arbeitete dort als Lektor und Übersetzer im Verlag für Fremdsprachige Literatur vor allem für die „Peking Rundschau“. Diese rund 100 Seiten geben seltene Einblicke in das Leben jener Zeit in Beijing und China. Die Texte werden dabei immer wieder mit Bildern und kurzen Info-Kästen aufgelockert. Diese Struktur wird auch im dritten und vierten Kapitel beibehalten. Im dritten Kapitel beschäftigt sich Heberer mit Geschichte, Politik, Gesellschaft und Kultur Chinas. Er erklärt den Konfuzianismus, Daoismus, Legalismus und den Mohismus; er vergleicht das Staatsverständnis in China und Europa und setzt sich mit dem klassischen chinesischen Staatskonzept des Tianxia auseinander; und er beschreibt die Privatunternehmer als Motoren der chinesischen Entwicklung. Da kommt der Professor in ihm durch – aber nur inhaltlich, nicht sprachlich. Thomas Heberer lehrte in Bremen, Trier und von 1998 bis 2013 an der Universität Duisburg-Essen. Aber auch nach seiner Emeritierung forschte er als Senior Professor weiter und kommentiert die aktuelle China-Debatte. Das tut er auch im vierten, dem letzten Kapitel seines Buches. Er kritisiert, dass in Europa und den USA gegenwärtig ein Bild von China dominiere, „als sei China ein bloßer Unrechtsstaat“. Dagegen werde im Westen kaum honoriert, dass die Welt von der Existenz eines starken und prosperierenden Chinas profitiere. Aber auch Chinas Führung ermahnt er, sie solle ihre regionalen Konflikte lösen: „So wäre Peking gut beraten, mit den Anrainerstaaten eine Lösung für die Territorialkonflikte im Südchinesischen Meer zu finden.“ 

Wenig verwunderlich plädiert Heberer für einen Dialog mit China. Dazu müsse neben der Dialogbereitschaft auch eine Dialogkompetenz kommen. Letztere definiert er wie folgt: „Die Fähigkeit, die Perspektive des Gesprächspartners einzunehmen, um sie besser zu verstehen, andere Meinungen anzuerkennen und respektvoll mit ihnen umzugehen.“

Ein schönes Schlusswort für die Rezension eines Buches, das alle lesen sollten, die mehr über China wissen wollen, und auch für die, die nicht Heberers Ansicht sind.

Info:

Thomas Heberer: China neu denken, Drachenhaus Verlag, 440 Seiten, 29 Euro.

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