WIRTSCHAFT I Erfahrungen eines Mittelständlers (III) I Von Marco Schaible

Marco Schaible war gerade mal Anfang 30 als ihn sein Unternehmen, ein schwäbischer Mittelständler aus Freudenstadt, nach China schickte, um das dortige Tochterunternehmen wieder auf Vordermann zu bringen. Insgesamt acht Jahre verbrachte Schaible in China, darunter auch die herausfordernden Corona-Jahre. Was er in dieser Zeit erlebt hat, wie er den Turnaround schaffte und dadurch auch letztendlich dem Mutterhaus zum Überleben verhalf, beschreibt Schaible in einer Serie. Es ist ein Lehrstück über das Leben und Überleben eines Mittelständlers in China.

Sprachbarrieren, Frust — und ein Lichtblick namens Jojo.

Von morgens bis abends saß ich im Meetingraum. Ich wollte die Probleme verstehen, sie wirklich durchdringen, nicht nur an der Oberfläche kratzen. Also sprach ich mit den Mitarbeitern. So gut es eben ging.
Denn die Sprachbarriere war enorm.

Wollte ich mit der Produktion sprechen, musste ich jedes Mal den Logistiker dazuholen, weil er ein bisschen Englisch konnte. Ein Satz von mir, eine lange Diskussion auf Chinesisch, eine knappe Übersetzung zurück. Über zwei Ecken übersetzt wurde aus einem klaren Problem schnell ein vages Gefühl. Nuancen gingen verloren. Zwischentöne sowieso. Und genau die sind es, die in China oft entscheidend sind.

Das war anstrengend. Frustrierend. Und vor allem: Es führte zu nichts.
Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, abends aus dem Werk zu gehen und zu denken: Ich war den ganzen Tag beschäftigt — aber bin ich auch nur einen Schritt weitergekommen? Die ehrliche Antwort war meistens: nein.
Dann kam Jojo.

Sie war die Assistentin des chinesischen General Manager. Ihr Englisch war richtig gut, sie war freundlich, neugierig — und vor allem direkt. Wenn ich nicht weiterkam, fragte ich sie. Zuerst zögerlich, dann immer öfter. Und plötzlich wurde vieles einfach.

Nicht, weil die Probleme kleiner geworden wären. Sondern weil ich sie endlich in ihrer ganzen Tiefe verstand.

Und genau hier kam die wichtigste Lektion dieser Zeit:
Manchmal war das eigentliche Problem gar nicht, dass ich es nicht verstand. Das eigentliche Problem war, dass es niemand lösen wollte.

Jojo war diejenige, die mich darauf aufmerksam machte. Sie sagte nicht „das geht nicht“. Sie sagte: „Marco, hier musst du um die Ecke denken.“ Und das musste ich oft. Sehr oft.

Was in Deutschland ein klarer, linearer Lösungsweg gewesen wäre, funktionierte in China einfach nicht. Es gab unausgesprochene Interessen, Hierarchien, Gesichtswahrung, historisch gewachsene Beziehungen zwischen Abteilungen – Dinge, die in keinem Organigramm stehen, aber alles bestimmen.

Ohne Jojo hätte ich das nie durchschaut. Ich wäre weiter gegen Wände gelaufen und hätte mich gefragt, warum sich nichts bewegt. Sie war damals nicht meine Mitarbeiterin. Aber sie machte mir eines überdeutlich klar: Ich brauchte jemanden an meiner Seite, der so ehrlich war wie sie. Jemanden, der mir sagt, wenn ich auf dem Holzweg bin. Jemanden, der übersetzt, nicht nur die Worte, sondern den Kontext dahinter.
Dass sie Jahre später genau diese Rolle übernehmen würde als meine Vertriebsleiterin in China, hätte ich damals nie gedacht. Dass wir uns über so viele Jahre gegenseitig unterstützen würden, erst recht nicht.

Manchmal sitzt die wichtigste Person im Raum nicht am Kopfende des Tisches. Manchmal ist sie die Assistentin, die nebenbei übersetzt — und dir dabei die Augen öffnet.

Wenn ich an meine ersten Wochen in Songjiang zurückdenke, war eines klar: Die Fabrik war zugemüllt. Maschinen aus alten Aufträgen standen auf dem Hof. In der Halle dasselbe Bild, Anlagen von Kunden, von denen niemand mehr so richtig wusste, warum sie überhaupt noch da waren. „Warum steht das hier?“ – Schulterzucken. „Wem gehört das?“ – Schulterzucken. „Was machen wir damit?“ – Schulterzucken. Daneben Teile. Überall Teile. Manche lagen so lange dort, dass keiner mehr sagen konnte, wo sie eigentlich hingehörten.

Das Büro sah übrigens nicht viel besser aus. Aber da hatte ich in den ersten Wochen kaum Befugnisse. Also fokussierte ich mich auf den Ort, an dem die Wertschöpfung passiert: die Produktion. Ich führte einen morgendlichen Rundgang ein. Jeden Tag um 8:30 Uhr, mit allen Beteiligten aus dem Operations-Bereich. Wir gingen gemeinsam durch die Halle, über den Hof, durch jede Ecke. Und überall, wo etwas stand, das da nicht hingehörte, kam eine rote Karte dran. Danach begann die eigentliche Arbeit. Mit der Konstruktion versuchten wir zu identifizieren: Was ist das überhaupt? Können wir es noch verwenden? Oder kann es weg? Finance war oft mit dabei, denn wir mussten wissen, ob die Maschinen und Teile noch in den Büchern standen.

Und hier kam dann die nächste Lektion: Demut. Die finanzielle Situation des Werks war angespannt. Sehr angespannt. Es gab Maschinen und Teile, von denen wir genau wussten, dass wir sie nie wieder verwenden würden. Trotzdem konnten wir sie nicht einfach verschrotten. Wir mussten warten, bis die Bilanz das überhaupt zuließ. Das war zäh. Ich wollte aufräumen, klare Verhältnisse schaffen und musste lernen, dass „klare Verhältnisse“ auch bedeutet, mit den finanziellen Realitäten zu leben.

 Also habe ich einen anderen Weg gewählt: Alles, was raus sollte, aber noch nicht raus durfte, kam in einen klar abgegrenzten Bereich in der Halle. Eine Art Sammelzone für die Altlasten. Damit war für jeden im Werk auf einen Blick sichtbar: Das hier ist der Berg, den wir abbauen werden, sobald es geht. Das schafft Transparenz. Und diese Dinge verschwinden damit aus dem täglichen Blickfeld, sie liegen nicht mehr verstreut zwischen den aktiven Maschinen, sie stehen nicht mehr im Weg, sondern sind als das markiert, was sie sind: Vergangenheit.

Aber etwas anderes habe ich in dieser Zeit ebenfalls gelernt: Aufräumen befreit. Einfach Ordnung machen. Mit alten Dingen abschließen. Allein die Tatsache, dass jeder im Werk wusste „die sind tot, die kommen weg, sobald es geht“, hat etwas verändert. Aus Chaos wurde Übersicht. Aus „weiß keiner“ wurde „wissen wir“. Und genau das war der Anfang. Bevor man eine Fabrik drehen kann, muss man erst einmal sehen, was man überhaupt hat. 

Info:

Hier der Link zum Linkedin-Account von Marco Schaible: https://www.linkedin.com/in/marco-schaible-931b27a2/

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