Dass sich in Norditalien viele Chinesen niedergelassen haben, ist bekannt. Das toskanische Prato gilt immer als Beispiel für eine starke China-Repräsentanz. In Mailand ist die Via Paolo Sarpi das Zentrum der chinesischen Gemeinde. Doch ein Phänomen der chinesischen Präsenz in Norditalien blieb bislang ziemlich unbeachtet: die Übernahme zahlreicher Café-Bars durch chinesische Einwanderer. Aufmerksam wurde ich darauf durch das Buch der in den USA lebenden Anthropologin Grazia Ting Deng: „Chinese Espressso: Contested Race and Convivial Space in Contemporary Italy“. Dem Online-Magazin Sixth Tone hat die Autorin ein Interview gegeben, in der sie über die Übernahme der Bars durch Chinesen plaudert. Schon 2005 sei sie auf das Phänomen gestoßen, als sie in einem italienischen Dorf auf eine Bar traf, die von einem Chinesen betrieben wurde. Sie recherchierte und stelltes fest, dass das kein Einzelfall war, sondern zum Beispiel auch in Städten wie Bologna häufig vorkam. Deng: „I was shocked. Coffee bars are at the heart of Italian urban culture.” Wie kam es zur Übernahme dieses ur-italienischen Kulturguts durch chinesische Einwanderer? Oder in der Frage einer Anthropologin: „Why and howe could a long marginalized immigrant group – often seen as “cultural aliens” and detached from mainstream social life, enter the core spaces of local culture?” Zur Beantwortung muss man etwas ausholen. In den 60er und 70er Jahren eröffneten viele süditalienische „Gastarbeiter“ oder auch Dorfbewohner mit ihrem Ersparten in den Städten Café-Bars. Diese Generation kam in den Nullerjahren ins Rentenalter. Ihre Kinder, meist besser ausgebildet, wollten nicht übernehmen. So lautete die Alternative: Schließen oder verkaufen? Aber wenn verkaufen, an wen? Und damit kommen die chinesischen Immigranten ins Spiel. Sie lebten schon länger in Italien, arbeiteten in Fabriken oder als Straßenverkäufer. Mit ihrem Gesparten hatten sie – wie einst die ersten italienischen Bar-Besitzer – den Wunsch, sich selbständig zu machen. Die größte Gruppe der chinesischen Immigranten in Italien stammte aus Wenzhou. Deng: „Wenzhou people typically emigrate as a family and ran mom-and-pop business – aligning closely with the traditional Italian coffeebar model.” Es war also eine “convergence of forces”. Einerseits “Italy´s dying society and economic restructuring” – anderserseits: “Chinese immigrants with their family-based labor model.”
Interessant für die Anthropologin Deng war, dass die neuen chinesischen Besitzer nicht versuchten, den Bars eine „Chineseness“ zu verpassen. Ding: „This is the first time a Chinese immigrant community has adopted a core cultural product of their host country as their primary means of livelihood.” Ein chinesischer Besitzer, den sie interviewte, sagte, dass Kaffee “an Italian thing“ sei. Deshalb müsse man „do it the Italian way“. Das simple Angebot der Bars wird deshalb unter chinesischer Führung beibehalten: Espresso. Cappuccino, ein paar wenige alkoholische Getränke, süßes Gebäck und Paninis. Kommen sich Chinesen und Italiener dadurch näher?
Deng hat festgestellt, dass sich die Kommunikation zwischen den chinesischen Besitzern und deren Kunden auf die Zeit in der Bar beschränkt. Nach einem harten Zwölf-Stunden-Tag würden sich die Chinesen wieder in ihre Community zurückziehen.
Info:
Grazia Ting Deng: „Chinese Espressso: Contested Race and Convivial Space in Contemporary Italy“, Princeton University Press, 264 Seiten, 23,90 Euro.
Hier das Interview mit der Autorin in Sixth Tone: https://www.sixthtone.com/news/1018328