CHINA ABSEITS I Hast du dir schon eine Garnele gezüchtet? / Von Nan Haifen*

„Ni yang xia le ma?“ – dieser Satz ist im Jahr des Feuerpferdes zu einer der trendigsten Begrüßungen in China geworden.

Wörtlich übersetzt bedeutet er: „Hast du schon eine Garnele gezüchtet?“
Was? Warum sollte man plötzlich eine Garnele als Haustier halten?

Als ich am Morgen des ersten Arbeitstags nach den chinesischen Neujahrsfeiertagen mein WeChat öffnete, war mein Feed voller Beiträge über „Yang Xia“ – wörtlich: eine Garnele züchten – und über „Xiaolongxia“, Flusskrebse auf Chinesisch. Ich war zunächst genauso verwirrt wie vermutlich viele Leser dieser Kolumne.

Doch schnell wurde mir klar: Es ging weder um eine Garnele als Haustier noch um das beliebte chinesische Volksgericht Flusskrebse, sondern um ein Open-Source-KI-Programm namens OpenClaw, erkennbar an seinem Hummer-Logo. Entwickelt wurde es vom österreichischen Softwareingenieur Peter Steinberger.

Dass dieses Tool in China plötzlich so populär wurde, hat viel mit dem bekannten Techunternehmer Fu Sheng zu tun. In mehreren Posts berichtete er von einem persönlichen Experiment: Nachdem er sich kurz vor den Neujahrsfeiertagen beim Skifahren ein Bein gebrochen hatte, begann er aus Langeweile mit OpenClaw zu experimentieren.

Innerhalb von 14 Tagen – praktisch von null an – baute er acht KI-Agenten, die inzwischen seine täglichen Routineaufgaben ebenso erledigen wie spontane Ad-hoc-Arbeiten. Den Aufbau übertrug er live auf seinem WeChat-Kanal. Mehr als 200.000 Zuschauer verfolgten das Experiment.

Dabei ist OpenClaw eigentlich noch ein sehr junges Projekt. Erst im vergangenen November veröffentlicht, war es ursprünglich als Open-Source-Tool für KI-Entwickler gedacht. Doch laut einer Analyse des Silicon-Valley-Techmediums The Information haben sich die Downloadzahlen kurz nach dem chinesischen Neujahr über Nacht verdoppelt.

Der Enthusiasmus hat mit der besonderen Natur dieses Tools zu tun. Während Systeme wie ChatGPT oder DeepSeek vor allem Sprachagenten sind, die mit dem Nutzer kommunizieren, können OpenClaw-Agenten tatsächlich im Namen des Nutzers auf dem Computer arbeiten – sofern man ihnen die entsprechenden Anweisungen und Zugriffsrechte gibt.

Natürlich geschieht das nicht automatisch. Die Agenten müssen zunächst eingerichtet, trainiert und angepasst werden. Genau das ist mit dem chinesischen Ausdruck gemeint, wenn man davon spricht, „eine Garnele“ oder „einen Hummer zu züchten“.

Selbst die Entwickler zeigten sich vom plötzlichen Hype überrascht. In einem Blogbeitrag Anfang März – nachdem das Projekt mit über 250.000 Sternen zu den meistmarkierten Softwareprojekten auf GitHub aufgestiegen war – dankte das OpenClaw-Team ausdrücklich den zahlreichen freiwilligen Entwicklern aus China für ihre Beiträge zur Lokalisierung der Software und für die Begeisterung der chinesischen Nutzergemeinschaft.

In China hat der Trend inzwischen sogar eine kleine Ökonomie hervorgebracht.
Das Unternehmen Cheetah Mobile von Fu Sheng hat bereits eine eigene Plattform namens EasyClaw gestartet, über die auch Internetnutzer ohne technische Kenntnisse eigene KI-Agenten einrichten können. Fu Sheng selbst veranstaltet mittlerweile regelmäßig kostenlose Onlinekurse für begeisterte „Hummer-Fans“.

Auch die großen Techkonzerne reagieren schnell. Alibaba, Tencent und andere Anbieter haben auf ihren Cloud-Plattformen bereits „One-Click“-Versionen eingerichtet, mit denen sich OpenClaw direkt in der Cloud starten lässt.

Einige private Nutzer haben darin sogar ein Geschäftsmodell entdeckt. Sie bieten OpenClaw-Installationen an – von einer Remote-Einrichtung für etwa 20 Yuan (rund drei Euro) bis zu 3.000 Yuan (etwa 350 Euro) für einen Vor-Ort-Service. Manche berichten von bis zu 30.000 Euro zusätzlichen Einnahmen während der Feiertage.

Als Tencent kürzlich eine kostenlose Installationsaktion vor seinem Hauptsitz in Shenzhen veranstaltete, kamen Menschen aus nahezu allen Altersgruppen und sozialen Schichten: ein pensionierter Flugzeugingenieur über 70, eine junge Mutter mit ihrem zweijährigen Kind, ein Viertklässler mit Schulranzen, sogar eine Großmutter mit dem Laptop ihrer Enkelin.

Viele mussten jedoch mit unverrichteter Sache wieder gehen – die verfügbaren Plätze waren innerhalb einer Stunde vergeben.

Beobachter vermuten allerdings, dass hinter dieser Hilfsbereitschaft auch strategische Interessen stehen. Bislang verdienen große Cloudanbieter nur begrenzt Geld mit privaten Nutzern. Der aktuelle OpenClaw-Hype könnte daher eine neue Nachfrage nach Cloud-Rechenleistung schaffen – und damit eine neue Einnahmequelle.

Auch andere Unternehmen experimentieren bereits mit der Technologie. Xiaomi-Gründer Lei Jun kündigte kürzlich ein eigenes System namens MiClaw an. Die Robotikfirma Unitree testet OpenClaw sogar bereits in humanoiden Robotern – mit dem Ziel, dass Maschinen künftig reale Aufgaben im Alltag übernehmen können.

Auch der chinesische KI-Modellanbieter MiniMax profitiert bereits von diesem Trend. Entwickler Peter Steinberger empfahl dessen Modell kürzlich als besonders geeignet für chinesische Anwendungen. Die Aktie von MiniMax ist im letzten Monat um über 50 % gestiegen. Anders als bei Plattformen wie ChatGPT oder DeepSeek können Nutzer bei OpenClaw selbst entscheiden, welches Sprachmodell ihre Agenten verwenden.

OpenClaw könnte damit der Beginn einer neuen Phase der digitalen Automatisierung sein. In China spüren viele Menschen bereits jetzt Druck und Aufbruchsstimmung zugleich.

Einerseits wächst die Sorge, dass KI-Agenten künftig Arbeitsplätze verdrängen könnten. Andererseits herrscht auch ein bemerkenswerter Optimismus: Viele hoffen, durch Experimentieren und Lernen selbst Teil dieser technologischen Welle zu werden.

Langfristig, so schreiben die Entwickler, könne OpenClaw eine Grundlage für „embodied AI“ bilden – also KI-Systeme, die nicht nur Software bedienen, sondern auch physische Maschinen wie Roboter steuern.

Gleichzeitig warnen Sicherheitsexperten – ebenso wie chinesische Behörden – davor, den neuen Agenten zu viel Vertrauen zu schenken. Die Technologie befinde sich noch in einer frühen Phase und haben Sicherheitsrisiken, insbesondere wenn sensible Daten oder Systemzugänge betroffen sind.

Trotz dieses Risikobewusstseins sind viele chinesische Städte bereit, gemeinsam mit mutigen und kreativen Köpfen neue Anwendungen zu erproben. Der Longgang-Distrikt in Shenzhen kündigte am 7. März als erster ein entsprechendes Förderprogramm an. Neben kostenloser Installation umfasst es Zuschüsse zu Token-Kosten, Unterstützung bei der Talentrekrutierung, vergünstigte Büroflächen sowie direkte Investitionen von bis zu zehn Millionen RMB (rund 1,25 Millionen Euro).

Branchenbeobachter sehen darin ein Förderpaket, das praktisch die gesamte industrielle Wertschöpfungskette rund um diese neue Technologie abdeckt. Städte wie Shanghai, Wuxi und Suzhoufolgten kurz darauf mit ähnlichen Programmen zur Förderung der neuen „Claw-Ökonomie“.

Was aus diesem Hype und den Förderprogrammen in den kommenden Wochen oder Monaten wird, ist noch offen.

Eines scheint jedoch sicher: In vielen regionalen Fünfjahresplänen war die Förderung eines neuen privaten Unternehmensmodells – der OPC, der One-Person-Company– bereits vorgesehen, lange bevor OpenClaw viral ging.

Vielleicht markieren diese Momente den Beginn einer neuen wirtschaftlichen Ära in China – wenn nicht sogar darüber hinaus.

* Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

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