Vergangene Woche schaute die Wissenschaftswelt mal wieder nach Stockholm. Dort vergab die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften die Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie. Die Preise gingen an Wissenschaftler aus den USA, Japan und Europa. China ging mal wieder leer aus. In den vergangenen über 100 Jahren, in denen dieser prestigeträchtigste Preis verliehen wurde, haben ihn weniger als ein Dutzend Chinesen bekommen. Zuletzt war es 2015 die Pharmakologin Tu Youyou, die für ihre Forschung zur Bekämpfung von Malaria belohnt wurde. Kurz keimte Hoffnung auf, dass damit der Bann gebrochen sei. Doch die Hoffnung war trügerisch. In den Folgejahren kam wieder weder ein Chinese noch eine Chinesin zu Ehren. Wie kann das sein, wo sich China doch immer mehr als zweitwichtigste Technologiemacht neben den USA platziert? Ist die Grundlagenforschung im Westen (plus Japan) doch (noch) besser als in China? Hemmt das politische System, wo Widerspruch nicht so gerne gesehen wird, die Entwicklung wissenschaftlicher Höchstleistungen? Oder ist, wie böse Zungen in China behaupten, die Nobelpreisvergabe eine westliche Veranstaltung, bei der man gerne unter sich bleiben will?
China-Reporterin Victoria Bela (The South China Morning Post) hielt sich mit einer Beantwortung dieser Fragen gar nicht erst auf und richtete in ihrer Kolumne ”Dark Matters – An in-depth look at China‘s rise in science, technology and military might” den Blick nach vorne. Sie listete drei hoffnungsvolle chinesische Wissenschaftler auf, die Wissenschaftspreise gewonnen hätten, die knapp unterhalb des Nobelpreis-Niveaus liegen. Namentlich nannte sie:
- Ye Jun, ein in Shanghai geborener Physiker, der am US National Institute of Standards and Technology und der University of Colorado forscht. Kurz vor der Bekanntgabe des Nobelpreises erhielt er den Wolf-Preis für seine Arbeit an ultracold atomic systems.
- Xue Qikun, ebenfalls ein Physiker, der sich mit dem Hall Effect beschäftigt. Anders als Ye ist der in Shandong geborene Xue noch in China und ist in Shenzhen Präsident der Southern University of Science and Technology (SUStech). Er gewann 2023 als erster Chinese den Oliver E. Buckley Condensed Matter Physics Prize, der von der American Physical Society verliehen wird.
- Tang Ching-wan, ein in Hongkong geborener Chemiker, der als „father of OLED“ gilt und zusammen mit dem Amerikaner Steven Van Slyke die Display-Technologie entdeckt hat.
Ob sie nächstes Jahr in Stockholm berücksichtigt werden? Victoria Bela schreibt lapidar: „There’s always a next October.”