Ein englischer Roman aus der Mitte des 19. Jahrhunderts taucht im Lesekanon für chinesische Schüler der Mittelschule auf. Was steckt dahinter?
Es ist einer der großen Liebesromane der Weltliteratur: „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte. Die junge Jane Eyre tritt eine Stelle als Gouvernante auf dem entlegenen Landsitz Thornfield Hall an – und verliebt sich unsterblich in den Herrn des Hauses, den verschlossenen, aber faszinierenden Edward Rochester, den sie später heiraten wird. Erschienen ist das Buch 1847. Es war damals der Durchbruch für die Schriftstellerin Charlotte Bronte.
Was hat dieses Buch in einem China-Newsletter zu suchen? Weil es in China gerade in eine etwas seltsame Diskussion geraten ist. Das chinesische Bildungsministerium hat es soeben in seinen Bücherkanon für die Neuntklässler, also 15-Jährige, aufgenommen. Der amerikanische Sender CNN hat das bemerkt und daraus eine Geschichte mit folgendem Titel gemacht: „Love is in the Eyre: China turns to classic English novel to teach teens about romance.“ Das sei eine überraschende Wahl für die neue Leseliste. Auch The New York Times sprang ein paar Tage später auf das Thema auf und versuchte – so der Titel – zu erklären „What China sees in ‘Jane Eyre‘ “. Und was sieht China laut New York Times in dem Buch? Die Antwort der beiden Autoren des Artikels Yan Zhuang und Li You: „An anti-materialistic love story that young people could learn from”. Das Buch soll also junge Chinesinnen lehren, nicht zu materialistisch zu denken, den möglichen Partner nicht gleich beim ersten Date nach Einkommen, Immobilien und Auto zu fragen.
Kaum hatte CNN diese „überraschende“ Buchempfehlung verkündet, meldete sich das Parteiblatt Global Times zu Wort und fragt per Schlagzeile: „Why is CNN surprised that ‚Jane Eyre‘ is included in China‘s middle school curriculum?“ Von Überraschung könne keine Rede sein, meint die Zeitung, schließlich sei der Roman schon seit über 100 Jahren in China bekannt. Bereits 1925 sei er zum ersten Mal übersetzt worden. 1979 kurz nach der Kulturrevolution sei die verfilmte Version bereits in chinesischen Kinos gelaufen. 1980 sei der Roman neu übersetzt worden – und zwar von Zhu Qingyi. Die erste Auflage von 270 000 sei schnell vergriffen gewesen. Also – so folgert das Blatt – ist dieses Buch alles andere als eine Überraschung für die Chinesen. Und überhaupt: Ausländische Titel seien keine Seltenheit in der Literaturliste für die Mittelschüler. So befänden sich dort auch die Werke „Hundert Jahre Einsamkeit“ (Gabriel García Márquez), „Hamlet“ (William Shakespeare) oder „Auferstehung“ (Leo Tolstoi). Und auch die New York Times sieht den Roman durchaus in einer gewissen chinesischen Tradition: “The novel has long been celebrated in China for its feminist themes, with state media often quoting Jane’s declaration to Mr. Rochester: “Do you think, because I am poor, obscure, plain, and little, I am soulless and heartless? You think wrong! I have as much soul as you — and full as much heart!”
Info:
Hier der CNN-Beitrag über den Roman „Jane Eyre“: https://edition.cnn.com/2026/09/16/style/china-english-jane-eyre-love-hnk-intl
Der Artikel in The New York Times: https://www.nytimes.com/2026/09/28/world/asia/china-jane-eyre-required-reading-literature.html
Und hier die Antwort der Global Times: https://www.globaltimes.cn/page/202609/1370792.shtml