Die Innere Mongolei wird zum Zentrum der Datencenter

Die Innere Mongolei stand lange Zeit für Rückständigkeit, für Schafherden, für Landwirtschaft und den Abbau von Kohle. Aber nun hat in dieser wilden Landschaft plötzlich der Fortschritt Einzug gehalten: Überall entstehen Datencenter.

Wer unter den China-Kennern hat jemals von Ulanqab gehört? Doch seit ein paar Monaten wird diese Stadt, rund zwei Bahnstunden von Beijing entfernt, immer bekannter. Journalisten fahren dorthin, um sich in dieser 1,5-Millionen-Stadt umzusehen. Was sie dort sehen, sind riesige Baustellen, Dutzende von Fußballfeldern groß. Auf denen werden riesige kastenähnliche Gebäude hochgezogen.

Es sind Datencenter, die im Zuge der KI-Revolution massenhaft gebraucht werden – und derzeit überall auf der Welt entstehen. Und natürlich auch in China, das neben den USA das führende KI-Land ist.

Aber warum entstehen gerade in Ulanqab in der Inneren Mongolei diese Datencenter, jener Region, die bislang eher von seiner Landwirtschaft lebte. So galt Ulaaqab bis vor kurzem als Chinas Hauptstadt der Kartoffel. Dieser karge Landstrich im Nordwesten Chinas hat zwei große Vorteile: günstige Energie und viel Land. Beides ist dort rar, wo Chinas KI-Giganten ihre Headquarter haben, in den östlichen Metropolen Beijing, Shanghai, Hangzhou oder Shenzhen. Deshalb hat Chinas Führung schon 2021 die Strategie „East Data, West Computing“ (dongdshu xisuan, 东数 西 算) ausgegeben. Die Daten werden also im Westen gelagert und dann via Glasfaserkabel in den Osten transportiert. Ulaanqap ist nur eines der Datencenter Hubs im Westen, aber das größte landesweit. Zeyi Yang schreibt im amerikanischen Tech-Magazin Wired nach einem Besuch in Ulanqap: „This is  the hottest place in the country to build an AI data center.“

Seit 2016 sind dort rund 100 Datencenter mit einer Gesamtkapazität von 12,5 Gigawatt (GW) entstanden. Als erster zog damals Huawei dorthin. Heute investieren dort DeepSeek, eines der chinesischen KI-Vorzeigeunternehmen, aber auch Online-Konzerne wie ByteDance, Alibaba oder Xiaohongshu. ByteDance (der Mutterkonzern von TikTok) will beispielsweise in den nächsten zwei Jahren ein Datencenter mit 5-6 GW-Kapazität bauen. Kosten: 100-120 Milliarden Dollar. Aber auch Energieunternehmen steigen in das Geschäft mit Datencentern ein. So baut Envision, einer der großen Windturbinenhersteller Chinas, in Ulanqap auf 120 000 Quadratmetern ebenfalls ein gigantisches Datencenter.

Diese Datencenter sind stromfressende Monster. Sie benötigen viel Energie, die am liebsten auch noch günstig sein soll. Hier bekommen die Betreiber dieser Center ihren Wunsch erfüllt. Hier in dieser Gegend der Inneren Mongolei strahlt die Sonne häufiger vom Himmel, hier weht der Wind heftiger als anderswo. Deshalb sind hier in den vergangenen Jahren so viele Windparks und Solarfarmen entstanden, so dass hier erneuerbare Energien im Überfluss vorhanden sind. Diese werden nun in die Datencenter gespeist, wobei man allerdings dazu sagen muss, dass nach wie vor auch noch ein beträchtlicher Teil des Stroms von Kohle erzeugt wird. Aber dessen Anteil wird sinken. Wired zitiert Damien Ma von Carnegie China: „In three years, maybe it (er meint die Datencenter) will be completely powered by renewables.”

Günstigere Energiepreise sind der eine Vorteil des Standorts Ulanqap. Der andere hat mit dem Klima der Innere Mongolei zu tun. Dort gibt es kalte, trockene Winter. Das bedeutet, die Datencenter benötigen zumindest im Winter weniger Energie zum Kühlen.

Aber, was diese Gebäude auch brauchen, ist Wasser. Und das ist in dieser Gegend rar, weil es kaum regnet. Es kommt zu einem Wettbewerb zwischen Bauern und KI-Unternehmen. Chen Gang, stellvertretender Direktor des East Asian Institute (EAI) in Singapur, fragt deshalb in einem Artikel von ThinkChina: „Will AI drink China‘s farms dry?“

Die überwiegend bäuerlichen Einwohner Ulanqaps sind deshalb nicht gut auf diesen Boom der Datencenter zu sprechen. BBC-Reporterin Laura Bicker, zitiert einen von ihnen: „This big data has absolutely nothing to do with ordinary people. What benefits has it brought us?”

Allerdings Widerstände gegen diese Datenzentren wie in anderen Gegenden der Welt gibt es nicht. Wir sind ja in China. Dort wird das Problem auf bekannte Art gelöst. Ganze Dörfer, die dem Boom im Wege stehen, werden einfach umgesiedelt.

Info:

Hier der Bericht von Laura Bicker im BBC: https://www.bbc.com/news/articles/cm5ydz4kl65ro

Und hier die Story von Zeyi Wang in Wired: https://www.wired.com/story/the-unlikely-place-at-the-center-of-chinas-ai-boom/

Hier der Artikel von Chen Gang in ThinkChina: https://www.thinkchina.sg/technology/will-ai-drink-chinas-farms-dry

No Comments Yet

Comments are closed