Der „Elternabend“ fand am helllichten Tag statt – an einem Samstagvormittag, vier Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres, ähnlich wie an deutschen Schulen. Ich durfte eine Bekannte begleiten. Ihr Sohn, Simon (Name geändert), ein Achtklässler, besucht eine „Second-Tier-Schule“, die als gut, aber nicht überragend gilt.
Offiziell gibt es für Guo Zhong 國中, also die Mittelschule bzw. die Klassen 7 bis 9, keine Klassifikation. Denn in Taiwan gilt die neunjährige Schulpflicht mit dem Prinzip der prüfungsfreien, wohnortnahen Einschulung. Dementsprechend kann es staatlich festgelegte „Schwerpunktschulen“ gar nicht geben. Die gelebte Realität ist aber – wie man es auch von Festlandchina kennt –, dass in der Bevölkerung, unter Eltern, in der Nachhilfebranche und auf dem Immobilienmarkt eine tief verwurzelte Hierarchie von sogenannten „Star-Mittelschulen“ existiert. Diese sind teils staatlich, teils privat.
Simon hat kein Problem damit gehabt, dass seine Schule nur „normal gut“ ist. Er ist froh, die Schule von der elterlichen Wohnung aus fußläufig erreichen zu können. Seine Herausforderungen – nun aus Sicht der Erwachsenen gesprochen – sind typisch für sein Alter, und zwar weltweit: (viel) zu viel Zeit in sozialen Medien, schwankende Lust auf die Schule und, schon jetzt, eine Freundin, was allgemein als problematisch empfunden wird in der Taiwan-Gesellschaft.
Es geht in diesem Beitrag aber nicht um Simon. „Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir bei den Schulen anfangen.“ Dieses vieldeutige Zitat wurde der vor genau einem Jahr verstorbenen Jane Goodall zugeschrieben.
Die allgemeine Neugier Ihres Kolumnisten wurde schon in den ersten Minuten belohnt.
„Ich habe kürzlich allen in meiner Klasse ein paar persönliche Fragen gestellt“, leitet die Klassenlehrerin ein, „eine dieser Fragen lautet: Wenn dein Zimmer ein Zoo wäre, welche Tiere wären deine Eltern?“
Die zuvor vom äußerst höflichen Klassensprecher zu den jeweiligen Sitzplätzen ihrer Kinder geführten Eltern fingen an zu kichern. „Tiger vielleicht?“, warf ein Vater ein. Es waren neun Väter und zwölf Mütter anwesend, erstaunlich ausgeglichen.
„Genau, Tiger hat mit Abstand die meisten Nennungen.“
Noch mehr Gelächter. Peinlich berührt schien niemand im Raum zu sein. Alle Schulräume sind klimatisiert. Draußen herrschte dagegen schon um 10 Uhr 33 Grad bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. An der Kleidung, vor allem an den Schuhen, konnte man die unterschiedlichen sozialen Herkünfte der Elternschaft erraten. Die bunte Mischung, so wie dieser Stadtteil von Simon und seinen Eltern mitten in Taipeh auch ist, tut einem gemeinsamen Rollenverständnis keinen Abbruch – nämlich, dass das Tiger-Eltern-Sein, wie auch immer es definiert ist, schlicht notwendige Normalität ist.
Simon hat eine erfahrene Klassenlehrerin. Mit der Tiger-Erzählung eingangs wollte sie auf die missliche Lage des Lehrpersonals hinweisen. Die Schulbehörden – die Richtlinienkompetenz hierfür liegt bei der Zentralregierung – drängen seit der letzten großen Schulreform 2019 auf Entlastung der Schüler. Seitdem wurden zumindest in der offiziellen Statistik die Anzahl der Klassenarbeiten, die Menge der zulässigen Zusatzstoffe sowie die Lernzeit allgemein spürbar gesenkt. Die Anforderungen. so sagen viele Eltern, sind dagegen sogar gestiegen. Den Lehrern drohen jedenfalls Sanktionen, wenn sie gegen die Bildungsrichtlinien verstoßen. Aber Tigereltern bleiben Tigereltern. Wohlhabende Familien weichen zunehmend auf Privatschulen aus. Diese, auch wenn manche nicht als Internat konzipiert sind, behalten ihre Schüler täglich bis 20 oder 21 Uhr auf dem Campus. Die große Mehrheit der Taiwan Familien – wie an diesem Samstag in einem beliebigen Klassenraum einer Durchschnittsmittelschule zu sehen – leisten zähen Widerstand auf ihrer Art: höflich, verständnisvoll und trotzdem beharrend kompromisslos.
Irgendwann ging es um ein ergänzendes Übungsbuch namens „300 Aufgaben“ für das Fach Chinesisch. Solche Bücher, früher Standard für die Prüfungsvorbereitung auf das Gymnasium, dürfen seit 2019 nicht mehr von den Schulen verordnet werden. Eine Mutter, die schon eine Tochter durch das System begleitet hatte, brachte das Thema auf. Andere hörten erstmals davon und sprangen sofort darauf an: „Verehrte Lehrerin“, setzte die Nachbarin an, „wir verstehen ja Ihre Situation. Wir wollen Ihnen keine Schwierigkeit bereiten. Können wir nicht inoffiziell und zufällig alle dasselbe Buch bestellen? Wir tun es natürlich ohne Absprache mit Ihnen. Und dann geben Sie Ihre Hilfe dazu, weil alle Kinder nun mal das Buch haben.“
Die Klassenlehrerin wich abermals aus: „Wenn die Eltern diese Notwendigkeit sehen, dann werde ich die Klasse nächste Woche dazu befragen.“
„Nein, fragen Sie uns, nicht die Kinder.“ Jetzt wurde es laut.
Die Elternvertreterin von Simons Klasse stand auf – sie wurde gerade einstimmig im Amt bestätigt –: „Fragen Sie uns bitte, verehrte Lehrerin“, wiederholte sie. „Selbstdisziplin können wir von heutigen Kindern nicht erwarten. Fragen Sie uns, wir Eltern wollen es. Wir wollen, dass unsere Kinder lernen, mehr lernen, gut lernen.“
Alle applaudierten.
Man müsste die besondere Atmosphäre einmal selbst erlebt haben.
Von einem Elternabend in Taiwan lernt man nicht nur etwas über das Erziehungsverständnis in Fernost, über schichtübergreifende kulturelle Homogenität in Bezug auf Bildung, sondern auch über die tiefe Spaltung in der Frage der Taiwan-Identität.
Während der mehr als dreistündigen Veranstaltung trat das gesamte Lehrpersonal einzeln auf. Es wurde über alle Fächer gesprochen. Der schüchterne Physiklehrer etwa nahm nicht einmal seine Gesichtsmaske ab und sprach extrem leise. Seine klugen Gedanken beeindruckten trotzdem. Was macht es noch für einen Sinn, Physik-Hausaufgaben zu verteilen, wenn man genau weiß, dass die meisten Schüler sie zu Hause mit KI perfekt und blitzschnell erledigen? „Ich bin dazu übergegangen, die Hausaufgaben mehr und mehr in die Unterrichtsstunden zu integrieren.“ Das ging zwar zulasten der Menge des zu lernenden Stoffs; dafür könne er als Lehrer den Lerneffekt besser sicherstellen, „oder was davon noch zu retten wäre.“ Leise und trocken.
Die Geschichtslehrerin ist ein Energiebündel. Sie stürmte förmlich durch die Tür hinein. Sie unterrichtet alle 9 Klassen der Stufe 8, also 國二. 45 Minuten Geschichte pro Woche je Klasse, dazu 45 Minuten Übung alle zwei Wochen.
„Ich möchte ehrlich sein: Die Geschichtsstunde in diesem Schuljahr ist für Ihre Kinder ein Ding der Unmöglichkeit“, platzte es aus ihr heraus. „Von den Dynastien Shang und Zhou bis zu den Dynastien Sui und Tang – mehr als zwei Jahrtausende in 90 Minuten. Das ist die neue Realität seit dem neuen Lehrplan.“ „Neuer Lehrplan“ (新課綱) ist ein fester Begriff in Taiwan. Er bezieht sich auf die besagte Schulreform von 2019.
Keiner sagte ein Wort. Der Raum wurde plötzlich still. Auf einmal machte sich eine gewisse Spannung in der bis dahin harmonischen Runde breit. Egal, wer etwas dazu sagt, man outet damit seine politische Sympathie. Das tut man nicht in Taiwan. Man nimmt im Alltag nur dazu Stellung, wenn man sicher ist, dass die anderen dieselbe politische Farbe wählen – in Taiwan sind es Grün, Blau und Weiß. Grün stellt aktuell den Präsidenten; Blau und Weiß zusammen haben eine dünne Mehrheit im Parlament.
Der Lehrer für Geografie war diplomatischer: „Dieses Schuljahr haben Ihre Kinder mit China zu tun. Sie werden aufgrund des ,108-Lehrplans‘ (gleichbedeutend mit 2019) nicht so viel, auch nicht so genau lernen, wie Sie als Eltern es noch getan hatten, über die chinesischen Provinzen, Berge und Flüsse.“ Erneut keine Wortmeldung, kein Zwischenruf, kein Witz. Diese Stille wieder. Denn im selben Raum sitzen Eltern nebeneinander, welche diese Entwicklung wahlweise nachdrücklich begrüßen oder sich darüber empören.
„Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir bei den Schulen anfangen.“
Ein Elternabend ist immer eine Entdeckungsreise wert. Der in Taiwan ist besonders zu empfehlen.