Die in Hamburg lebende Autorin hat diesen Sommer ihren Sohn für ein Schuljahr nach China geschickt. Hier erklärt sie warum sie das gemacht hat, was sie von diesem Schritt für ihr Kind erwartet und warum sie trotzdem keine „chinesische Tigermutter“ sein will.
Diesen Sommer haben wir unseren Achtklässler für ein Schuljahr nach China geschickt – um ein bisschen chinesisches „Juan“, diese berüchtigte Konkurrenz- und Leistungskultur, hautnah kennenzulernen, weil er es sich in Deutschland für unseren Geschmack manchmal etwas zu bequem macht. So jedenfalls erklärten wir es halb im Scherz den Menschen um uns herum.
Gerade nach dem neuen PISA-Schock muss ich mich zumindest nicht mehr dafür rechtfertigen, dass im deutschen Bildungssystem offensichtlich nicht alles bestens läuft. Für uns geht es aber gar nicht darum, welche Noten unser Sohn haben soll. Die schwierigere Frage war immer: Wie können wir als Eltern und Schule ein Kind fördern und fordern, damit es seine eigenen Möglichkeiten besser ausschöpft?
Diese Frage wurde von Lehrern und im Freundeskreis ziemlich schnell als typische Haltung einer „chinesischen Tigermutter“ abgetan. Und unserem Sohn selbst ist die Vorstellung peinlich, als „Streber mit chinesischer Herkunft“ zu gelten.
Ich kann ihn sogar gut verstehen. Mir geht dieses Label „chinesische Tigermutter“ selbst ziemlich auf die Nerven. Gleichzeitig finde ich es bemerkenswert, wie schnell „Streber“ im deutschen Schulkontext negativ verstanden wird. Unser persönlicher Versuch war deshalb, ihn für eine Zeit in ein anderes Lernumfeld zu versetzen – wo gute schulische Leistungen selbstverständlicher Anerkennung finden.
Mir geht es nicht darum, dass aus ihm unbedingt ein Einser-Schüler wird. Mittlerweile wünsche ich mir zum Beispiel nur, dass er bei einer Matheaufgabe nicht immer wieder ein „1x“ statt eines sauberen „x“ stehen lässt. Oder dass er vor einer Geschichtsarbeit doch einige Daten und Zusammenhänge auswendig lernt. Das sind Kleinigkeiten. Die genaue Jahreszahl eines historischen Ereignisses wird er später im Berufsleben wahrscheinlich nicht brauchen. Aber formt die Art, wie er heute mit seiner Schularbeit umgeht, nicht auch seinen späteren Umgang mit anderen Aufgaben? Wenn er einen für ihn langweiligen Text trotzdem liest, verstehen und sich Inhalte merken muss, trainiert er Konzentration, Gedächtnis und die Fähigkeit, Informationen miteinander zu verbinden. Wie man auf Deutsch so schön sagt: Der Weg ist das Ziel.
Manchmal frage ich mich, ob wir Kindern diesen Weg nicht zu schnell erleichtern – aus der gut gemeinten Sorge heraus, sie nicht zu überfordern.
Ich bin keine Pädagogin, und die Entwicklung eines jungen Menschen hängt natürlich nicht nur von schulischer Leistung ab. Aber mein Mann und ich waren selbst sogenannte Streberkinder in China. Trotzdem hatten wir viel Freude und viele Freunde – mit guten genauso wie mit schlechten Noten –, mit denen wir teilweise bis heute befreundet sind. Wenn wir uns heute treffen, erinnern wir uns erstaunlich wenig an Schlafmangel oder den Druck der Hochschulaufnahmeprüfung Gaokao. Viel stärker geblieben sind die gemeinsamen Lernzeiten und Anekdoten: wie wir einander geholfen, über Lösungen heftig diskutiert oder in der Pause im Kreis Volleyball gespielt haben. Ich war furchtbar beim Singen. Einige meiner Freunde waren dafür immer die Letzten in Mathe. Aber so wie ich ihnen gerne Mathe erklärte, duldeten sie mich geduldig, wenn ich beim Karaoke mitsingen wollte.
Aus unserer Erfahrung sind wir deshalb überzeugt: Gute schulische Leistungen, Freundschaften, Spielen und Lebensfreude müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Unseren Sohn überzeugen solche Argumente natürlich trotzdem nicht automatisch, ein bisschen mehr Herz und Blut in die Schule zu stecken. Und wenn wir uns an Lehrer wenden und um Unterstützung bitten, hören wir nicht selten Sätze wie: „Frau Nan, wir sind nicht in China.“ Oder: „Frau Nan, wir dürfen Ihren Sohn nur so weit fordern und fördern, wie er es selbst möchte.“ Alles richtig. Aber wahr ist auch: Ich war selbst einmal Kind. Sogar als sogenannte Streberin wollte ich so viel faulenzen wie möglich, wenn ich etwas nicht unbedingt tun musste.
Wenn wir Erwachsenen das Konzept „Out of the Comfort Zone“ so positiv umarmen und persönliches Wachstum damit verbinden, warum sollten wir Kinder dann von sorgfältig dosierten Herausforderungen fernhalten? Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob Kinder gefordert werden dürfen, sondern wie weit – und wann Herausforderung in Überforderung kippt.
Uns ist sehr bewusst, dass das heutige chinesische Bildungssystem vielerorts selbst in ein Extrem geraten ist. Wenn Vorschulkinder schon lesen und schreiben sollen, Grundschüler bis spät am Abend Hausaufgaben machen und der Weg zur Eliteuniversität quasi schon bei der Geburt geplant wird, halte auch ich das für problematisch. Auch die psychische Belastung vieler chinesischer Kinder und Jugendlicher ist ein ernstes Thema. Aber auch das ist nicht die ganze Geschichte.
Hinter dem Drill liegen Vorstellungen von Lernen, Wissen und Anstrengung, die älter sind als der heutige Bildungswettbewerb – und für mich durchaus universelle Bedeutung haben.
In der chinesischen Bildungstradition spielt ein solides Wissensfundament eine große Rolle. Kinder müssen heute wie ich damals vieles auswendig lernen: chinesische Gedichte, englische Dialoge, mathematische Formeln. Damit dieses Wissen wirklich im Kopf sitzt und später angewendet werden kann, braucht es Übung. Damals habe ich mich darüber selbstverständlich nicht immer gefreut. Heute, mehr als dreißig Jahre später, ist vieles vom konkreten Wissen verschwunden. Aber dieses viele Lernen war ein gutes Training für mich. Als Landmädchen aus einem Elternhaus ohne große Bildungstradition war intensives Lernen vielleicht eine der besten Möglichkeiten, die ich hatte, meine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Ein Wissensfundament gibt einem Menschen auch eine gewisse innere Freiheit. Wer Grundlagen beherrscht, kann Zusammenhänge schneller erkennen, Fragen stellen und Neues einordnen. Diese Fähigkeit könnte angesichts immer leistungsfähigerer KI-Technologien sogar noch wichtiger werden.
Auch das Lernen durch Nachahmung hat in China eine lange kulturelle Tradition. Schon das Erlernen chinesischer Schriftzeichen verlangt viel Wiederholung. Ähnliches findet man in der chinesischen Kunst: Wer traditionelle Kalligrafie oder Malerei lernt, beginnt häufig damit, Werke großer Meister nachzuahmen. In vielen heutigen Bildungsdebatten erscheint Nachahmung schnell als Gegensatz zu Kreativität. Die Idee kann aber auch eine andere sein: Erst lernt man die Grundlagen so gut, dass man sie beherrscht – und baut darauf etwas Eigenes auf. Deshalb bin ich heute vorsichtiger mit der Gleichung: Auswendiglernen gleich unkreatives Lernen.
Eine besondere Beziehung zwischen Lehrern und Schülern
Auch die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern hat in der chinesischen Bildungstradition einen besonderen Stellenwert.
Ein altes Sprichwort bringt das auf den Punkt: 一日为师,终身为父. Wer auch nur einen Tag mein Lehrer war, den soll ich mein Leben lang wie einen Vater achten. Als wir Kinder waren, war es sowohl bei mir auf dem Dorf als auch bei meinem Mann in der Stadt normal, manchmal mit Lehrern nach Hause zu gehen, dort Hausaufgaben zu machen und mit ihrer Familie zu essen, bis unsere Eltern uns abholen konnten.
Es ist uns selbstverständlich ehemalige Lehrer zu besuchen, wenn wir wieder in der Town sind. Die Lehrer freuen sich natürlich sehr zu wissen, was aus ihren damaligen Schülern geworden ist.
Ich erzähle das nicht, weil Lehrer und Schüler überall eine quasi familiäre Beziehung haben sollten. Eine solche Nähe kann schließlich auch Grenzen verwischen. Aber sie zeigt eine Haltung: Der Lehrerberuf wurde in China nicht nur als Dienstleistung verstanden. Dass eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung Motivation und Lernen fördern kann, ist auch in der Bildungsforschung gut belegt.
Ob unser Sohn diese Art von Bindung in seinem Schuljahr in China ebenfalls erleben wird, weiß ich noch nicht. Genau das möchte ich beobachten.
Anstrengung ist eine wertvolle Fähigkeit
Der vielleicht wichtigste Gedanke meiner chinesischen Bildungserfahrung steckt für mich in vier Zeichen: 勤能补拙. Sinngemäß bedeutet es: Fleiß kann ausgleichen, was einem an Begabung fehlt. Darin steckt eine Vorstellung, die ich als Kind immer wieder gehört habe: Was du heute nicht kannst, musst du nicht für immer nicht können. Du kannst dich durch viel Übung verbessern. Du kannst lernen, dich länger zu konzentrieren und Frustration auszuhalten. Auch Selbstdisziplin lässt sich trainieren.
Der heute in China vielerorts sichtbare Drill zeigt allerdings auch, wie leicht diese Haltung ins Extreme kippen kann. Fleiß allein macht nicht aus jedem Kind einen Sieger bei der Mathematik-Olympiade. Und kein Kind muss überall Spitzenleistungen erreichen. Ein Bildungssystem, das Erschöpfung zum Beweis von Einsatz macht, hat sein Ziel verfehlt.
Eine schwierige Mathematikaufgabe hat ihren Wert nicht erst dann, wenn ein Kind am Ende die richtige Lösung findet.
Eine Aufgabe, die zunächst zu schwer erscheint, verlangt, das Problem auseinanderzunehmen, bekannte Regeln auf eine neue Situation zu übertragen, verschiedene Ansätze auszuprobieren, Fehler zu erkennen – und nach einem gescheiterten Versuch neu anzusetzen. Die Fähigkeiten, die dabei trainiert werden – sich anzustrengen, nach Lösungen zu suchen und mit einem Fehlschlag umzugehen –, reichen weit über Mathematik hinaus.
Wir sprechen zu Recht viel darüber, Kindern Freude am Lernen zu vermitteln. Vielleicht sollten wir ihnen aber auch eine andere Form von Freude nicht vorenthalten: die Freude, etwas geschafft zu haben, das ihnen zunächst schwerfiel. Viele dieser für uns wichtigen Vorstellungen von Lernen konnten wir im bisherigen Schulalltag unseres Sohnes nur schwer unterbringen. Deshalb ist dieses Schuljahr in China für uns auch ein Testfall: für unsere eigenen Vorstellungen von Bildung – und für unseren Sohn eine Gelegenheit, selbst herauszufinden, was davon für ihn trägt. Vielleicht macht er dabei eine Erfahrung, die wir ihm sehr wünschen: Die Freude auf einem Berggipfel ist manchmal gerade deshalb so groß, weil man selbst hinaufgestiegen ist.
Für eine reguläre chinesische Schule reicht das Chinesisch unseres Sohnes bei weitem nicht aus. Er besucht deshalb in Nanjing eine amerikanisch geprägte internationale Schule. Dort wird deutlich weniger gedrillt als an vielen chinesischen Schulen. Gleichzeitig legt die Schule großen Wert auf solide Wissensgrundlagen, klare Leistungsstandards und darauf, Kinder gezielt herauszufordern. In vielem erinnert mich diese Mischung erstaunlich an die Schule meiner eigenen Kindheit.
Ob dieses Schuljahr tatsächlich so läuft, wie wir es uns vorstellen? Das weiß ich heute noch nicht. Ich werde deshalb den Chinahirn-Lesern jedes Quartal eine Zwischenbilanz geben – ungefähr so regelmäßig, wie die Schule uns den Notenspiegel unseres Sohnes schickt.
* Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.