Warum wird China nicht demokratisch? Das ist eine Frage, die sich viele im Westen stellen – seien es Politikwissenschaftler oder auch ganz „normale“ Menschen. Gerade sind in den USA drei Bücher erschienen, die diese Frage diskutieren, aber zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen:
- Francis Fukuyama (Stanford) hat in „Der letzte Mensch: Wohin steuert die Welt“ (das Buch erschien gleichzeitig in deutscher Sprache) die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass China sich doch noch Richtung (westlicher) Demokratie entwickeln könnte;
- Minxin Pei (Claremont McKenna College) sieht in „The Broken China Dream“ sein Geburtsland eher in Richtung Totalitarismus statt Demokratie marschieren.
- Dongxian Jiang (Fordham University) fordert in „Why China needs Democracy“ sehr entschieden eine Demokratisierung der Volksrepublik.
Eigentlich müsste China auf dem Weg zur Demokratisierung sein, wenn die Verfechter der Modernisierungstheorie Recht hätten. Francis Fukuyama, offenbar Anhänger dieser Theorie, behauptet aber fälschlicherweise in einem Interview mit der FAZ (7. Juni) einer der Väter dieser Theorie zu sein: „Ich habe eine Modernisierungshypothese aufgestellt, die besagt, dass mit der Entstehung einer Mittelschicht in China und dem steigenden Bildungsniveau der Bevölkerung auch die Forderungen nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und einer Annäherung an westliche liberale Demokratien zunehmen würden.“
Diese Modernisierungshypothese gibt es, aber sie stammt nicht von ihm, sondern von Seymour Martin Lipset, einem amerikanischen Soziologen. Er schrieb schon 1959 in einem Aufsatz der American Political Science Review den Aufsatz „Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Poltical Legitimacy”. In einem Satz von Lipset zusammengefasst, besagt die Modernisierungstheorie: “The more well-to-do a nation, the greater the chances that it will sustain democracy.” Auf Deutsch: Je besser es Bürgern eines Landes geht (also höheres Einkommen und bessere Bildung), desto stärker drängen sie auf demokratische Teilhabe.
China hat nun beides – ein relativ hohes Pro-Kopf-Einkommen und ein vergleichsweise gutes Bildungssystem. Aber trotzdem fordert die große Mehrheit keine Demokratie. Warum? Weil auch Religion und Kultur eine Rolle dabei spielen, in welcher Form und Verfassung ein Staat organisiert ist. Auf diesen Zusammenhang hat schon Max Weber Anfang des 20 Jahrhunderts hingewiesen. Der amerikanische Politologe Samuel Huntington hat diese These anfangs der 90er Jahre nochmals aufgegriffen. Dabei ging er explizit auf China ein, das ja eine konfuzianische Gesellschaft ist. In dieser stehe die Gruppe über dem Individuum, die Autorität über der Freiheit, was demokratisches Denken und Strukturen nicht unbedingt fördere. Huntington kam deshalb zu dem Schluss: „Eine konfuzianische Demokratie ist ein Widerspruch in sich.“
Francis Fukuyama widerspricht Huntington. Der Konfuzianismus sei relativ tolerant und egalitär. Außerdem betone er Bildung und Ausbildung. Diese seien demokratiefördernde Komponenten. China sei deshalb nicht immun gegen die Einführung einer Demokratie. Er hofft deshalb, dass sich China doch noch Richtung Demokratie entwickelt.
Diese Hoffnung hat Minxin Pei längst aufgegeben. Der in Shanghai geborene Politikwissenschaftler sieht China nicht in Richtung Demokratie marschieren, sondern in die entgegengesetzte Richtung – in den Totalitarismus. Der leninistische Parteistaat sei nie abgeschafft worden. Selbst unter dem Reformer Deng Xiaoping sei stets der Machterhalt das Ziel der Partei gewesen. „Unter den nachfolgenden Staats- und Parteichefs Jing Zemin und Hu Jintao habe eine fragile Balance innerparteilicher Rivalitäten zwar verhindert, dass sich ein totalitärer Führer durchsetzen konnte“, schreibt Sara Wagener in einer Rezension des Pei-Buches in der FAZ (2. Juni). Doch sie hätten es beide verpasst, die begonnenen wirtschaftlichen Reformen durch politische und gesellschaftliche Öffnung fortzuführen. In der Folge sei dann der seit 2012 herrschende Xi Jinping in Richtung Totalitarismus abgebogen.
Im Gegensatz zu Minxin Pei sieht Dongxian Jiang in seinem Buch „Why China Needs Democracy“ noch Chancen für eine Demokratie in China. In einem begleitenden Beitrag für The Wire (31. Mai) greift er zunächst die Diskussion der 90er Jahre auf, als Theoretiker ein „China Model“ propagierten, das die Stärken Chinas und des Westens verbinden sollte – und das durchaus in einer Ein-Parteien-Struktur. Doch dieses Modell hält er für nicht praktikabel. Stattdessen plädiert er für eine konstitutionelle Demokratie: „I argue that realizing constitutional democracy in China would require the eventual cessation of one-party rule and the introduction of competitive elections, and that certain meritocratic and socialist ideals stand a better chance of realization within the framework of constitutional democracy.”
Info:
Hier die drei aktuellen Bücher im Überblick:
Minxin Pei: The Broken China Dream. How Reform Revived Totalitarianism, Princeton University Press, 344 Seiten, 25 Pfund.
Francis Fukuyama: Der letzte Mensch: Wohin steuert die Welt? Hoffmann und Campe, 272 Seiten, 26 Euro.
Dongxian Jiang: Why China Needs Democracy, Princeton University Press, 264 Seiten, rund 34 Euro.
Hier das Interview von Dongxian Jiang in The Wire: https://www.thewirechina.com/2026/05/31/yes-china-can/