Der in Nottingham lehrende Sinologe Andreas Fulda attackiert immer wieder die deutsche Sinologie und deren Vertreter. Die meisten sind genervt und ignorieren ihn. Immerhin, die Würzburger Professorin Doris Fischer widerspricht ihm nun.
Andreas Fulda ist ein deutscher Sinologe, der an der University of Nottingham lehrt. Von dort aus meldet er sich immer wieder mal in Deutschland zu Wort. Letztes Jahr hat er das alarmistische Buch „Wenn Taiwan angreift“ geschrieben. Darin griff er auch die deutschen Sinologen an, die er als „Weichzeichner“ bezeichnet. Wörtlich schreibt er dort: „Es kann uns nicht egal sein, wenn deutsche Sinologen sich den Redegeboten der chinesischen Parteiführung fügen und damit den autokratischen Einparteienstaat normalisieren.“ Das ist starker Tobak. Die meisten lassen sich das bieten, weil sie keine Lust haben, mit dem „Demagogen“ – so ein Professor zu CHINAHIRN – in den verbalen Clinch zu gehen.
Nun aber wehrt sich Doris Fischer, Professorin für China Business and Economics ander Universität Würzburg, in einem Beitrag für die Zeitschrift „Forschen und Lehren“, die vom Deutschen Hochschulverband herausgegeben wird. Sie reagierte damit auf einen Fulda-Beitrag in derselben Zeitschrift, in dem er wieder mal die Zunft pauschal attackierte. Seit sechs Jahren versuche der Autor die deutsche Sinologie zu diskreditieren, schreibt Fischer und versucht sich an einer Ursachenforschung für Fuldas Verhalten: „Vermutlich ärgert ihn, dass die meisten Fachvertreter ihn inzwischen ignorieren.“
Zunächst setzt sich Fischer mit der von Fulda „gewollten Pauschalisierung“ auseinander und erklärt: „Die Sinologie umfasst ein weites Feld von Professuren für die Geschichte, Philosophie, und Literatur (und vieles mehr) des vormodernen China bis hin zu Professuren, die sich mit dem gegenwärtigen China beschäftigen, mit der Volksrepublik China und Taiwan.“ Die Annahme, diese Vielfalt von Spezialisierungen. könnte pauschal unter einem „politischen Denkstil“ oder einer „Identität“ zusammengefasst werden, sei absurd. Die Behauptung Fuldas, einige Vertreter der Sinologie würden „auffällig bereitwillig“ das Narrativ der KP replizieren, bezeichnet sie als einen schwerwiegenden Vorwurf, der – ohne Ross und Reiter zu nennen – einer Diffamierung gleichkomme.
Danach versucht Fischer einige der Fulda-Vorwürfe zu widerlegen:
- Fulda behauptet: Die Sinologie habe „für Generationen“ die außenpolitischen Konzepte der Bundesregierung (u.a. „Wandel durch Handel“) zu ihrer politischen Identität gemacht.
Fischer antwortet: „Pauschal trifft dieser Vorwurf nicht zu. Es ist weder unsere Aufgabe noch ein realistisches Anliegen, in der Volksrepublik China einen politischen Wandel durchsetzen zu wollen.“
- Fulda behauptet: Die Sinologie beherzige ein „Dogma des neutralen Beobachters, um unbequeme Debatten abzuwehren.“
Fischer antwortet: Das sei eine nicht belegte Unterstellung und fragt rhetorisch: Wann war der Autor zuletzt bei einer universitären Veranstaltung zur chinesischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft in Deutschland?“
- Fulda behauptet: In der deutschen Sinologie gebe es keine „engagierten Beobachter“.
Fischer antwortet: „Ein Blick in die jüngste Debatte zur China-Kompetenz in China.Table könnte ihn ebenso vom Gegenteil überzeugen wie eine Teilnahme an von deutschen Sinologen organisierten Seminaren und Konferenzen.“
- Fulda behauptet: „China von innen heraus zu verstehen“ sei ein methodisch falscher Ansatz, weil damit die Deutungshoheit der Autokratie „unkritisch übernommen“ werde.
Fischer antwortet: „Dies ist schlicht falsch. „Verstehen“ im Sinne von „nachvollziehen“ und „Argumentationslogiken aufzeigen“ ist etwas anderes als „gutheißen“.
Es ist gut, dass sich Doris Fischer dieser Diskussion stellt. Mehr Unterstützung von ihren Kollegen wäre sicher hilfreich gewesen. Aber immerhin hat ihr Würzburger Kollege Björn Alpermann ihren Artikel auf seinem Linkedin-Account Online gestellt und damit zugänglich gemacht. Er bekam viele Likes, unter anderem von vielen Sinologen.
Kurz danach meldete sich Andreas Fulda auf Linkedin zu Wort und kritisierte: „Auf die Kernfragen meines Beitrags geht Fischer nicht ein: das Versäumnis des Fachs, die veränderten Rahmenbedingungen für Chinaforschung und westliches China-Engagement seit 2012 selbstkritisch zu verarbeiten, und die Methodenfrage, wessen Innenperspektive privilegiert wird.“
Info:
Hier Doris Fischers Beitrag in Forschung & Lehre: https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7512955311192686592/
Und hier der Beitrag von Andreas Fulda: https://www.linkedin.com/posts/andreasfulda_sinologie-lernblockaden-sonderweg-share-7495370178352803840-i-5x/?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAAAt_GewBmoo29wm_ZhwWDD8SGK54YubBwtA