CHINA ABSEITS I YES to People-to-People Diplomacy

Das mit Spannung erwartete zweite Treffen zwischen Xi Jinping und Donald Trump in diesem Jahr ist „erfolgreich zu Ende gegangen“, wie das chinesische Außenministerium am vergangenen Samstag auf seiner Website verkündete. In vielen westlichen Medien wurde dagegen vor allem von einer pompösen Show mit wenig Substanz berichtet. Gemessen an den klassischen Maßstäben eines Staatsbesuchs zwischen den beiden wirtschaftlich und politisch wichtigsten Staaten der Welt ist diese Einschätzung durchaus nachvollziehbar. Doch aus meiner Sicht liegt ein Teil der Substanz bereits im Besuch selbst: Der chinesische Präsident treibt mit diesem Besuch höchstpersönlich einen Kurs voran, der langfristig ein neues Fundament für die bilateralen Beziehungen zwischen den USA und China schaffen könnte.

Bei der Begrüßungszeremonie im Weißen Haus sprach Xi eine Einladung aus: China wolle in den kommenden fünf Jahren 100 000 junge Amerikaner zu Austausch- und Studienaufenthalten nach China einladen. Das war keine spontane Geste. Vielmehr ist es die Fortsetzung einer Strategie, die China seit einigen Jahren mit Konsequenz verfolgt: People-to-People Diplomacy. Bereits im November 2023 hatte Xi bei seinem Besuch in den USA angekündigt, innerhalb von fünf Jahren 50 000 junge Amerikaner nach China einzuladen. Daraus entstand unter anderem das Young Envoys Scholarship, kurz YES. Der chinesische Name 青年使者交流学习计划 bedeutet wörtlich etwa „Austausch- und Lernprogramm für junge Botschafter“.

Nach offiziellen chinesischen Angaben hatten bis Januar 2026 bereits mehr als 40 000 junge Amerikaner an entsprechenden Austauschaktivitäten teilgenommen. Im Mai dieses Jahres erklärte die chinesische Regierung schließlich, die Marke von 50 000 sei zweieinhalb Jahre früher als geplant erreicht worden. Nun folgt das nächste Ziel: weitere 100 000 junge Amerikaner innerhalb von fünf Jahren.

People-to-People Diplomacy ist keineswegs Xis Erfindung. Am 11. September 1956, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, rief US-Präsident Dwight D. Eisenhower das amerikanische People-to-People Program ins Leben. Die Idee war einfach: Frieden sollte nicht allein von Diplomaten und Regierungen abhängen. Studenten, Lehrer, Künstler, Sportler, Ärzte, Städte und ganz normale Bürger sollten direkte Beziehungen über politische Grenzen hinweg aufbauen. Eisenhower sprach davon, eine „road to an enduring peace“ zu schaffen.

Wenn man ehrlich ist, war diese Initiative keineswegs ideologisch neutral. Sie entstand mitten im Systemwettbewerb mit dem Kommunismus. Eisenhower stellte damals selbst die Fragen: „How do we dispel ignorance? How do we present our own case? How do we strengthen friendships? How do we learn of others?” Und seine Antwort war: “Our way is a different one. We marshal the forces of initiative, independent action, and independent thinking of 168 million people.” Mit anderen Worten: Durch People-to-People Exchange wollte Amerika nicht nur andere Gesellschaften kennenlernen, sondern ihnen zugleich das eigene Land und das eigene Gesellschaftsmodell näherbringen.

Ende der 1970er-Jahre kam es dann zu einer anderen, aber ebenfalls bedeutsamen Episode der Geschichte, die zeigt, wie pragmatisch beide Seiten damals mit Austausch umgingen. Als der Wissenschaftsberater des US-Präsidenten, Frank Press, Jimmy Carter von Deng Xiaopings Wunsch berichtete, 5 000 chinesische Studenten in die USA zu schicken, um dort Wissenschaft und Technologie kennenzulernen, antwortete Carter: „Tell him to send a hundred thousand.“ Und China tat genau das. Nach Angaben des US-Außenministeriums studierten weniger als zehn Jahre später tatsächlich rund 100.000 chinesische Studenten in den Vereinigten Staaten.

Aus chinesischer Perspektive war das durchaus riskant. Die Volksrepublik schickte einen Teil ihrer zukünftigen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Elite ausgerechnet zum geopolitischen und ideologischen Rivalen. Doch Dengs China ging dieses Risiko ein. Die Überlegung dahinter war ausgesprochen pragmatisch: Wenn der andere etwas besser kann als wir, sollten wir es kennenlernen.

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema deshalb besonders, weil People-to-People Exchange für mich keine abstrakte diplomatische Floskel ist.Mein Mann und ich sowie viele unserer Freunde und Bekannten haben selbst von solchen Austauschmöglichkeiten profitiert. In den vergangenen 15 Jahren habe ich dann auch selbst viel Herzblut in unterschiedliche Austauschprogramme zwischen China und Deutschland gesteckt: von Journalisten bis zu Musikstudenten, von hochrangigen Ministern bis zu neugierigen Schülern.Jedes Mal ist es für mich eine erfüllende Erfahrung zu sehen, wie Menschen mit bestimmten Vorstellungen über das jeweils andere Land ankommen – und mit einem wesentlich komplexeren Bild wieder abreisen. Besonders erfüllt es mich zu erleben, wie sich zunächst vorsichtige, manchmal sogar kritische Begegnungen über die Jahre in vertrauensvolle Gesprächspartnerschaften verwandeln können.

Wer nach China reist, muss China anschließend nicht sympathischer finden. Vielleicht wird er manches beeindruckend finden. Vielleicht wird er anderes stärker kritisieren als vorher. Vielleicht entdeckt er Widersprüche, die weder in chinesischen Imagebroschüren noch in deutschen China-Debatten vorkommen. Aber wenigstens beruht sein Urteil dann stärker auf eigener Anschauung. In einer Zeit, in der unsere Wahrnehmung anderer Gesellschaften zunehmend durch geopolitische Narrative, soziale Medien und Algorithmen geprägt wird, ist das bereits viel wert.

Austausch produziert nicht automatisch Freundschaft. Und das sollte auch gar nicht sein Anspruch sein. Aber persönliche Begegnungen können die gefährliche Dämonisierung des Gegenübers reduzieren. In einer Welt, die wieder zunehmend von Kriegen bedroht ist, ist die Anerkennung des anderen als Menschen wichtiger denn je.

Dabei sollte deutschen Lesern eines klar sein: Natürlich lädt die chinesische Regierung junge Europäer nicht aus reiner Selbstlosigkeit ein. Das YES-Programm ist auch ein Instrument chinesischer Public Diplomacy. China möchte den Teilnehmern selbstverständlich auch ein positives Bild des eigenen Landes vermitteln. Aber daraus folgt für mich nicht, dass man solche Angebote meiden sollte. Im Gegenteil. Denn wenn wir tatsächlich davon überzeugt sind, dass eine offene, demokratische Gesellschaft dem autoritären chinesischen System überlegen und attraktiver ist, warum sollten wir dann Angst davor haben, dass junge Deutsche China mit eigenen Augen sehen?

Eisenhowers Amerika hatte 1956 jedenfalls genügend Vertrauen in das eigene Gesellschaftsmodell, um trotz eines wesentlich härteren Systemkonflikts auf direkten Austausch zu setzen. Und Dengs China hatte später genügend Pragmatismus, um seine besten Studenten ausgerechnet beim ideologischen Rivalen ausbilden zu lassen. Vielleicht können wir von beiden etwas lernen.

Denn das YES-Programm richtet sich längst nicht mehr nur an Amerikaner. Während seines Europabesuchs 2024 kündigte Xi an, die Zahl der jungen Europäer, die zu Austauschprogrammen nach China reisen, innerhalb von drei Jahren zu verdoppeln. Das YES-Programm richtet sich an Menschen zwischen 13 und 45 Jahren, insbesondere an Schüler, Studierende und junge Wissenschaftler.

Beim Schreiben dieses Artikels habe ich mich selbst auf der Plattform des Programms umgeschaut – und ein erstaunlich breites Spektrum entdeckt. Es geht nicht nur um die üblichen Sprachkurse oder Besichtigungsreisen nach Beijing und Shanghai. Angeboten werden Hochschulprogramme, Summer Schools, Forschungsaufenthalte, Praktika, Schulprogramme und Kurzzeitprojekte. Darunter finden sich Programme renommierter Einrichtungen wie der privaten Westlake University in Hangzhou und der Tsinghua-Universität in Peking, aber auch Angebote von Berufsschulen in Regionen weit entfernt von Chinas Metropolen. Je nach Programm werden die Kosten teilweise oder vollständig von chinesischer Seite getragen. Für qualifizierte YES-Teilnehmer gibt es zudem besondere Visaerleichterungen. Man muss deshalb nicht „pro China“ sein, um sich das Angebot einmal anzusehen. Vielleicht sogar im Gegenteil.

Deutschland wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch häufiger mit China konkurrieren – und zugleich kooperieren müssen. Gerade deshalb brauchen wir mehr Menschen, die das Land und seine Menschen tatsächlich kennen. Denn nur dann können wir besser einschätzen, wo und wann wir mit China vertrauensvoll kooperieren können – und wie Deutschland seine eigenen Interessen und Grenzen konsequent vertreten sollte.

Ein altes chinesisches Sprichwort aus Sunzis „Kunst des Krieges“ lautet: „Kennst du dich selbst und kennst du deinen Gegner, brauchst du hundert Schlachten nicht zu fürchten.“

Die Chinesen selbst handeln nach diesem Prinzip. Warum sollten wir es nicht auch tun?

Info: Website des Young Envoys Scholarship (YES): www.youthlink.cn

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