Die EU kritisiert die Exportflut chinesischer Waren. Deshalb finden derzeit zwischen Brüssel und Beijing intensive Verhandlungen über deren Eindämmung statt. Bis Mitte Oktober müssen diese Gespräche – so die EU-Forderung – aber Ergebnisse liefern. Wenn nicht, droht ein Handelskrieg.
August ist der Monat, wo Brüssel – und ich meine damit das politische Brüssel – ruht. Diese Ruhephase galt dieses Jahr allerdings nicht für eine Anzahl von Mitarbeitern der EU-Kommission in der Generaldirektion Handel. Diese ist für den Außenhandel zuständig. Ihre Mitarbeiter müssen in diesen Sommermonaten versuchen, bis Oktober irgendein Abkommen mit China zu erreichen, das die unruhig gewordenen europäischen Politiker beruhigt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und wichtige Regierungschefs wie Macron und Merz prangern seit Wochen und Monaten das enorme Handelsdefizit der EU mit China an. Täglich wachse es um eine Milliarde Euro, lautet die plakative Zahl, die in der Diskussion immer wieder genannt wird. China betreibe eine Politik der Überkapazitäten, die sie auf die Exportmärkte werfe. Zudem begünstige eine niedrige Währung Chinas Exporte. All das würde in Europa Arbeitsplätze kosten. Es ist von einem „China-Schock 2.0“ die Rede.
Brüssel sieht deshalb sofortigen Handlungsbedarf.
Deshalb haben Im Juni EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič und Chinas Handelsminister Wang Wentao Gespräche vereinbart, die spätestens im Oktober Ergebnisse liefern sollen. Seit diesem Treffen wird zwischen Beijing und Brüssel verhandelt. „Unsere Verhandlungen laufen derzeit in einer noch nie dagewesenen Intensität. Ich glaube wir haben wohl noch nie so häufig und so intensiv mit unseren chinesischen Partnern gesprochen wir im Moment“, sagte Šefčovič in einem Interview mit Euronews (2. September). Das chinesische Handelsministerium (Mofcom) vermeldet mehr als 20 Gesprächsrunden auf Arbeitsebene. Vizeminister Ling Ji und Denis Redonnet (stellvertretender Generaldirektor Handel) hätten sich zweimal zu Videokonferenzen zusammengeschaltet. Einmal war Redonnet mit einer Delegation vor Ort in Beijing. Auch Ditte Juul Jorgensen, seit kurzem Chefin der Generaldirektion Handel, reist demnächst zu Gesprächen nach Beijing. Für Mitte September sind die Chefunterhändler Maroš Šefčovič und Wang Wentao zu einer Videokonferenz verabredet. Anfang Oktober werden sich die beiden dann persönlich in Beijing treffen.
Die EU-Kommission begleitet die Verhandlungen von außen zum Teil mit scharfen, zum Teil mit mahnenden Worten. Besonders heftig wurde EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra. Gegenüber der belgischen Zeitung De Standaard sagte er: „Peking genießt Zugang zu unseren Märkten, während es unsere Gesellschaften mit massiven staatlichen Subventionen Diebstahl geistigen Eigentums, Cyberangriffen und Wirtschaftsspionage untergräbt.“ Etwas moderater, aber bestimmt sagte Ursula von der Leyen bei einer Veranstaltung des französischen Unternehmerverbandes MEDEF am 27. August in Paris: „Dialogue with China remains necessary. But it must produce results. And when dialogue is not enough, we must be ready to make full use of our instruments.”
Aber auch Beijing meldet sich während den Verhandlungen zu Wort. Das geschah zum Teil in Kommentaren der Parteizeitung Peoples‘ Daily. Dort erschien Ende August unter dem Pseudonym Zhong Caiwen eine Artikelserie, in der die Vorwürfe der EU (Überkapazitäten, unterbewertete Währung) zurückgewiesen wurden. Und das Mofcom legte ein Positionspapier zum „sogenannten Überkapazitätsproblem“ vor. China wirft den Europäern mangelnde Wettbewerbsfähigkeit vor, bedingt durch hohe Energiepreise und geringe Innovationsstärke.
Diese Gegensätze zu überbrücken versuchen nun seit Wochen die beiden Verhandlungspartner. Die EU fordert ein Entgegenkommen der Chinesen. „Beijing has to deliver very concrete results“, sagte Šefčovič in dem Euronews-Interview. Bei einer Podiumsdiskussion in Berlin (8. September) kündigte er an, dass er bis Anfang Oktober „greifbare Ergebnisse“ aus den Gesprächen erzielen wolle. Wie die aussehen könnten, verriet er nicht. Möglich wären aber zum Beispiel chinesische Zusagen über Käufe gewisser europäischer Waren (analog der chinesische Zusagen gegenüber den USA, Agrarprodukte in Milliardenhöhe zu kaufen) oder Exportlimits für chinesische Produkte in sensitiven Branchen.
Wenn Šefčovič von seiner finalen Beijing-Reise Anfang Oktober zurückkommt, wird man sehen, was er und sein Verhandlungsteam erreicht haben. Spätestens dann muss Šefčovič das Ergebnis den europäischen Gremien präsentieren. Am 15. und 16. Oktober tagen die europäischen Regierungschefs in Brüssel. Sollten diese mit dem Ergebnis der Verhandlungen nicht zufrieden sein, droht eine Eskalation. Der Berliner Thinktanker Noah Barkin (German Marshall Fund) warnt: „It is a near certainty, that the EU will begin rolling out a series of new trade measures targeting China. This could quickly devolve into a full-blown trade war if Beijing responds with brute force.”
Info:
Von-der-Leyen-Rede beim Medef: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/document/print/en/speech_26_1765/SPEECH_26_1765_EN.pdf
Interview Šefčovič bei Euronews: https://www.euronews.com/my-europe/2026/09/02/china-must-deliver-concrete-results-by-october-or-face-harsher-measures-eu-trade-chief-tel
Das Mofcom-Papier zu Überkapazitäten: https://english.mofcom.gov.cn/News/SignificantNews/art/2026/art_1cc81037c291427ba64e696b6fbc0ad6.html
Noah Barkins Einschätzung: https://nbarkin.substack.com/p/watching-china-in-europe-august-2026