Es schien eine leichte Aufgabe zu sein, dachte Ihr Kolumnist. Schließlich hatte er sich in der letzten Ausgabe bereits eine Denkpause gegönnt. Jetzt sollte lediglich eine kurze Halbjahresbilanz folgen. Thema: die deutsch-chinesischen Beziehungen.
Es ist Sonntag. Morgen erscheint die Ausgabe 127. Im Papierkorb liegen bereits mehrere Fassungen – alle verworfen, alle entweder zu resignativ oder zu pessimistisch.
Deutschland braucht nicht noch mehr Resignation, eigentlich. Etwa Resignation darüber, dass man in Berlin offenbar immer noch nicht gelernt hat, mit demonstrativ harscher Rhetorik gegenüber China genau das Gegenteil dessen zu erreichen, was man beabsichtigt. Zu beobachten war das zuletzt nach dem Koalitionsausschuss Anfang Juli und erneut auf der Sommerpressekonferenz zwei Wochen später. „Wo kämen wir denn hin, wenn sich die Bundesregierung nicht einmal mehr traute, den Mund aufzumachen?“ Klar doch. Aber mit Verlaub: Ging es denn vorrangig um eine Mutprobe? Würde man damit tatsächlich mehr für Deutschland erreichen?
Deutschland braucht nicht noch mehr Pessimismus in einer Zeit, in der das Land nicht nur seine Führungsrolle in den klassischen Industrien verloren hat, sondern auch den Anschluss an die neue Königdisziplin der Weltwirtschaft – die KI-Industrie. Während der Notverkauf von Aleph Alpha, einst die große deutsche KI-Hoffnung, an ein kanadisches Unternehmen schon als Erfolg gewertet wurde, setzt das Beijinger Unternehmen Moonshot AI gerade in diesen Tagen mit Kimi K3 die amerikanische Konkurrenz Anthropic und dessen Spitzenmodell Claude Fable 5 direkt unter Druck.
Der eigentliche Grund für den Pessimismus ist nicht mal so sehr die Tatsache, dass Deutschland in diesem Wettbewerb kaum eine Rolle spielt. Vielmehr ist es die Gleichgültigkeit, mit der dieser Zustand hingenommen wird, und die Arroganz gegenüber der Chance, das amerikanisch-chinesische KI-Wettrennen klug und aktiv für sich zu nutzen, indem man sich grundsätzlich offen gegenüber beiden zeigt. Sogar die Amerikaner tun dies. Auf wichtigen US-Entwicklungsplattformen wie OpenRouter entfallen inzwischen mehr als 30 Prozent des wöchentlichen Token-Volumens auf chinesische Modelle – Tendenz stark steigend. „Sovereign AI, independent of America and China, is a pipe dream“, titelte The Economist erst am 16. Juli. Ein „Wunschtraum“ also – und dennoch wird hierzulande unermüdlich darüber geredet, leider ohne greifbare Substanz.
Die allermeisten Chinesinnen und Chinesen, die in Deutschland leben und arbeiten und dieses Land bewusst zu ihrer neuen oder zweiten Heimat gemacht haben, lieben Deutschland. Sie sind auch stolz auf seine Leistungen. Viele erwähnen bis heute immer noch mit großer Bewunderung, wie konsequent Deutschland seine eigene Vergangenheit aufgearbeitet hat – und dies weiterhin tut.
Wenn Deutschland gegen China verliert – im Fußball zum Glück noch nicht – gerät diese Personengruppe in eine besondere emotionale Zwickmühle. Natürlich verfügt China über Rahmenbedingungen, die Deutschland schlicht nicht hat: etwa die Größe seines Binnenmarktes. Andere Voraussetzungen wiederum will Deutschland bewusst nicht übernehmen – „das System“ zum Beispiel, wobei viele, die es ablehnen, kaum Wissen über dieses „System“ haben. Das muss auch keiner haben.
Vor 30 Jahren waren noch die Rollen klar verteilt gewesen: Hier der deutsche Lehrmeister, dort der chinesische Lehrling. Dass dieses Verhältnis sich allmählig normalisiert hat, sollte keinen wirklich überraschen.
Ratlos sind viele Deutsch-Chinesen, dass Deutschland die Chancen für sich nur in Zeiten sah, als es Rückenwind gab. Die China-Sonderkonjunktur dauerte schließlich mehr als zwei Dekaden. Ebenso lange profitierte die Bundesrepublik davon, und zwar proportional mehr als alle anderen G-7 oder OECD-Staaten.
In der aktuellen Krise, die eindeutig struktureller Natur ist, China zum Hauptschuldigen zu erklären, würde unsere Probleme nicht lösen, sondern nur vergrößern. Gut möglich, dass man auch China wehtun kann. Als der Handelskrieg zwischen USA und China erneut eskalierte, schrieb WAN HUA ZHEN an dieser Stelle: Washington unterschätzt die Leidensfähigkeit der Chinesen. Der weitere Verlauf ist bekannt.
Deutschland müsste seine Zusammenarbeit mit China neu denken – durchaus mit Leitplanken. China selbst ist in den 1990er Jahren einen ähnlichen Weg gegangen. Aber eben auch mit Goodwill. Und mit einem Grundvertrauen.
Damit sind wir leider wieder beim Stichwort angekommen: Pessimismus.
Ihnen allen eine schöne Sommerzeit.
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Hier erfahren Sie mehr über den Autor und warum die Kolumne Wan Hua Zhen heißt: https://www.chinahirn.de/2024/07/08/was-bedeutet-wan-hua-zhen-der-kolumnist-erklaert-und-stellt-sich-vor/