SPORT I China ist bei der Fußball-WM dabei – mit einem Schiedsrichter und ein paar Sponsoren

Auch bei der gerade angelaufenen Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Nordamerika und Mexiko ist China mal wieder nicht vertreten – zumindest nicht mit einer Mannschaft. Das Team scheiterte in der Qualifikation – wie schon bei fast allen Weltmeisterschaften zuvor. Lediglich bei der WM 2002 in Japan und Südkorea war China dabei, schied da aber punkt- und torlos in der Vorrunde aus. Warum ein 1,4-Milliarden-Volk kein erfolgreiches Team mit elf Fußballspielern zusammenbringt, ist für viele ein Rätsel, für die wenigen Experten jedoch keines. In einem soeben erschienenen CNN-Artikel von Reagan Yip wird das Thema nochmals ausgiebig diskutiert. 

Der vielleicht wichtigste Grund für das schlechte Abschneiden Chinas ist die fehlende Vereinsstruktur. Fußball-Experte Rowan Simons, der seit den 80er Jahren Chinas Fußball beobachtet, sagt gegenüber CNN: „Football is a culture. It’s organized at the grassroots level through clubs, which are social clubs in effect.”  Es gibt im Vergleich zu den europäischen Ländern viel zu wenig Vereine. Zwar fangen viele junge Chinesen in den Schulen mit dem Fußballspielen an, doch schon mit 12 Jahren hören viele wieder auf, sagt Rowan Simons. Der Grund: Sie wollen und müssen sich – auch auf Druck der Eltern – auf die Schule konzentrieren. 

Offenbar hat auch Fußballfan Xi Jinping die Lust an dem geliebten Ballspiel verloren. Der deutsche Fußball-Experte und Buchautor Tobias Ross sagt gegenüber CNN: „Football is no longer featured on a central political level. It’s not part of the five-year-plan, Xi Jinping’s not openly speaking about it.” Das war schon mal anders. Vor Jahren gab er drei Ziele aus: China solle an einer WM teilnehmen, eine WM veranstalten und schließlich eine WM gewinnen. Davon ist China weit entfernt. In der Fifa-Rangliste liegt China auf Platz 94. Angesichts des schlechten Abschneidens und der chronischen Korruption im chinesischen Fußball verlieren auch die TV-Zuschauer das Interesse.

Erst Mitte Mai wurde der Vertrag über die WM-Senderechte in China zwischen der Fifa und der China Media Group (CMG) unterschrieben. Offenbar wurde von chinesischer Seite lange gepokert. CMG versuchte mit dem Hinweis auf die ungünstigen Sendezeiten mitten in der Nacht und die sinkenden Zuschauerzahlen den Preis zu drücken, was dem Staatssender auch gelang: Statt der von der Fifa erwarteten 250 bis 300 Millionen Dollar musste CMG nur 60 Millionen Dollar für die Übertragungsrechte zahlen.

Aber auch ohne ein Team ist China bei der laufenden WM vertreten – wenn auch im wahrsten Sinne des Wortes nur am Rande. An den Banden werden die Logos und Werbesprüche zweier chinesischer Konzerne zu sehen sein. Der Elektrokonzern Hisense und der Nahrungsmittelhersteller Mengniu Dairy gehören zu den Top-Sponsoren. Mit dabei sind auch der Handyhersteller Vivo und der Mischkonzern Wanda.

Und an der Seitenlinie, ob als vierter Unparteiischer oder als Linienrichter, wird Ma Ning (46) auflaufen. Vielleicht darf er auch ein Spiel leiten. Der ehemalige Lehrer aus der Provinz Liaoning ist seit 2011 Profi-Schiedsrichter. In China nennt man ihn den „Kartenmeister“, weil er 2015 in einem hitzigen Spiel in Shanghai neun gelbe und drei rote Karten an die beiden Teams verteilt hat. Chinas einziger Vertreter bei der WM hat schon Kultstatus erreicht. Er hat Werbeverträge mit Lenovo, Hisense und Mengniu unterschrieben und die Fans verfolgen ihn millionenfach auf den sozialen Medien. Klar, dass er dort seinen Abflug zur WM gepostet hat. Die entsprechenden Fotos klickten 3,6 Millionen Chinesen an. Manche gaben auch Kommentare ab. So schrieb einer über das Reisegepäck des „Kartenmeisters“: „Sein Koffer ist wahrscheinlich komplett mit gelben und roten Karten gefüllt.“

Info:

Der CNN-Report über Chinas Fußballschwäche: https://edition.cnn.com/2026/06/03/sport/china-world-cup-dream-unraveled-future

Das Buch: Tobias Ross: Football, Business and States Power in Contemporary China, Routledge, 168 Seiten, rund 60 Euro.

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