ESSEN I Eiszeit in China

Lange Schlangen sind in diesen Tagen in diversen Straßen des Französischen Viertels in Shanghai zu sehen. Die Menschen stehen meist vor Eisläden. „Gelato (意式冰淇淋) stores are everywhere“, schreibt Alastair Reid Sanche in Dao Insights, “the past couple of years have seen a boom in the Italian ice cream”. Warum ist dieser Boom entstanden? Zum einen haben die Chinesen inzwischen Eismaschinen entwickelt, die viel günstiger sind als die italienischen, aber genauso gut. Ein chinesischer Gelato-Mixer kostet zwischen 50 000 und 60 000 Yuan (6340 und 7600 Euro). Ein Importeur aus Italien verlangt das Zehnfache. Ein zweiter Grund ist ein Stimmungswandel unter den chinesischen Konsumenten, die zunehmend eine Abneigung gegen industriell erzeugte Nahrungsmittel haben. Sie bevorzugen wieder handwerklich hergestellte Produkte – und das sind in der Regel die Eiskremes in den Gelato Stores. Sie werden meist mit frischen Zutaten im Laden selbst gemischt. Das hat allerdings seinen Preis. Doch viele Chinesen und vor allem Chinesinnen sind bereit, diesen Preis zu bezahlen. 28 bis 38 Yuan kostete zum Beispiel bei Ye Gelato (auch: Yeren Xiansheng) eine Kugel. Ye Gelato gehört neben Azabuya und Gelato Dal Cuore zu den Ketten, die von dem Gelato-Boom profitieren.

Insbesondere die Geschichte von Ye Gelato ist bemerkenswert. Ihr Gründer ist Cui Jianwei, der in den 200oer Jahren an der elitären Guanghua School of Management an der Beida studierte. Er ging danach zu einer italienischen Investmentfirma, die just zu dieser Zeit eine bis dato familiengeführte Eisfirma gekauft hatte. Dort lernte er Angelo Bergelano kennen, eine bekannte Größe im italienischen Eis-Business. Er wurde sein shifu (师 傅), sein Mentor, der ihm die Kniffe des Eisverkaufens beibrachte. 2011, damals war Cui 32 Jahre alt, versuchte er es mit einem ersten Eisladen im Beijinger Ausgehviertel Sanlitun – und scheiterte. 2015 ging er erneut an den Start- diesmal mit einem neuen Konzept. Er setzte auf selbstgemachte Zutaten – frisches Obst und sogar eigene Milch. Sein hochpreisiges Eis verkaufte er in eigenen Läden namens „Yeren Mufang“. Langsam wuchs die Kette bis 2023 auf knapp 100 Filialen. Zu wenig für den ehrgeizigen Cui. Anfang 2024 machte er daher einen Relaunch seiner Marke. Er firmierte von „Yeren Mufang“ auf „Yeren Xiansheng“ um. Und er setzte auf Franchise. Mit seinem neuen Slogan traf er zudem den Zeitgeist der chinesischen Verbraucher: „Made fresh daily, no overnight products“. Inzwischen ist seine Kette auf über 1000 Filialen gewachsen. Er ist damit im Premiumsegment führend, hat sogar den amerikanischen Marktführer Häagen-Dazs überholt.

Nach wie vor sind aber Gelato Stores ein relativ kleines Segment im chinesischen Eismarkt. Nur rund sieben Prozent des Eises wird in diesen Läden verkauft. Das industriell gefertigte Eis hat dagegen einen Marktanteil von über 70 Prozent. Hier dominieren die chinesischen Hersteller Yili und Mengniu, beides Molkerei-Giganten. Daneben gibt es noch die Billig-Ketten, die auch vom Eisboom profitieren. In diesem Segment tobt ein Preiskampf, bei dem viele versuchen unter der 5-Yuan-Marke zu bleiben.

Aber für alle Vertriebskanäle gilt: Der Markt wächst weiter. Zwar ist China schon seit 2014 der größte Eismarkt der Welt, aber er hat noch viel Potenzial nach oben. Der Chinese verspeist im Schnitt nur 3,5 Liter Eis im Jahr. Der westliche Konsument dagegen zwischen sechs und acht Liter.

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