Chinesische Geschichte(n) I Die Bewegung des 4. Mai

Weil diese Ausgabe just am 4. Mai erscheint, war es naheliegend, mal über die 4. Mai-Bewegung in China zu schreiben. Die Rede ist vom 4. Mai 1919. An jenem Tag protestierten rund 3000 Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, sie zogen anschließend ins Diplomatenviertel und drangen später in das Haus des Verkehrsministers ein und zündeten es an.

Um was ging es? Vordergründig um den Versailler Vertrag, dessen Endfassung in den Tagen zuvor bekannt geworden war. Zum Entsetzen der Chinesen wurden ihre Wünsche von den Siegermächten nicht berücksichtigt und Teile von Shandong dem Feind Japan zugeschanzt. Am Abend des 4. Mai wurden die Demonstrationen von der Polizei aufgelöst. Doch in den folgenden Tagen weiteten sich die Proteste auf andere Städte wie Tianjin, Shanghai oder Wuhan aus. Und es solidarisierten sich Gruppen quer durch die Gesellschaft mit den Studierenden – Arbeiter, Ladenbesitzer und Industrielle. Es entstand – so Jonathan D. Spence in seinem Buch „Chinas Wege in die Moderne“ – „eine neue Kraft, die Millionen Menschen auf der Suche nach Zusammenarbeit und Sinn in einer offenbar auseinanderbrechenden Welt über alle Klassen-, Regional- und Berufsgrenzen hinweg zusammenführte.“ Man war immer noch in der Übergangszeit vom kaiserlichen China in ein neues China, von dem aber nicht klar war, wie es aussehen sollte und von wem es regiert werden sollte. Der Aufstand war deshalb nicht nur ein Reflex auf die Versailler Verträge. Die dortige Benachteiligung Chinas war vielmehr Anlass für eine Abrechnung mit dem alten China und seinen Traditionen. Die Bewegung wandte sich gegen den Konfuzianismus und forderte eine Reform der Schriftsprache.

Die Sinologin Brunhild Staiger schrieb im „China-Lexikon“: „Im weitesten Sinne war das eine geistig-kulturelle Erneuerungsbewegung“, die aber schon vor 1919 begonnen hatte. Manche taxieren ihren Beginn auf 1915. Ihr geistiges Zentrum war die Peking Universität, die Beida. Vier Personen spielten eine zentrale Rolle: Rektor Cai Yuanpei, Dekan Chen Duxiu, der Philosophieprofessor Hu Shi und der Schriftsteller Lu Xun. Cai Yuanpei hatte übrigens in Leipzig u.a. Philosophie studiert. Wie er waren viele Chinesen, die im Ausland studiert hatten, zurückgekommen. Sie brachten von dort viele Ideen und -ismen mit: Liberalismus, aber auch Sozialismus. Insofern war die Bewegung zumindest partiell auch eine Wegbereiterin des aufkommenden Kommunismus in China (die KP Chinas wurde 1921 gegründet). Deren späterer Vorsitzende Mao Zedong – so Helwig Schmidt-Glintzer („Das neue China“) – bezeichnete später die Bewegung als die größte und gründlichste in der gesamten Geschichte Chinas.

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