CHINA ABSEITS I Wuxia – ein Schlüssel zur chinesischen Welt / Von Nan Haifen*

China ist heute in aller Munde. Kaum ein globales Thema kommt ohne Bezug zur Volksrepublik aus– ob Geopolitik, Technologie oder Wirtschaft. Entsprechend groß ist im Westen das Bedürfnis zu verstehen, wie China als Nation tickt, wie sich eine Gesellschaft mit 1,4 Milliarden Menschen organisiert, welche Werte sie prägen und wie Individuum und Kollektiv zueinander und gegenüber der Außenwelt stehen. Gerade in einer geopolitisch angespannten Lage wird dieses Verständnis besonders wichtig. Doch wer sich China ausschließlich über Nachrichten und politische Analysen nähert, verpasst einige fundamentale Aspekte. Ein tieferes Verständnis erschließt sich häufig über kulturelle Narrative – über Geschichten, die über Generationen hinweg weitergegeben wurden und Gruppen unterschiedlicher politischer Überzeugungen miteinander verbinden.

Ein Schlüssel zur inneren chinesischen Welt ist die Wuxia-Literatur – ein Genre, das im gesamten chinesischsprachigen Raum enorme Popularität genießt und weit mehr ist als bloße Unterhaltung. „Wuxia“ setzt sich aus zwei Begriffen zusammen: 武 (wu), Kampfkunst – das im Westen bekannte Kung Fu ist nur eine Form davon – und 侠 (xia), ein schwer übersetzbares Ideal von Ritterlichkeit. Doch diese „Ritter“ unterscheiden sich grundlegend von ihren westlichen Pendants: Sie sind keine Gefolgsleute von Adel oder Krone. Stattdessen bewegen sie sich im sogenannten Jianghu (江湖, wörtlich „Flüsse und Seen“) – einer halbautonomen, informellen Gesellschaft jenseits der offiziellen Ordnung staatlicher Reiche. Dieses Jianghu ist keine geografische, sondern eine soziale und kulturelle Sphäre – eine Art Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, eigenen Hierarchien und einem eigenen Ehrenkodex.

Die Ursprünge des Wuxia-Genres reichen über zwei Jahrtausende zurück. Bereits der Historiker Sima Qian widmete in seinem Werk Shiji (史记) ein eigenes Kapitel den sogenannten wandernden Rittern – Figuren, die sich durch persönliche Loyalität, Mut und ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden auszeichneten. Sie handelten oft außerhalb der staatlichen Ordnung, folgten einem eigenen moralischen Kompass und wurden dafür nicht selten bestraft. Der spätere Historiker der Han-Dynastie Ban Gu ergänzte diese Darstellungen. Doch in beiden Fällen bleiben die Figuren noch Teil der „offiziellen Welt“ – einer Ordnung, die von den jeweiligen staatlichen Reichen definiert wird. Erst in der Tang-Dynastie änderte sich diese Konstellation grundlegend: Die Xia treten aus der staatlichen Ordnung heraus und bewegen sich fortan im Jianghu.

Mit dieser Verschiebung verändert sich auch die Erzählform. Aus historischer Beschreibung wird literarische Fiktion. Die Geschichten lösen sich von der Chronik und öffnen sich für Imagination. Wuxia ist damit nicht nur ein literarisches Genre, sondern ein kulturelles Denkmodell, durch das sich grundlegende Vorstellungen von Ordnung, Moral und gesellschaftlichem Handeln in China sowie der Umgang mit äußeren Feinden verstehen lassen.

Die Wuxia-Werke, die den modernen chinesischsprachigen Raum besonders stark geprägt haben, stammen hauptsächlich aus dem Hongkong der 1950er- bis 1980er-Jahre. Die prägendste Figur dieser Phase ist Jin Yong (Louis Cha). Obwohl er nicht der erste Wuxia-Autor im Hongkong der 1950er-Jahre war, wurde er zweifellos der einflussreichste – und prägte das Genre sowie die chinesischsprachige Welt in einzigartiger Weise. Geboren 1924 in Haining (Zhejiang) in einer gebildeten chinesischen Familie, zeigte Jin Yong schon früh Talent für das Schreiben. 1948 wurde er von Festlandchina nach Hongkong zur Zeitung Dagong Bao entsandt. Dort blieb er auch nach der Gründung der Volksrepublik China, während sich die Republik China nach Taiwan zurückzog. Als er 1955 beauftragt wurde, eine neue Wuxia-Serie für das Abendblatt Xin Wanbao zu schreiben, befand er sich in einer politisch fragmentierten chinesischen Welt, die aber gleichzeitig nach kultureller Gemeinschaft suchte. Zwischen 1955 und 1972 veröffentlichte er 15 Werke in insgesamt 36 Bänden.

In Hongkong unter britischer Kolonialherrschaft bestand im Vergleich zum Festland und zu Taiwan eine seltene Freiheit für chinesischsprachige Literatur. Neben seiner Tätigkeit als Wuxia-Autor war Jin Yong auch als Kommentator aktiv und äußerte sich zu politischen Entwicklungen auf beiden Seiten der Taiwanstraße. Dies führte dazu, dass seine Werke sowohl auf dem Festland als auch in Taiwan zeitweise zensiert wurden – während sie in Hongkong und in der chinesischen Diaspora große Popularität genossen.

Vor 1980 waren seine Werke sowohl in der Volksrepublik China als auch in Taiwan offiziell verboten. Dennoch fanden sie ihren Weg zu den politischen Eliten: Sowohl Deng Xiaoping als auch die beiden Präsidenten Taiwans Chiang Ching-kuo und Ma Ying-jeou sollen sie bereits vor ihrer offiziellen Freigabe gelesen haben. Erst in den frühen 1980er-Jahren wurden Jin Yongs Romane auf beiden Seiten der Taiwanstraße freigegeben und entwickelten sich rasch zu einem Massenphänomen. Laut Berichten internationaler Medien wurden seine Werke bis 2018 in mehr als 300 Millionen Exemplaren verkauft. Damit gehört Jin Yong zu den meistgelesenen Autoren der chinesischsprachigen Welt. Seine Werke werden oft als „gemeinsame Sprache der Chinesen weltweit“ bezeichnet.

Seit den 1980er-Jahren wurden seine Geschichten in zahlreichen Medien adaptiert – als Filme, Fernsehserien und später auch als Computerspiele. Figuren und Zitate aus seinen Werken sind im Alltag vieler Menschen präsent und werden regelmäßig referenziert. Neben den bereits genannten politischen Persönlichkeiten zitieren etwa der ehemalige kommunistische Premier Zhu Rongji oder der amtierende taiwanische Präsident Lai Ching-te seine Werke in öffentlichen Reden.

Jin Yongs Werke sind besonders beliebt bei den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Technologie. Der Alibaba-Gründer Jack Ma gilt als einer der bekanntesten begeisterten Leser Jin Yongs. Er und seine Mitgründer gaben sich interne Codenamen nach Figuren aus den Romanen; zentrale Räume im Hauptquartier in Hangzhou wurden nach bedeutungsvollen Orten aus diesen Geschichten benannt. In seiner Kondolenz zum Tod Jin Yongs im Jahr 2018 schrieb Jack Ma, dass es „ohne Jin Yong kein Alibaba gegeben hätte“. Die Werte und der Verhaltenskodex aus den Romanen seien ein Leitbild für ihn und sein Unternehmen gewesen.

Der KI-Unternehmer Kai-Fu Lee bezeichnete die Werke als seine kulturelle Heimat, die ihm während seiner Jugend in den USA Orientierung boten. Auch Unternehmer wie Pony Ma (Tencent) oder Ding Lei (NetEase) bekannten sich zu ihrer Begeisterung für Jin Yong. Selbst renommierte Intellektuelle wie Qian Liqun oder der weltberühmte taiwanesische Theaterregisseur Lai Shengchuan berichten, dass sie sich nach der ersten Lektüre kaum von Jin Yongs Werken lösen konnten.

Der Erfolg von Jin Yongs Werken lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen. Zum einen ist es seine außergewöhnliche erzählerische Begabung. Er verbindet historische Kontexte mit persönlichen Schicksalen. Seine Geschichten spielen häufig in bewegten Epochen chinesischer Dynastien, in denen sich seine Figuren unter schwierigen Bedingungen behaupten müssen. Das Schicksal großer Gemeinschaften und einzelner Menschen ist eng miteinander verwoben.

Seine Protagonisten sind keine perfekten Helden. Sie zweifeln, scheitern und wachsen. Ihre Entwicklung wird oft über lange Zeiträume hinweg erzählt – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. In Zeiten des Umbruchs suchen sie ihren inneren Kompass und ihr Gleichgewicht zur Außenwelt. Beziehungen – zu Freunden wie zu Feinden – sind von ständiger Spannung und Störung geprägt. Zugleich integriert Jin Yong eine Vielzahl kultureller Elemente: Neben der Kampfkunst spielen traditionelle Medizin, Philosophie, Literatur, Musik, Astronomie und Geografie eine wichtige Rolle.

Leser finden in diesen Werken nicht nur Unterhaltung, sondern auch kulturelle Tiefe und Vielfalt. Das erklärt, warum seine Romane sowohl von breiten Bevölkerungsschichten als auch von Eliten geschätzt werden. Darüber hinaus bieten seine Geschichten Orientierung: Sie zeigen Modelle für Entscheidungen, für moralische Konflikte und für den Umgang mit Unsicherheit.

So berichtete Deng Xiaoping nach einem Treffen mit Jin Yong im Jahr 1981, dass er sich mit dessen Figuren besonders aufgrund ihrer Standhaftigkeit verbunden fühle. Ein häufig zitiertes Leitmotiv lautet: „侠之大者,为国为民“ – sinngemäß: Die höchste Form der Ritterlichkeit dient dem Land und dem Volk. Interessanterweise wird dieser Satz sowohl von politischen Führungen auf dem Festland als auch in Taiwan zitiert.

In jedem Werk treten zahlreiche Figuren mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen, persönlichen und politischen Hintergründen auf, die im Jianghu aufeinandertreffen und miteinander agieren. Dadurch entsteht ein breites Spektrum an Perspektiven, in dem viele Leser aus unterschiedlichen Lebenssituationen und Generationen eigene Projektionen wiederfinden können.

Dieses Motiv ist universell verständlich – aber zugleich tief in der chinesischen Kultur verwurzelt. Es erfordert vom Leser ein gewisses Wissen über chinesische Geschichte, Literatur und kulturelle Referenzen. Das macht die Übersetzung in andere Sprachen, insbesondere in europäische, anspruchsvoll.

Im Deutschen existiert bislang nur eine größere Übersetzung: die dreibändige Ausgabe Die Legende der Adlerkrieger, übersetzt von Karin Betz und erschienen im Heyne-Verlag. Die Lektüre lohnt sich. Wer sich auf diese Geschichten einlässt, versteht China vielleicht nicht vollständig – aber ein Stück besser. Und erkennt, dass sich vieles in China nicht allein über Institutionen erklären lässt, sondern über Narrative, Werte und jene unsichtbaren Ordnungen, die den Welten der Wuxia-Romane erstaunlich nahekommen.

* Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

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