WIRTSCHAFT I Der Kampf um die Herrschaft bei Pirelli

Ein bizarrer Streit spielt sich derzeit in Italien ab. Es geht um die Herrschaft über eine der großen italienischen Traditionsmarken – den Reifenhersteller Pirelli, der inzwischen über 150 Jahre alt ist. Es ist ein Kampf zwischen Italienern und Chinesen. Und als einflussreicher Dritter mischen noch die USA mit. Wie ist es dazu gekommen und um was geht es?

In der zweiten Hälfte der 2010er Jahre gingen viele chinesische Firmen – egal, ob privat oder staatlich – auf weltweite Einkaufstour. Sie beteiligten sich an Unternehmen im Westen und zahlten dabei oft horrende Summen jenseits des Marktüblichen. Ein besonders ambitionierter Einkäufer war ein gewisser Ren Jianxin, damals Chef von ChemChina, einem staatlichen Chemiekonglomerat, das er aufgebaut hatte. Als es ihm in China zu eng wurde, suchte er nach Beteiligungen im Ausland. In Deutschland kaufte er 2016 für 925 Millionen Euro den Münchner Maschinenbauer Krauss-Maffei. Berühmt wurde Ren allerdings durch zwei andere spektakuläre Deals. Erst stieg er 2015 für 7,1 Milliarden Euro bei Pirelli ein, dann übernahm er 2017 den Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta für schwindelerregende 43 Milliarden Dollar. Während die Übernahme von Syngenta relativ geräuschlos über die Bühne ging, sorgt der Einstieg bei Pirelli schon länger für Unruhe in Italien.

Als ChemChina, das auch eine Reifensparte hat, bei Pirelli einstieg, bezeichnete Ren den italienischen Konkurrenten als „das Prada der Reifenindustrie“. Euphorisch sprach Ren von einer „wundervollen Hochzeit mit Pirelli“. Doch die Flitterwochen sind längst vorbei. Es herrscht Rosenkrieg im Hause Pirelli.

Es stehen sich gegenüber: Sinochem (mit dem ChemChina inzwischen fusioniert hat) als größter Einzelaktionär mit einem Anteil von rund 34 Prozent und die italienische Holding MTP-Camfin mit einem Anteil von rund 26 Prozent. Ihr Anführer ist Marco Tronchetti Provera. Er will Sinochem aus dem Konzern herausdrängen oder zumindest dessen Beteiligung so stark reduzieren, dass sie keinerlei Einfluss mehr hat. Dabei hat Tronchetti Provera einen mächtigen Bündnisgenossen – die italienische Regierung. Sie hat inzwischen das sogenannte Golden-Power-Gesetz angewandt. Dieses 2012 eingeführte Instrument erlaubt der Regierung, gegen ausländische Investoren vorzugehen, die in kritische Infrastruktur investieren.

Bei kritischer Infrastruktur denkt man eher an Telekom oder Energie, aber Reifen? Pirelli stellt sogenannte Cyber-Reifen her, die durch einen eingebauten Chip Daten sammeln. Diese Daten könnten nach China abfließen, argumentiert die italienische Regierung und wendet deshalb das Golden-Power-Gesetz an, um den Einfluss des chinesischen Großaktionärs einzudämmen. So bekommen Chinesen nur drei der 15 Sitze im Verwaltungsrat. Außerdem wird ihnen ein Mitspracherecht bei Strategieplänen verwehrt. Grund für diese Haltung der Regierung Meloni ist vor allem der Druck der Amerikaner. Die US-Regierung forderte sie mehrmals auf, schärfer gegen die chinesischen Anteilseigner vorzugehen. Da rund ein Viertel des Umsatzes von Pirelli in den USA gemacht wird, beugte sich Melonis Regierung dem Diktat der USA. Die Frage ist nun, wie sich die Chinesen verhalten. Zur Diskussion steht, dass sie ihren Anteil auf unter zehn Prozent reduzieren oder ganz aussteigen. Aber dazu muss erstmal ein Käufer gefunden werden.

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