Der 21. April begann für Georg Stieler (43) sehr früh. Bevor er sich von seinem Wohnort Basel auf den Weg zur Hannover Messe machte, gab er schnell noch um 5.30 Uhr dem amerikanischen Sender CNN ein Interview. Die Moderatorin wollte von Stieler eine Einschätzung zur Entwicklung der menschlichen Roboter (Humanoide), haben die gerade in Beijing einen Halbmarathon absolviert hatten.
Stieler ist ein gefragter Mann – in China, Europa und auch in den USA. Er ist einer der besten Kenner der globalen, aber insbesondere der boomenden chinesischen Robotik-Szene. In China hat er mehrere Jahre bis 2020 gelebt. Auch danach war und ist er im Schnitt viermal im Jahr für längere Zeit vor Ort. Anfang Mai fliegt er zum Beispiel wieder für mehrere Wochen rüber. Als Leiter des Asiengeschäfts im elterlichen Unternehmen Stieler Technologie- & Marketing-Beratung hilft er europäischen Unternehmen chinesische Partner im Robotik-Business zu finden.
2007 kam Georg Stieler zum ersten Mal nach China. Er studierte damals an der Zeppelin Universität (ZU) in Friedrichshafen Wirtschaftswissenschaften. Ein Sonderheft China der Wirtschaftswoche begeisterte ihn für China: „Ich wollte deshalb im Rahmen meines Studiums mal nach China.“ Die ZU hatte als Partner-Uni die Tongji Universität in Shanghai. Und so landete Stieler im Februar 2007 in Shanghai. Er wohnte mittendrin nahe des People’s Square in einer WG. Für 36 Euro kaufte er sich ein Fahrrad, radelte durch die Stadt und am Wochenende raus in die Umgebung. „Das war eine famose Zeit“, sagt er rückblickend über das dreiviertel Jahr in China, in dem er auch viel im Land („bis nach Tibet“) herumreiste.
Nach Ende des Studiums arbeitete er erst einmal in Deutschland bei einem Bioenergie-Unternehmen in Leipzig. „Ich wollte ein Unternehmen mit strukturierten Prozessen kennenlernen“, erklärt Stieler. Eineinhalb Jahre blieb er dort. Inzwischen hatte die globale Finanzkrise die Welt ergriffen, in deren Folge das Interesse an China zunahm. Das erkannte Stielers Vater Joachim, der seinen Sohn 2010 für ein Projekt nach China schickte. Er sollte eine Studie über Baumaschinen in China erstellen. Die mit „zwei Superpraktikanten von der Beida“ (Georg Stieler) erstellte Studie wurde ein Erfolg. Sie wurde weltweit an 35 Kunden verkauft. Die Stielers sahen eine Marktlücke, etablierten 2011 eine Niederlassung in Shanghai und fragten sich: Welche Industrien gibt es noch, für die wir Marktstudien machen können?
Und sie fanden einige. Für Mercedes lieferte Georg Stieler und sein Team eine Studie über die Werkzeugmaschinenbranche in China und fühlten den führenden Herstellern vor Ort auf den Zahn. Für ABB erarbeiteten sie eine Liste der größten 300 Autozulieferer in China samt den Ansprechpartnern, wer dort für die Beschaffung von Robotern zuständig war. „So kamen wir in das Thema Robotik rein“, sagt Stieler. 2015 verfasste dann Stieler eine über 240 Seiten starke Studie über Industrieautomation in China. „Das hat uns Kunden wie Kuka und andere westliche Robotikhersteller erschlossen.“ Danach wurden auch Firmen in den USA auf Stielers Arbeit aufmerksam. Er reiste 2016 erstmals ins Silicon Valley, um dort über Chinas Robotikindustrie zu reden. Titel des ersten Vortrags war „Who will be the Alibaba of Industry 4.0?”. Heute sei das Interesse in den USA daran, was sich in China im Bereich Robotik und physischer KI tut, so groß wie nie zuvor, sagt Stieler.
Stieler ist inzwischen auf allen drei Kontinenten – Europa, Asien und Amerika – in der Robotikszene gut vernetzt. Ein bisschen stolz gibt er zu: „Es gibt nicht so viele, die so tief in der Materie drin sind.“ Er hält Vorträge bei großen Konzernen, publiziert in Fachzeitschriften, tritt in Podcasts (im Januar zum Beispiel bei Kyle Chans „High Capacity Podcast“) und im Fernsehen auf. Leider (aus europäischer Sicht) muss er in all diesen Beiträgen feststellen, dass Europa bei der Robotik derzeit hinterher hinkt. So schreibt er in einem Artikel für Pragmaticus: „Beim Wettlauf um die führende Roboternation gerät Europa ins Hintertreffen, wenn es vorhandene Stärken nicht besser nutzt.“ Zwar bringe die deutsche und europäische Forschungslandschaft immer noch großartige Ideen hervor, allerdings würden aus diesen verhältnismäßig selten marktreife Produkte entstehen.“ Hierzulande fehle es an entrepreneurial spirit, dazu komme der Rückbau in der fertigenden Industrie. Das sei in China anders, sagt Stieler in einem Gespräch mit CHINAHIRN, kurz bevor er wieder in ein Flugzeug steigt – diesmal allerdings nach Shanghai.
Info:
Hier der Artikel von Georg Stieler in Der Pragmaticus: https://www.derpragmaticus.com/r/fuehrende-roboternation-china
Und hier das CNN-Interview vom 21. April: https://www.youtube.com/watch?v=QCdHqUmN2lU
Und hier der Podcast mit Kyle Chen: https://www.highcapacity.org/p/podcast-china-robotics-automation