CHINA ABSEITS I Kleine OPCs, großes Schachbrett? / Von Nan Haifen*

Anfang 2024 kündigte die ehemalige Marketingleiterin Karen Dai ihren Job bei einer Shanghaier Online-Bildungsplattform. Der Grund war, wie sie später erzählte, ein zunehmend vergiftetes Arbeitsumfeld. Fast zeitgleich lockerte China still die Regeln für Ein-Personen-Gesellschaften mit beschränkter Haftung (One-Person-Companies, OPCs): Alleingesellschafter dürfen seither mehrere solcher Gesellschaften gründen. Beides geschah weitgehend unbemerkt im Hintergrund – zwischen inländischen Wirtschaftssorgen, geopolitischen Spannungen und den großen internationalen Schlagzeilen.

Zwei Jahre später ist aus Karen Dais kleinem Kaffee-Chat-Kreis wohl Shanghais größte Community für One-Person-Companies geworden: SoloNest – mit inzwischen mehr als 2 500 Mitgliedern aus sehr unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, vom Sporttaschendesigner bis zum Unternehmensberater, Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig in die Selbstständigkeit wagen.

Und OPC scheint plötzlich zum nächsten großen „Fengkou“ (风口) zu werden – jenem chinesischen Begriff für einen wirtschaftlichen Trend mit Rückenwind. Man erinnert sich dabei unweigerlich an das bekannte Zitat des Xiaomi-Gründers Lei Jun: „Wenn man im richtigen Wind steht, können sogar Schweine fliegen.“ Gemeint ist: Wer sich im richtigen Moment im richtigen Trend bewegt, kann auch ohne außergewöhnliche Voraussetzungen erfolgreich werden.

Der aktuelle Hype um OpenClaw, ein neues Open-Source-KI-Werkzeug, hat diesen Rückenwind für OPCs erstmals einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Gleichzeitig verstärken staatliche Institutionen auf unterschiedlichen Ebenen den Trend inzwischen mit konkreten Förderprogrammen.

Warum also diese eruptive Begeisterung für OPCs? Und welche Sogkraft entfaltet dieses Modell tatsächlich?

Für Karen Dai ist OPC an sich kein neues Konzept. In den USA – und auch hierzulande – gehört diese Form des Solo-Unternehmertums seit Langem zum wirtschaftlichen Alltag. Auch in China existieren seit der wirtschaftlichen Öffnung zahlreiche kleine Privatunternehmen, die faktisch ähnlich funktionieren. Entscheidend sei deshalb weniger die exakte Definition als die praktische Anwendung: Eine OPC könne streng von einer einzigen Person geführt werden, wie bei vielen Mitgliedern ihrer Community, aber ebenso mit mehreren Beteiligten arbeiten. Selbst staatliche Förderprogramme erlauben häufig Strukturen mit bis zu zehn registrierten Beschäftigten.

Aus Karen Dais Sicht liegt die Attraktivität des Modells darin, dass sich Geschäftsideen mit sehr wenig Kapital und überschaubarem Risiko rasch bis zur Marktreife entwickeln lassen – ein Prozess, den sie als „0-zu-1 Closed Business Loop“ beschreibt. Gerade Menschen mit branchenspezifischer Erfahrung oder Lösungen für klar umrissene Nischenmärkte erhielten dadurch erstmals realistische Chancen, ein eigenständiges Geschäftsmodell aufzubauen. Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz beschleunigt und vereinfacht diesen Prozess zusätzlich. Viele Aufgaben, die früher kleine Teams mit Spezialwissen erforderten, lassen sich heute durch KI-Tools unterstützen: Marktanalyse, Design, Programmierung, Kundenkommunikation, Vertrieb und Verwaltung. Karen Dai beschreibt das Grundprinzip so: OPC sei kein Modell, das den Menschen ersetzen solle. Im Gegenteil – im Zentrum bleibe weiterhin der Unternehmer als Gehirn, während KI-Tools, projektbezogene Mitstreiter oder temporäre Helfer quasi die Rolle der Gliedmaßen übernehmen.

In dieser extrem schlanken und flexiblen Struktur sieht sie ein außergewöhnliches Effizienzpotenzial. Zwar verdienen nach ihren Angaben bislang nur rund 20 Prozent der SoloNest-Mitglieder nachhaltig gutes Geld; weitere 40 Prozent erzielen unregelmäßige Einnahmen, während die übrigen sich noch in einer Such- und Testphase befinden. Karen Dai betont jedoch, dass der Erfolg einer OPC nicht allein an ihrer Struktur hängt. Wie bei jedem Unternehmen entscheide letztlich, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung den potenziellen Kunden anspricht. Wer den richtigen Markt erkennt und dafür passgenaue Lösungen entwickelt, könne mit einer OPC sehr schnell erfolgreich werden. Dafür brauche es vor allem Kreativität – in gewisser Weise erinnert das an den klassischen Tüftlergeist, wie man ihn von den Gründern deutscher Hidden Champions kennt.

Nicht alle OPCs bleiben dauerhaft OPCs. Erfolgreiche Modelle wachsen oft rasch zu regulären Unternehmen heran. Dennoch ist Karen Dai überzeugt, dass OPCs früher oder später grundlegende Veränderungen bestehender Unternehmensstrukturen auslösen werden. Ein Mitglied ihrer Community habe seine ursprünglich 60köpfige Firma in den vergangenen zwei Jahren weitgehend in eine OPC-Struktur umgebaut: Viele frühere Angestellte arbeiten heute als unabhängige Dienstleister in OPC-Form – für ihn und zugleich für weitere Kunden.

Dais Beobachtungen decken sich zunehmend mit staatlichen wirtschaftspolitischen Überlegungen. Für den Staat entlastet die breite Hinwendung zu OPCs ganz praktisch den Druck auf dem Arbeitsmarkt – sowohl angesichts hoher Jugendarbeitslosigkeit als auch wachsender Unsicherheit unter erfahrenen Fachkräften infolge der verlangsamten Wirtschaft. Nicht wenige Mitglieder von SoloNest sind weiterhin angestellt, bauen sich jedoch angesichts unsicherer Arbeitsmärkte bewusst eine zusätzliche Einnahmequelle über eine OPC auf. Daran zeigt sich ein pragmatisches chinesisches Muster im Umgang mit Beschäftigungskrisen: Der Staat setzt weniger auf direkte soziale Absicherung als auf die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen, damit Menschen selbst neue Arbeit schaffen können.

Bereits in den 1990er Jahren, während der Privatisierung vieler Staatsunternehmen, wurden entlassene Arbeiter mit Kochkursen und Kleingewerbeprogrammen unterstützt. Heute sind es kostenlose KI-Schulungen. In vielen Städten übernehmen Mitarbeiter staatlicher Stellen nicht nur den Gründungsprozess für Solo-Unternehmer, sondern zugleich auch eine Art Unternehmensberaterfunktion, um sie näher an marktfähige Geschäftsmodelle heranzuführen. Besonders willkommen sind aus staatlicher Sicht natürlich jene OPCs, die an zukunftsorientierten Lösungen rund um künstliche Intelligenz arbeiten.

Ein genauer Blick auf die Förderprogramme zeigt: Die attraktivsten Programme richten sich vor allem an OPCs aus Hightech-Bereichen, die KI entwickeln oder KI intensiv anwenden.

Die  Zeitschrift The Economist verweist in einer aktuellen Analyse darauf, dass China inzwischen bei der Zahl hochqualifizierter KI-Forscher mit den USA konkurriert. Ein Teil dieser Talente findet sich bereits heute in Förderprogrammen für OPCs in Beijing, Shanghai, Shenzhen oder Hangzhou wieder. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis aus einzelnen dieser kleinen Einheiten neue global relevante Hightech-Unternehmen hervorgehen. In der Tech-Welt kreist bereits seit einiger Zeit die Millionenfrage: Wann und wo wird das erste echte One-Person Unicorn entstehen?

Doch die aktuelle Förderlogik in China zielt nicht nur auf einzelne OPCs. Sowohl dem Staat als auch vielen Gründern ist bewusst, dass die eigentliche Stärke erst im Zusammenspiel entsteht. Deshalb setzt China gezielt auf OPC-Cluster, in denen Vernetzung und Kooperation organisch oder politisch gewollt gefördert werden. Karen Dai beschreibt dieses Zukunftsbild mit einem biologischen Vergleich: OPCs würden künftig nicht wie einzelne große Kiefern in einem Kiefernwald existieren, sondern eher wie Arten in einem Regenwald – klein, spezialisiert, voneinander abhängig, aber gemeinsam widerstandsfähig.

Kein Akteur dominiert, jeder erfüllt eine eigene Funktion.

Das erinnert stark an Organisationsmodelle, die auch internationale Strategieberater inzwischen diskutieren. McKinsey & Company beschreibt Ende 2025 in seinem Bericht The Agentic Organization, dass künftige Organisationen weniger pyramidenförmig funktionieren werden, sondern als dynamische Netzwerke aus Menschen und KI-gestützten Mikroteams.

Gerade flexible und kreative OPCs könnten dabei zu unerschöpflichen Innovationsquellen für China werden – hochspezialisiert, schnell und anpassungsfähig. Genau auf dieser Ebene versucht China derzeit, seine vielfach propagierte „neue Qualität der Produktivität“ voranzutreiben.

Ein weiteres Element dieser Strategie ist der Ausbau nationaler Rechenkapazitäten. Mit der massiven Förderung von OPCs rückt auch das staatliche Projekt eines landesweit vernetzten Rechenleistungsnetzes stärker in die Öffentlichkeit: das National Unified Computing Power Network. Ausgewählte OPCs erhalten Token-Gutscheine staatlicher Datenzentren. Diese Gutscheine wirken doppelt: Einerseits sind sie eine direkte praktische Subvention für junge Unternehmen, ohne dass der Staat zusätzlich hohe liquide Mittel aus einem ohnehin angespannten Fiskus bereitstellen muss. Andererseits erzeugt die Nutzung tausender KI-Anwendungen reale Testfelder für Chinas eigene digitale Infrastruktur – von leistungsfähigen Chips über Modelle bis hin zu grüner Energieversorgung und modernsten Kühlungstechnologien.

So werden kleine Ein-Personen-Unternehmen plötzlich Teil eines weit größeren strategischen Schachbretts. Doch Schach bleibt ein Spiel des langen Atems. Ob China am Ende tatsächlich erreicht, was es sich wünscht, wird – wie so oft – erst die Zeit zeigen.

*Nan Haifen ist in China aufgewachsen und kam Anfang der 2000er-Jahre als Studentin nach Deutschland. Aus einem Studienaufenthalt wurde ein Leben zwischen zwei Welten. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Forschung und Beratung – mit dem Ziel, Kooperationen zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen, häufig auch im internationalen Kontext. China Abseits ist ihr Versuch, Beobachtungen und Reflexionen mit China-Interessierten zu teilen. Der Titel ist Programm: Abseits der Schlagzeilen. Sie wählt bewusst Themen, die in der deutschen Debatte leicht übersehen werden und doch viel über die chinesische Gesellschaft und ihre innere Logik verraten – seien es regionale Entwicklungen, leise gesellschaftliche Verschiebungen, unternehmerische Dynamik oder kleine Szenen aus dem Alltag. Wer sie ernst nimmt, versteht China besser – und findet eher zu klügeren Formen des Umgangs miteinander. Nan Haifen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

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