WAN HUA ZHEN I Ein bisschen mehr China in Volkmarsen / Von Liu Zhengrong*

Was bleibt von der Kanzlerreise bei den vielen Chinesen hängen? Ein 17-Sekunden-Redeausschnitt des Kanzlers am Tag danach in Volkmarsen, Nordhessen. Noch nie zuvor wurde ein Kanzler-Clip in China so häufig geteilt.

Der Kanzler wörtlich: „Wir sind einfach nicht mehr leistungsfähig genug. Jeder Einzelne würde für sich sagen: ‚Ich tue doch schon eine ganze Menge‘ – stimmt auch. Aber wenn Sie aus China kommen, meine Damen und Herren, dann haben Sie noch deutlicher das Gefühl, dass mit ‚Work-Life-Balance‘ und der ‚Vier-Tage-Woche‘ der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist. Da müssen wir jetzt einfach mal ein bisschen mehr tun.“

Applaus aus dem Publikum war zu hören.

Auf allen chinesischen Social-Media-Kanälen ging der „neue“ Bundeskanzler schon bei seinem Antrittsbesuch in China viral – präzise übersetzt und zum Teil mit Musik unterschiedlichster Geschmacksrichtungen unterlegt.

Vor ein paar Jahren wäre der Kanzler wohl noch gelobt worden: „Da ist endlich jemand ehrlich – die Europäer müssen auch etwas mehr arbeiten.“

Heute hieß es dagegen überall: “Der deutsche Kanzler hat leider nicht verstanden, woher die chinesische Produktivität wirklich kommt.“

Wie sollte er auch – mit den ebenso einseitigen wie oberflächlichen China-Erklärungen, die ihn, seinen Stab und das politische Berlin umgeben?

Chinas Wettbewerbsvorteil beruht schon lange nicht mehr einfach darauf, dass „die Arbeiter härter und länger arbeiten“. Er entsteht vielmehr aus dem Zusammenspiel einer konsistenten und langfristigen Industrie- sowie – oft vergessen – Bildungspolitik mit einem einzigartigen, nahezu vollständigen Ökosystem der Lieferketten.

Die oft üppigen Redundanzen in nahezu jedem Schritt der Wertschöpfung sorgen einerseits für kritische Diskussionen. Im Westen werden sie vor allem unter dem Begriff „Überkapazität“ diskutiert; in China selbst spricht man von „Involution“ beziehungsweise „Neijuan“.

Viele Chinesen geben selbst zu, dass die langen Arbeitszeiten vielerorts eine Folge eines übertriebenen Binnenwettbewerbs sind.

Dieselben Chinesen weisen jedoch gleich darauf hin, dass die Fähigkeit zu extrem schnellen technologischen Iterationen und deren produktiver Umsetzung – inklusive gewaltiger Skaleneffekte – die Sonnenseite derselben Medaille darstellt.

China wird im eigenen Interesse das Gleichgewicht zwischen beiden Seiten immer wieder neu austarieren müssen.

Das eigentliche Problem Deutschlands liegt dagegen in tief sitzenden strukturellen Schwächen, die ungeachtet glänzender Reden kaum verbessert wurden. Schlagworte wie ausufernde Bürokratie, alternde Infrastruktur, hohe Energie- und Arbeitskosten sowie eine verbreitete Technologieskepsis begleiten die Debatten seit mehr als zwanzig Jahren – so lange konnte Ihr Kolumnist diese Diskussionen persönlich, oft live, verfolgen.

Lange ging es dennoch gut. Genauer gesagt: Lange ging es uns zumindest nicht schlecht. Denn Deutschland verfügte über eine „doppelte Sicherung“.
Erstens über große international starke Konzerne mit globaler Präsenz.
Zweitens über die vielen Hidden Champions des deutschen Mittelstands – mit technologischen und produktseitigen Nischen, die über Generationen hinweg auf Exzellenz getrimmt wurden.

Diese Ära geht jedoch zu Ende.

Deutschland ist nicht nur weiterhin von Öl und Gas abhängig, sondern auch von Chips, Software und digitalen Plattformen. Mit anderen Worten: Die fundamentale Basis der modernen Wertschöpfung gehört Deutschland – beziehungsweise deutschen Unternehmen – nur noch in sehr begrenztem Maße. Ein paar zusätzliche Arbeitsstunden und ein paar Urlaubstage weniger hätten fehlenden Mut und mangelnde Weitsicht sicher nicht kompensieren können.

Durch permanentes China-Bashing und China-Angst wurde etwas Entscheidendes übersehen – etwas, das auch hierzulande gezielt hätte aufgebaut werden können. Denn gerade die Hidden Champions in der deutschen Provinz brauchen heute eine andere Form (und andere Dichte!) von Vernetzung und Förderung, um sich innovativ und produktiv in der globalen Spitzenliga zu behaupten.

Der Wettbewerb wird längst nicht mehr nur auf der Ebene einzelner Unternehmen ausgetragen. Heute konkurrieren ganze Ökosysteme mit- und gegeneinander.

Im Windschatten des Kanzler-Videos verbreitete sich auch der Erfahrungsbericht eines in Deutschland arbeitenden Ingenieurs chinesischer Herkunft.

„In einem Radius von nur zwei Kilometern in Shenzhen“, schilderte er mit Blick auf seine Projekterfahrungen, „konzentrieren sich 20 Leiterplattenfabriken (PCB-Factories, Printed Circuit Board), 15 Werkstätten für Spritzgussformen, 30 Distributoren für elektronische Bauteile sowie Hunderte freiberufliche Firmware-Entwickler. Zusammen bilden sie ein weit verteiltes, selbstlernendes neuronales Netzwerk der Fertigungsintelligenz.“

Das Ergebnis: Für umgerechnet 1.000 US-Dollar erhielt er innerhalb einer Woche vier Prototypen seiner Motorsteuerplatine. Ein vergleichbares Projekt in Deutschland: 12.000 Euro für einen einzigen Prototyp – bei mehr als zwei Monaten Wartezeit.

Ob es tatsächlich exakt 20, 15 und 30 Fabriken oder Firmen waren, darf bezweifelt werden. Dass der Kern des modernen chinesischen Industriemodells aus solchen unzähligen, dicht verflochtenen Netzwerken besteht – deren Akteure ständig zwischen Kooperation und Konkurrenz jonglieren – gilt jedoch als gesicherte Tatsache.

Hierfür sind weder Shenzhen noch Hangzhou, wo der Kanzler zu Besuch war, eine Ausnahme. Auch Suzhou, Wuhan, Chongqing oder Hefei folgen diesem Muster – und es werden immer mehr.

Zugegeben: Der Kanzler sprach auf einer Wahlkampfveranstaltung an der Basis. Vereinfachung und Zuspitzung gehören eben dazu. Ob es zielführend ist, eine Gesellschaft – beziehungsweise die eigenen Wähler – ständig mit solchen Übersimplifikation zu berieseln, steht auf einem anderen Blatt.

Apropos Arbeitszeit: zwei Beobachtungen aus Taipeh, wo Wan Hua Zhen derzeit zu Gast ist.

Direkt unter der Wohnung befindet sich eine HNO-Arztpraxis. Öffnungszeiten unter der Woche: 9.30 bis 12.30 Uhr, dann wieder von 15 bis 21.30 Uhr. Samstags, sonntags und an allen („allen“ auf dem Schild unterstrichen) Feiertagen „nur“ von 9.30 bis 12.30 Uhr.

Der „Heiligabend“ des chinesischen Neujahrs fiel dieses Jahr auf den 16. Februar. Um 23.10 Uhr kam die Müllabfuhr – wie gewöhnlich begleitet von fröhlicher Musik, wie sie in Taiwan üblich ist. Anwohner strömten aus ihren Wohnungen, mit Säcken voller leeren Geschenkverpackungen und Essensresten in den Händen. Man wünschte sich gegenseitig ein frohes neues Jahr.

Dann fuhren die Müllmänner einfach weiter zum nächsten Wohnblock.

Zurück blieb ein staunender Besucher aus Deutschland.

* Hier erfahren Sie mehr über die Kolumne und deren Autor:

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