In den vergangenen Wochen fand eine bemerkenswerte Reisetätigkeit westlicher Politiker nach China statt. Mehrere Regierungschefs landeten in Beijing, wo sie meist von einem zufriedenen Gastgeber empfangen wurden. Als erster reiste Irlands Premier Micheal Martin Anfang des Jahres nach China. Es folgten in dieser Reihenfolge: Mark Carney (Kanada),Petteri Orpo (Finnland) und zuletzt Keith Starmer (Großbritannien). Doch das Händeschütteln wird weitergehen: Diese Woche ist Uruguays Premier Yamandú Orsi dort. Und dann nach Chinesisch Neujahr wird sich Bundeskanzler Friedrich Merz vom 24. bis 27. Februar in China aufhalten. Ob er in die Fußstapfen von Carney und Starmer treten wird und sich kooperativ zeigt? Zweifel sind erlaubt, aber dazu mehr in der nächsten Ausgabe.
Der Grund für all diese Reisen hat vor allem einen Namen: Donald Trump. Er verprellt mit seiner erratischen Zollpolitik und seiner Missachtung internationaler Regeln viele Freunde und Verbündete. Die demokratische Senatorin Jeanne Shaheen sagte bei einem Hearing im Senate Foreign Relations Committee: „Instead of creating a united front against China, we’re pushing our closest allies into their arms.” Teilweise waren diese Reisen die ersten nach jahrelanger Abstinenz. So waren zuletzt vor acht Jahren die Regierungschefs von Kanada, Großbritannien und Finnland in China. Interessant auch, dass sie meist mit einer großen Wirtschaftsdelegation im Schlepptau anreisten. Starmer brachte rund 60 Unternehmer mit, Orpo rund 40. Es wurden viele Deals über Handelserleichterungen und Visafreiheit unterzeichnet. Der britische Pharmakonzern AstraZeneca versprach, bis 2030 rund 15 Milliarden Dollar in China zu investieren.
Carney bezeichnete die Handelsbeziehungen mit China „more predictable“ als die mit seinem südlichen Nachbarn, der immer wieder mit Zöllen drohte. Starmer sagte: „Working together on issues like climate change, global instability during challenging times for the world is precisely what we should be doing as we build this relationship.”
China begrüßt – wie sollte es anders sein – die neue Zuwendung Europas zu China. Wang Huiyao, Chef des Thinktanks Center for China and Globalization (CCG), sagte in einem Interview mit Top News Express (19. Januar): “Europe’s approach of copying the US by viewing China as a competitor is outdated. Europe should strengthen its ties with China.” Er sieht Europa als seine mögliche “third independent force”, spricht von einer G3. Europa könnte sich ähnlich wie die Asean-Staaten positionieren. Die elf Länder in diesem südostasiatischen Staatenverbund „sharing consenus with the US on ideology while deepening economic and investment cooperation with China.” China spielt geschickt die Rolle eines Stabilitätsankers. Dies war auch der Rede von Vizepremier He Lifeng in Davos zu entnehmen: „Wir setzen uns dafür ein, Brücken zu bauen, keine Mauern.“ China bekennt sich zu den internationalen Organisationen, aus denen sich die USA sukzessive verabschieden. Verrückte Welt: China spielt sich als Verteidiger der internationalen Ordnung auf, die der Westen und vor allem die USA geschaffen haben.
Aber welche Rolle soll oder kann Europa in dieser neuen gerade entstehenden Weltordnung spielen? Von den USA verachtet, von China umgarnt sucht Europa seinen Platz zwischen den beiden Großmächten. Einerseits will man sich von seinem jahrzehntelangen transatlantischen Partner nicht trennen, andererseits will man strategisch autonomer werden. Will Europa gar selbst eine Großmacht werden? Dazu hat Bundeskanzler Merz in seiner Regierungserklärung am 29. Januar einiges gesagt. Er sieht eine „Welt der Großmächte“ im Entstehen. In diesem Kreis könnte Europa mitspielen: „Wir können eine Macht sein“, sagt Merz, „wir sind nämlich auf der Welt (auch) eine normative Alternative zu Imperialismus (er meint damit wohl die USA) und Autokratie (China!).“ Merz sagt aber auch, dass dazu drei Bedingungen erfüllt sein müssen: erstens ein starkes Militär, zweitens eine wettbewerbsfähige Wirtschaft und drittens ein geschlossenes Europa. Alles drei sind bislang nicht erfüllt.
Letzteres zeigt sich auch bei den Besuchen der europäischen Politiker in China. Jeder verhandelt auf eigene Rechnung, die EU bleibt außen vor. Das kritisieren unter anderem Andrew Small und Janka Oertel (ECFR) in dem Kommentar (29. Januar): “Band of brothers: Why like-minded powers need to hold the line on China.” Sie warnen vor “opportunistischen Deals mit China.” Statt Solo-Deals fordern sie eine „joint action to address the share risks of a China-dominated economic landscape.”
Und noch ein anderer – nämlich Donald Trump – kritisiert die China-Reisenden, allen voran Carney und Starmer: „It was very dangerous for them to do that.“ Insbesondere seinen kanadischen Nachbarn geht er an: „It´s even more dangerous for Canada to get into business with China. Canada is not doing well. They’re doing very poorly. And you can´t look at China as the answer.” Trumps Kritik kann man auch so verstehen, dass er wohl neidisch auf die China-Reisenden ist, die ihm etwas die Show stehlen. Denn er selbst wird erst im April zu seinem von ihm so sehnsüchtig erwünschten China-Trip aufbrechen – nachdem fast alle westlichen Regierungschefs schon da waren.
Info:
Die Rede von He Lifeng in Davos: https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-he-lifeng/
Die Regierungserklärung von Friedrich Merz im Bundestag: https://dserver.bundestag.de/btp/21/21056.pdf#P.6647
Der Kommentar von Andrew Small und Janka Oertel: https://ecfr.eu/article/band-of-brothers-why-like-minded-powers-need-to-hold-the-line-on-china/