Ich kann mich noch gut an meine erste Bahnreise in China erinnern. Anfangs der 90er Jahre fuhr ich von Guangzhou nach Shanghai. 36 Stunden dauerte diese 1400 Kilometer lange Bahnfahrt. Die Lok stammte aus der damaligen Tschechoslowakei und die Waggons aus der DDR. Und sie waren dunkelgrün. Man nennt diese Züge deshalb lüpi huoche, grünhäutige Züge. Es gibt sie heute noch. Über sie hat Emily Kossack in ihrem Blog How to China geschrieben. Es ist fast eine Liebeserklärung an die langsamen grünen Züge: „Ich liebe kaum etwas mehr als diese ausgedehnten Zugfahrten durch die Weiten Chinas. Sie zeigen eine Seite des Landes, die in der Begeisterung über Chinas technologischen Aufschwung oft vergessen wird: Chinas ländliche, zuweilen auch arme Landesteile, und die laobaixing, also die gewöhnliche Bevölkerung.“ Sie zitiert den Fotografen Qian Haifeng, der viele Fotos von und in diesen Zügen gemacht hat: „Du musst nur in einen langsamen Zug einsteigen, und du wirst verstehen, wie viele arme Menschen in China existieren.“
Die grünen Züge verkehren vor allem in den westlichen Landesteilen. Die Strecken, auf denen sie verkehren, wurden vor allem in den ersten Jahren der Volksrepublik gebaut. Oft führen sie durch landschaftlich schöne Gebiete, so zum Beispiel von Chengdu (Sichuan) nach Kunming (Yunnan).
Die Autorin hat den Zug mit der Nummer Z 166 genommen, der von Xining (Hauptstadt der Provinz Qinghai) ins 2400 Kilometer entfernte Shanghai verkehrt. 27 Stunden verbrachte sie im hard sleeper-Abteil, das auf jeder Seite drei harte Betten hat. Ihr Tipp: Das mittlere Bett sei am besten, weil man dort auch liegend einen Blick durch Fenster habe. Am Ende jedes Wagens gibt es eine Toilette, ein Waschbecken und – ganz wichtig – einen Samowar, der heißes Wasser für Tee, Kaffee und die Instant-Nudelsuppen spendet. Dort bilden sich stets gegen 18 Uhr Schlangen, weil dann fast alle Passagiere ihre Nudelsuppen schlürfen wollen. Aber mittags und abends kutschieren auch Zugbegleiter einen kleinen Wagen mit warmen Mahlzeiten durch die Abteile.
Fahrten mit den grünen Zügen sind ein nostalgischer Kontrast zu den Hochgeschwindigkeitszügen, die durch das Land rasen. Zwar nehme die Zahl der grünen Züge ab, schreibt Emily Kossack, aber verschwinden würden sie nicht. Im Gegenteil: Sie erlebten gerade eine Renaissance, auch weil sie viel weniger kosten als die teuren Schnellzüge. So sei die Zahl der Passagiere in den grünen Zügen während des diesjährigen Frühlingsfests um 77 Prozent gestiegen.
Info:
Hier der Blog von Emily Kossack: https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/250761d8-b5f9-4c12-bc7e-98d61f76c73c
Eine weitere Reisereportage im grünen Zug schrieb in ihrem Blog Lena Hofmann: https://boulangeriemolitor.lu/2026/09/06/mit-dem-gruenen-zug-durch-das-laendliche-china-eine-reise-abseits-der-schnellzugtrassen/
Und hier ein Artikel mit Fotos von Qian Haifeng: https://u.osu.edu/mclc/2019/11/30/qian-haifeng-captures-chinas-slow-trains/