ZHU RONGJI I Ein Nachruf

Am 12. August verstarb der ehemalige Ministerpräsident Zhu Rongji. Er war in den 90er Jahren ein Reformer, der die Staatswirtschaft umkrempelte und durch den WTO-Beitritt China den Weg in die Weltwirtschaft ebnete. An politische Reformen wagte er sich freilich nicht.

Der Zufall wollte es, dass in diesem August innerhalb weniger Tagen zwei tote chinesische Politiker in die Schlagzeilen rückten: Am 12. August wurde der Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten Zhu Rongji (97) vermeldet. Fünf Tage später wurde an den 100. Geburtstag von Parteichef Jiang Zemin erinnert. Zwei Politiker, die zur selben Zeit wirkten – in den 90er und beginnenden 2000er Jahren. In der Jiang-Zhu-Ära kam es zu weitreichenden Reformen vor allem in der Wirtschaft. Ausführender Architekt dieser Reformen war Zhu Rongji.

Zhu Rongji stammte aus Hunan und schloss an der Tsinghua Universität ein Studium als Elektroingenieur ab. Diese Zeit prägte ihn und sein handeln: Probleme erkennen und lösen. Er arbeitete zunächst in der Abteilung Internationale Wirtschaft bei der CASS. Dort fiel er Mitte der 80er Jahre dem damaligen Parteichef und noch größeren Reformer Deng Xiaoping auf. Er holte Zhu nach Shanghai, wo er ihn erst zum stellvertretenden Bürgermeister und später zum Bürgermeister machte. In diesem Amt war er auch 1989, dem Jahr der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing. Es gelang ihm, in Shanghai zumindest ein Blutvergießen wie in Beijing zu vermeiden.

1991 wurde Zhu Rongji stellvertretender Ministerpräsident, 1998 dann Ministerpräsident. In dieser Zeit nahm er mehrere große Reformen in Angriff. Die wichtigsten waren eine Steuerreform (1994) und eine Reform der Staatsunternehmen (State-Owned Enterprises, SOEs), die aber mit Massenentlassungen einherging. Die Rede ist von 40 Millionen Arbeitern, die damals ihren Job verloren. Unter seiner Amtszeit fiel auch der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO 2001.

Der China-Kenner Stephen Roach (Asian-Ökonom der Investmentbank Morgan Stanley) urteilt über Zhu: „One of China‘s great reformer. He was a rare leader, probably more popular abroad than at home.” In der Tat: Ausländische Manager, die ihn kannten, schwärmten von ihm. Zum Beispiel der ehemalige BASF-Repräsentant Jörg Wuttke oder auch Martin Posth, der in den 80er Jahren die VW-Geschäfte in China leitete. Besonders seine direkte und offene Art beeindruckte. Yasheng Huang (MIT-Professor): “I greatly admire and miss his plain-talking, direct, no-nonsense style, a breath of fresh air in the often stultifying and vague rhetoric of the official speak.” Allerdings brachte seine wirtschaftliche Reformpolitik nicht die – von einigen im Westen erhoffte – politische Wende. So schreibt Ex-Diplomat Julian Gewirtz:“He reflected the paradoxes of refom-era China: the pursuit of rapid economic growth with enduring political control.”

Die Koinzidenz von Zhu‘s Tod (der übrigens zwei Jahre lang im Koma gelegen haben soll) und die Feier zu Jiang`s 100. Geburtstag löste einige nostalgische Gefühle aus. The New York Times schrieb: „Mr Jiang’s commemoration and Mr Zhu’s funeral together have prompted nostalgia for their era, which saw some of China´s most consequential economic change.” Manche wünschen sich diese Zeit zurück, was Xi Jinping freilich nicht gefallen kann. The New York Times zitiert in diesem Zusammenhang Joseph Torigian (American University): “He (er meint Xi Jinping) doesn´t want this moment to raise questions about what he’s doing.” Deshalb verwundert es nicht, dass der nostalgische Rückblick des Ökonomen Zhao Jian „Dreaming of Zhu Rongji‘s China“ schnell aus dem Netz verschwand.

Zu guter Letzt ein Zitat von Zhu Rongji (das ich bei Katrin Büchenbacher von der Neue Zürcher Zeitung gefunden habe). Sie  zitiert ihn mit einer Aussage auf der Pressekonferenz nach Abschluss des Nationalen Volkskongresses im Jahre 2000: „Ich hoffe nur, dass die Menschen im ganzen Land eines über mich sagen können: er war ein sauberer, unbestechlicher Beamter, kein korrupter. Dann wäre ich schon sehr zufrieden.“

Zhu kann zufrieden sein und in Frieden ruhen.

Info:

Beitrag von Zhao Jian in einer englischen Übersetzung von Sinification: https://www.sinification.org/p/dreaming-of-zhu-rongjis-china-zhao

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