HU IS HU I Der tiefe Fall des Immobilienmoguls Xu Jiayin

Der Immobilienunternehmer Xu Jiayin war einst der reichste China. Doch der von ihm gegründete Evergrande-Konzern ist inzwischen fast pleite – und er wurde zu einer lebenslangen Haft verurteilt.

Im August kursierte in den sozialen Medien Chinas eine Fotomontage, bestehend aus zwei Fotos, die den ein und denselben Mann in sehr unterschiedlichen. Lebenslagen zeigten. Auf dem linken Foto war er umringt von Reportern. Eine elegante Erscheinung mit schwarz glänzendem Haar und seinem nahezu obligatorischen goldenen Gürtel aus dem Hause Hermès. Auf dem rechten Foto sah man – welch Kontrast – einen tief deprimierten Mann mit weißem Haar, umrahmt von zwei Polizeibeamten. Dieses Foto stammte aus dem Gerichtsaal in Shenzhen, aufgenommen am 20. August. An diesem Tag wurde Xu Jiayin (67) zu einer lebenslangen Haft verurteilt.

Die beiden Fotos dokumentieren auf einen Blick den tiefen Fall des Xu Jiayin – vom reichsten Mann Chinas zum demütigen Häftling. Xu, der auch unter dem kantonesischen Namen Hui Ka Yan bekannt ist, gründete einst das Unternehmen Evergrande, das er durch fragwürdige Finanzkonstruktionen zum größten Immobilienkonzern Chinas entwickelte. Als die Regierung Anfang der 2020er Jahre das Gebaren der Immobilienkonzerne stärker unter die Lupe nahm, brach Evergrande zusammen wie ein Kartenhaus. Bis Ende 2022 hatte der Konzern Schulden in Höhe von 2,2 Trillionen Yuan (rund 340 Milliarden Euro) angehäuft. Trotzdem lebte Xu weiterhin im gewohnten Luxus und scheffelte Geld ins Ausland. Aber 2023 wurde er verhaftet und in diesem August wegen Betrug, Bestechung und Veruntreuung zu lebenslanger Haft verurteilt. Und mit ihm wandern weitere 56 Mitarbeiter des Evergrande-Konzerns ins Gefängnis, wo sie Strafen zwischen einem Jahr und acht Monate sowie 18 Jahren absitzen müssen. Darunter sind übrigens die zwei Söhne von Xu Jiayin.

Wie konnte es zu diesem tiefen Fall kommen?

Xu wurde 1958 in eine arme Familie in der Provinz Henan geboren. Sein Vater war Holzarbeiter, seine Mutter starb, als er acht Monate alt war. Groß gezogen wurde er von seiner Großmutter. Nach einem Studium und ersten Berufsjahren in der Stahlindustrie kam er 1992 ins boomende Shenzhen. Dort schlug er sich mit diversen Jobs durch und landete zwei Jahre später in Guangzhou im Immobilienbusiness. Damals waren große Wohnungen angesagt. Er sah aber die Zukunft in kleineren Einheiten für die Masse. Um diese zu bedienen, gründet er 1996 seine eigene Firma, Guangzhou Evergrande. Seine Strategie ging auf, weil er noch eine weitere kluge Idee hatte: Er ging frühzeitig vor allen anderen Konkurrenten in die kleineren Städte.

Aber immer wieder hatte er Finanzierungsprobleme. So auch 2008, dem Jahr der globalen Finanzkrise. Er löste die Probleme, indem er nach Hongkong ging und sich bei den stets flüssigen Tycoons einschmeichelte, indem er drei Monate lang mit ihnen Karten spielte. Danach flossen die Millionen, Guangzhou Evergrande überlebte. 2009 ging das Unternahmen an die Börse in Hongkong. 2016 firmierte Guangzhou Evergrande in China Evergrande um. 2017 war Xu im Zenit seiner Macht. Mit einem Vermögen von 280 Milliarden Yuan (rund 42 Milliarden $) war er der reichste Mann Chinas. Er hatte eine Yacht, flog im Privatjet um die Welt und leistete sich mit Guangzhou Evergrande einen Fußballklub, der mehrmals chinesischer Meister wurde. Aber auch in diesem Geschäft zeigte sich Xus Größenwahnsinn. Der Klub baute schon 2012 eine der größten Fußballschulen der Welt: 48 Fußballplätze und ein schlossartiges Gebäude für die Unterkunft von Trainern und den jungen Talenten. Kosten: rund 200 Millionen Euro.

Inzwischen ist auch dieser Fußballklub pleite – wie der gesamte Evergrande-Konzern. Man muss sich fragen, warum das fragwürdige Modell Evergrande – der Konzern nahm riesige Kredite auf und verkaufte massenhaft Wohnungen, die noch nicht mal gebaut waren – so lange unentdeckt und ungestraft bleiben konnte. Aber immerhin hat die Justiz – wenn auch reichlich spät – ein Exempel statuiert. Doch der Immobilienmarkt Chinas ist damit noch längst nicht gerettet.

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