Marco Schaible war gerade mal Anfang 30 als ihn sein Unternehmen, ein schwäbischer Mittelständler aus Freudenstadt, nach China schickte, um das dortige Tochterunternehmen wieder auf Vordermann zu bringen. Insgesamt acht Jahre verbrachte Schaible in China, darunter auch die herausfordernden Corona-Jahre. Was er in dieser Zeit erlebt hat, wie er den Turnaround schaffte und dadurch auch letztendlich dem Mutterhaus zum Überleben verhalf, beschreibt Schaible in einer Serie. Es ist ein Lehrstück über das Leben und Überleben eines Mittelständlers in China.
Allein in Songjiang
Ich wohnte im Hotel, direkt neben der Fabrik. Und ich hatte keine Freunde.
Songjiang, am Rand von Shanghai. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, neben dem Werk zu wohnen – um schnell reagieren zu können, wenn etwas war. Und es war oft etwas. Die Arbeit füllte mich aus, bis spät in die Nacht. Das war auch gut so. Denn viel anderes gab es nicht.
In Songjiang gab es kaum Menschen wie mich. Kein Anschluss, keine Freunde, kein richtiges Zuhause – nur ein Hotelzimmer und die Fabrik. Mit Kollegen etwas unternehmen? Das ging nicht. Ich hatte mich bewusst für Abstand entschieden. Ich wusste, dass ich mich von einigen Mitarbeitern würde trennen müssen. Nähe hätte das nur schwerer gemacht.
Am Wochenende fuhr ich nach Shanghai. Eine Stunde mit Auto oder Bahn. Dort gab es viele junge, smarte Expats wie mich. Aber in ihre Kreise kam ich nicht rein – ich war ja nur ab und zu da. Anschluss findet man nicht an zwei Tagen im Monat.
Und dann das Essen. Die Kantine schmeckte mir nicht, anfangs war die Qualität auch wirklich schlecht. In Songjiang fand ich sonst kaum etwas, das ich kannte. Also fuhr ich am Wochenende zu Carrefour, kochte Tomatensoße auf Vorrat und fror sie ein. Damit ich abends wenigstens Pasta hatte. Etwas, das nach Zuhause schmeckte.
Das hat mich damals sehr belastet. Allein zu sein, nur wegen der Arbeit an einem Ort, der nie ein Zuhause wurde.
Heute weiß ich: Das gehört dazu. Wer so eine Aufgabe annimmt, übernimmt nicht nur Verantwortung im Werk. Das Leben außerhalb der Werktore ist genauso eine Herausforderung. Manchmal die größere.
Meine erste Kündigung
Ich hatte in meinem Leben noch nie jemanden gekündigt. Der Erste war einer, der nicht einmal mein Mitarbeiter war. Was machst du mit einem Menschen, der gar nicht optimiert werden will, der eine eigene Agenda hat?
Du kannst ihn nicht verbessern. Du musst dich trennen. Es ging um den damaligen Service Manager. Laut Organigramm gehörte er nicht einmal in meinen Bereich – er war keiner meiner Leute. Aber er hatte Macht. Viel Macht. Mein chinesischer Kollege hatte Angst vor ihm.
Er legte sich ständig mit meinen Mitarbeitern an. Im Meetingraum wurde es einmal fast handgreiflich. Er war lange dabei. Eine Trennung würde schwierig werden.
Und trotzdem sollte ich sie umsetzen. Ich hatte bis dahin noch nie jemanden gekündigt. Noch nie. Und jetzt sollte ich jemanden rauswerfen, der nicht einmal mein Mitarbeiter war. Ich hatte auch Angst. Aber weniger als mein Kollege. Ich wusste, dass es richtig war. Also zog ich es durch.
Am nächsten Morgen blockierte er die Einfahrt. Lieferanten kamen nicht rein. Mitarbeiter kamen nicht rein. Ein einzelner Mann hatte die ganze Fabrik im Würgegriff. Wörtlich. Er erpresste mich – er wollte seinen Job zurück. Ich blieb hart. Ich rief die Polizei. Er musste die Straße räumen. Es war hart. Aber danach spürte ich etwas anderes: Erleichterung. Bei allen. Es war überfällig gewesen.
Und auf einmal liefen auch die anderen Optimierungen wieder schneller. Effektivität vor Effizienz – das galt auch hier. Manchmal ist die größte Optimierung kein Prozess. Sondern eine Entscheidung über einen Menschen. Du kannst Abläufe verbessern, so viel du willst. Wenn einer mit eigener Agenda alles blockiert, hilft keine Methode.