DISKUSSION I Beida statt Harvard, Beijing statt Boston – ein neuer Trend?

Mark Logan (42) ist ein ehemaliger britischer Parlamentsabgeordneter. Auf der Insel gilt Logan, der eine Zeitlang auch im Britischen Generalkonsulat in Shanghai gearbeitet hat, als China-Versteher. Am 10. Juli veröffentlichte er auf seiner Homepage einen interessanten, durchaus provokativen Artikel mit der Überschrift „Western Elites backing own kids in choosing to study in China” Und in der Unterzeile fragt er: “Are we seeing a reversal in a centuries old trend? Auf Deutsch gefragt: Gehen künftig mehr Studierende aus dem Westen nach China und kehren damit einen Trend um, der seit über 100 Jahren anhält?

Früher, gegen Ende des 19. Jahrhunderts und im beginnenden 20. Jahrhundert, gingen viele chinesische Reformer, Studenten und künftige Revolutionäre zum Studieren ins westliche Ausland – an Unis und in Fabriken. Republikgründer Sun Yat-sen zum Beispiel studierte Medizin in der britischen Kronkolonie Hongkong, der spätere Außenminister Zhou Enlai war in Japan und Frankreich, der legendäre Deng Xiaoping verbrachte in den 20er Jahren ebenfalls einige Jahre in Frankreich. Rund 60 Jahre später, nach Beginn der Reform- und Öffnungspolitik, durften junge Chinesen wieder zum Studieren ins Ausland – und machten davon massenhaft Gebrauch. Vor allem die US-Universitäten zogen sie wie ein Magnet an. Auch Kinder hoher Parteifunktionäre studierten im kapitalistischen Feindesland. So zum Beispiel auch Xi Jinpings Tochter Xi Mingze an der Harvard University.

Dieser Trend soll sich nach Logans Einschätzung umgekehrt haben. Immer mehr Studierende aus dem Westen würden nun nach China gehen. Aber seine Beispiele für eine Umkehr dieses Trends sind etwas dünn. Er erwähnt Weißrusslands Alleinherrscher Aleksander Lukaschenko, der kürzlich in China auf Staatsbesuch war und dabei auch seinen jüngsten Sohn Nikolai besuchte, der gerade seinen Abschluss an der Beida in Biotechnologie gemacht hat. Dass Autokratenkinder in China studieren, überrascht freilich nicht. Eher schon ein anderes Beispiel, das Logan erwähnt: Der Sohn von Guto Harri, der ehemalige Kommunikationsdirektor unter Premier Boris Johnson, machte gerade seinen Abschluss in Diplomacy an der Beijing Foreign Studies University. Dann erwähnt er noch die britische Schauspielerin Rosamund Pike, die stolz auf ihren Mandarin-lernenden Sohn ist. Logan schließt daraus: „This will become increasingly less eccentric. It’s starting to look like a live option for the children of the Western establishment and aspirational too.”

Nein, das ist keine Beweiskette für die These, dass Chinas Unis für Studierende aus dem Westen attraktiver geworden sind.

Belastbarer ist eine andere These, die Logan kurz am Ende seines Artikels streift: Immer mehr Forschende und Lehrende zieht es an Chinas beste Universitäten. Logan nennt den Chemie-Nobelpreisträger Omar Yaghi, der soeben nach fast 50 Jahre an der University of California Berkeley an die Tsinghua Uni nach Beijing wechselte, Oder den deutschen Biochemiker Hartmut Michel, der nun an der Jilin Uni forscht und lehrt. Oder den französischen Physiker Gérard Mourou, der jetzt an der Beida ist. Das seien nicht – so Logan – „honorary appointments, they’re full relocations of active researchers”. Und weiter: “If laureates in their sixties and seventies are willing to uproot decades-long careers for Beijing, that’s arguably a strong signal.”

Diesen Wechsel von Forschern aus dem Westen nach China kann man eher als Trend bezeichnen. Es ist sogar ein doppelter Trend, denn neben diesen oben erwähnten westlichen Forschern zieht es auch immer mehr chinesisch-stämmige Wissenschaftler zurück in ihre Heimat. Die South China Morning Post veröffentlichte gerade eine Liste von zehn chinesischen Forschern, die allein im ersten Halbjahr 2026 Elite-Unis in Großbritannien und den USA verlassen haben, um künftig an der Beida, Tsinghua oder auch an den Hongkonger Unis zu lehren und zu forschen.

Die große Frage ist, ob diesen Lehrenden irgendwann auch die Studierenden folgen werden.

Info:

Hier der Artikel von Mark Logan: https://marklogan.substack.com/p/western-elites-backing-own-kids-in

Hier die Liste von nach China zurückkehrenden Wissenschaftlern in The South China Morning Post: https://www.scmp.com/news/china/science/article/3359883/10-scientists-and-experts-who-have-left-us-and-uk-china-so-far-2026

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