SPORT I Wie der Fußball in China entstand

Alle vier Jahre, wenn mal wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, kommt die Frage hoch: Wer hat dieses Ballspiel erfunden? Der durchschnittliche Fußballfan antwortet wie selbstverständlich: England, das als Mutterland des Fußballs bezeichnet wird. Im 19. Jahrhundert sollen auf der Insel junge Männer einem Ball hinterhergelaufen sein, um ihn in ein Tor zu bugsieren. Soweit die gemeine Fußball-Historie. Aber stimmt sie? Nein, sagen Historiker und Sinologen wie zum Beispiel der Tübinger Professor Hans-Ulrich Vogel.

Nach deren Sicht stammt der Fußball aus China. Irgendwann im 3. Jahrhundert vor Christus sollen dort Chinesen gegen einen mit Federn und Haaren gefüllten Lederball getreten haben. Cuju wurde das Spiel genannt. Tore im heutigen Sinne gab es damals nicht. Tore damals waren entweder kleine schartenähnliche Öffnungen an der Seitenlinie oder sie hingen als Netze in luftiger Höhe von acht bis zehn Metern. Torwarte gab es damals nicht.

Das Spiel war zu Beginn nicht als Unterhaltung für zuschauende Massen gedacht. Es diente eher der Körperertüchtigung der Soldaten. Im 3. Jahrhundert befand sich China in der äußerst kriegerischen Phase der Streitenden Reiche. Eines der Reiche war Qi. In dessen Hauptstadt Linzi sollen die ersten Cuju-Spiele stattgefunden haben. Deshalb steht in Linzi – heute eine Stadt in der Provinz Shandong – ein Fußballmuseum.

In der Han-Dynastie (206 vor Christus – 220 nach Christus) verbreitete sich Cuju auch außerhalb der Kasernenhöfe. Erst wurde es am kaiserlichen Hofe gespielt, später dann auch auf Plätzen und Straßen in den Städten des entstehenden Reiches. Den Herrschenden kam das Spiel zupass, denn es trug durch seine Verbreitung zur Einheit des Reiches bei. 

Richtig populär wurde Cuju in der Tang-Dynastie (618-907). In deren Hauptstadt Chang’an gab es in den Gärten der großen Villen zahlreiche Fußballfelder. Es gab erste Regeln und die ersten Fußballklubs entstanden, die Trainer und Sponsoren hatten. Die besten Spieler hatten Kultstatus wie Schauspieler oder Musiker. In der Song-Dynastie (960-1279) setzte sich der Siegeszug des Fußballs fort. Spiele fanden auf öffentlichen Plätzen statt. Auch in Schulen, ja sogar in Tempeln, wurde der Ball getreten, der inzwischen mit Luft gefüllt war.

Doch in den folgenden Dynastien verlor Cuju immer mehr an Bedeutung. Erst im späten 20. Jahrhundert entdeckte China wieder den modernen Fußball, in dem das Land aber trotz aller Bemühungen und Wünsche des obersten Fußballfans Xi Jinping keine gr0ße Rolle spielt.

Aber immerhin hat die allmächtige FIFA, der Weltfußballverband, inzwischen anerkannt, dass Cuju als Vorläufer des heutigen Fußballs zu bezeichnen ist. Im virtuellen FIFA-Museum wird Cuju entsprechend gewürdigt.

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