GESELLSCHAFT I Wie KI in China diskutiert wird

Künstliche Intelligenz ist auch in China ein großes Thema. Es wird aber auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich diskutiert. Auf allerhöchster politischer Ebene werden Chinas KI-Erfolge als Beweis angesehen, dass China bei einer der wichtigsten Zukunftstechnologien mit den USA mithalten kann. Der überraschende Auftritt von DeepSeek im Januar vergangenen Jahres war deshalb ein Moment des nationalen Stolzes, der von den Medien und der chinesischen Führung genüsslich ausgeschlachtet wurde. Auch der aktuelle Angriff von Zhipu auf Anthropic wird natürlich wohlwollend betrachtet. Ebenso sieht sich China in der  sogenannten embodied AI – also dem Zusammenwachsen von KI und Robotik – mindestens auf Augenhöhe mit den USA. Keine Frage: China kann zu Recht stolz auf diese Entwicklungen der vergangenen Jahre sein. Aber das ist nur die eine, die positive Seite der Medaille.

Die andere Seite ist weniger glänzend. In gewissen Bevölkerungsgruppen grummelt es. Die Menschen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Da sind die Taxifahrer, die Angst haben durch das Aufkommen selbstfahrender Autos überrollt zu werden. Da sind Fabrikarbeiter, die fürchten, durch Tag und Nacht arbeitende Roboter ersetzt zu werden. Da sind Schauspieler, die durch KI-erzeugte Filme ihre Jobs verlieren. Und da sind vor allem junge Leute, die von Zukunftsängsten geplagt werden. Und das sind in einer Zeit, in der die Jugendarbeitslosigkeit ohnehin schon hoch ist. Im Mai betrug die Arbeitslosenquote der 16- bis 24jührigen 15,6 Prozent. Das Parteiblatt People´s Daily berichtete schon vergangenes Jahr von einer Umfrage, dass bei jungen Leuten nach den hohen Lebenshaltungskosten der Einfluss von KI ihre größte Sorge ist. Eine Umfrage des Tencent Research Institute im September bestätigte diese Sorge. Danach gaben rund 80 Prozent der Interviewten an, dass sie besorgt seien „that their professional skills would be devalued by AI.“

Matt Sheehan (Carnegie Endowment) schreibt in seinem Newsletter (6. April): “Over the past two years, worries about AI displacing workers and leading to structural unemployment have shot up in China.” Zwei Wochen zuvor hat Tech-Journalist Tony Peng in seinem Newsletter “Recode China AI” (16. März) gemeldet: “AI anxiety is spreading among people in China.” Als Beweis nennt er den sprunghaften Anstieg des Wortes ”AI Anxiety“ (AI焦虑)im sozialen Medium Weibo.

Die KI-Angst in der Bevölkerung wird genährt durch Aussagen wie die von Richard Liu, dem Gründer des E-Commerce-Unternehmens JD.com. Er sagte am 21. Juni auf dem APAC Business Leaders Forum in Beijing: „In the future, robots will handle all deliveries. There won´t be any need for couriers.” JD.com hat derzeit über 700 000 Fahrer im Einsatz. Sind sie bald alle überflüssig? „Sooner or later“, antwortet Richard Liu.

Auch in intellektuellen Kreisen hat man das Thema aufgegriffen. Der in Beijing lebende Journalist Fred Gao schreibt in seinem Newsletter “Inside China”(24. Juni): „What I see in recent days, is a growing number of policy advicers have been tapping the brakes on AI development.” Er zitiert Jiang Xiaojuan (ehemalige stellvertretende Generalsekretärin des Staatsrats), die eine vorsichtigere KI-Politik anmahnt. Oder Cai Fang (Mitglied des geldpolitischen Komitees der Zentralbank), der vor einer Spaltung auf dem Arbeitsmarkt warnt – in Profiteure und Verlierer des AI-Booms.

Wie reagiert die chinesische Führung auf diese KI-Diskussion im Lande? Matt Sheehan schreibt: „The CCP is increasingly worried about Chinese people worrying about losing their jobs to AI.” Als Folge hat sie ihre allzu euphorische KI-Politik etwas modifiziert. „Beijing´s tone noticeably softened”, schreiben Irene Zhang und Nick Corvino in einem umfangreichen Beitrag für ChinaTalk (19. Juni). Hätte es anfangs noch harsche Kritik an den ängstlichen KI-Kritikern gegeben, so sei diese Haltung einer mehr ausbalancierten Position gewichen. Die gegenwärtige Parteilinie ist ein Spagat: Einerseits ermutigt man die Unternehmen, KI einzusetzen. Andererseits will man die Beschäftigten trainieren, um diesen neuen Aufgaben gewachsen zu sein. Und sollten Mitarbeiter dann doch überflüssig werden, sollen ihnen Umschulungen angeboten werden. Diesen Weg hat auch JD.com-Gründer Richard Liu angekündigt. Bei oben erwähnter Konferenz sagte er: „I don´t want over 700 000 brothers to have no food or work.“ Deshalb hat sein Unternehmen Verträge mit 120 Schulen abgeschlossen, an denen die vor einer möglichen Entlassung stehenden Fahrer geschult werden, wie man Roboter instandhält und repariert. Dieses Beispiel macht offenbar Schule.

Vor diesem Hintergrund ist auch die jüngst vom Staatsrat verabschiedete „employment-first strategy“ im neuen Fünfjahresplan zu verstehen. Fred Gao interpretiert sie „as a head-on response to AI´s employment shock”. Aber an eine Ausweitung des sozialen Netzes, um durch KI arbeitslos werdende Chinesen zu unterstützen, ist nicht gedacht. Parteichef Xi Jinping hat wiederholt deutlich seinen Widerwillen gegen „Welfarism“ ausgesprochen.

Info:

Irene Zhang und Nick Corvino in ChinaTalk: https://www.chinatalk.media/p/chinese-society-has-an-ai-problem

Beitrag von Fred Gao: https://www.fredgao.com/p/why-chinese-will-embrace-aiwhether

Artikel von Matt Sheehan: https://mattsheehan.substack.com/p/china-is-getting-worried-about-ai

Artikel von Tony Peng: https://substack.com/home/post/p-191088685

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