WISSENSCHAFT I Ein Doktorand entlarvt akademische Betrüger

Geng Hongwei war Doktorand in Biologie an der Beihang Universität in Beijing. Ende 2025 hörte er mit seiner Promotion auf und fing als Blogger unter dem Namen „Geng Tongxue Tells Stories“ an. Auf Bilibili und anderen sozialen Medien schrieb er über Wissenschaftsthemen. Berühmt wurde er allerdings durch diverse Videos, die er zwischen dem 9. April und dem 12. Mai auf Bilibili und Douyin veröffentlichte. In diesen warf er mehreren Wissenschaftlern vor, in ihren Publikationen geschwindelt bzw. unsauber gearbeitet zu haben, um ihre wissenschaftliche Karriere zu pushen. In China gibt die Regel: Je mehr Output, desto besser die Karrierechance. Betroffen von der Recherche Gengs waren Wissenschaftler renommierter Unis wie die Tongji in Shanghai, die Nankai Uni in Tianjin, die Sun Yat-sen Uni in Guangzhou, die East China Normal University in Shanghai und die Hunan University. Mehrere Betroffene traten zurück, darunter auch der Dekan der School of Life Science and Technology an der Tongji University.

Man könnte nun annehmen, dass Geng als akademischer Nestbeschmutzer tituliert und seine Videos aus dem Verkehr gezogen würden. Aber nein, das Gegenteil ist eingetreten: Die Staatsmedien griffen das Thema auf. Die Nachrichtenagentur Xinhua gewährte Geng Hongwei ein Interview. Die Online-Ausgabe von People’s Daily berichtete über die Enthüllungen und wertete sie als gravierende Mängel im chinesischen Wissenschaftsbetrieb. Geng Hongwei hat offensichtlich eine öffentliche Debatte über die Qualität der chinesischen Wissenschaft losgetreten, die von der Führung offenbar nicht unterdrückt wird.

Auch in der Wissenschaft selbst wird das Thema diskutiert. Sehr dezidiert hat sich Wang Mingyuan geäußert, Forscher an der Beijing Reform and Development Research Association. In einem WeChat-Beitrag kritisiert er die “ publication bubble“ in China. Er kritisiert die Flut von wissenschaftlichen Papieren und schreibt: „The greatest value of academic and intellectual work lies in originality, not in the sheer volume of output.“ In den letzten zwei, drei Jahrzehnten hat die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen weltweit rapide zugenommen, aber besonders deutlich in China. Wang untermauert diese Aussage mit Fakten: So habe die Zahl der chinesischen Papiere, die in Zeitschriften des Nature Index veröffentlicht wurden, von 5022 (2014) auf 31 122 (2024) zugenommen. Chinesische Wissenschaftler – so Wangs Vorwurf – produzieren viel Masse, aber wenig Klasse. So haben Forscher an den diversen Instituten der Chinese Academy of Sciences (übrigens die größte Wissenschaftsorganisation der Welt) zwischen 2020 und 2023 über 100 000 sogenannte SCI-Papier veröffentlicht. Aber nur 1525 davon gelten als Top-Papiere, die es unter die besten ein Prozent aller Veröffentlichungen schaffen. Ganz anders und effizienter sieht es zum Beispiel bei der amerikanischen Stanford University aus. Dort wurden im vergleichbaren Zeitraum “nur“ 47 168 Papiere veröffentlicht, davon schafften es aber 1813 unter die Elitepapiere.

Wie Geng Hongwei fordert auch Wang angesichts der Flut von wissenschaftlichen Papieren eine Reform des chinesischen Wissenschaftsbetriebs, der weniger quantitative Ziele setzen solle und stattdessen mehr qualitative. Geng Hongwei will übrigens weiterhin Papiere von Wissenschaftlern untersuchen, aber künftig Namen von Autoren nicht mehr öffentlich nennen, sondern diese nur mit der Universitätsleitung teilen. Er fürchte inzwischen um die Sicherheit seiner Familie, schreibt er. 

Info:

Hier ein Artikel in dem Newsletter Eastisread mit der englischen Übersetzung des WeChat-Beitrags von Wang Mingyuan: https://www.eastisread.com/p/phd-dropouts-expose-forces-an-academic

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